© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-08 vom 16. Februar 2008

Weltwille und Weltvorstellung
Vor 220 Jahren wurde Arthur Schopenhauer in Danzig geboren
von Rüdiger Ruhnau

Es gibt Männer, die man bewundert, es gibt Männer, die man verehrt, und es gibt Männer, die man liebt. Arthur Schopenhauer, geboren am 22. Februar 1788 in Danzig, wird von vielen verehrt, obwohl er kein Glaubensstifter gewesen ist. Der Philosoph hat einmal geschrieben, daß er sich einer „Republik der Gelehrten“ zugehörig fühlte, einer elitären Schicht also, die zwar auch als Zweibeiner durch das Leben wandelt, jedoch infolge ihres Intellekts mit der „überaus großen Masse der ausschließlich an materiellen Dingen Interessierten“ wenig gemein hat.

Kein anderer Philosoph ist so volkstümlich geworden wie er. Seine „Aphorismen zur Lebensweisheit“, ein Teil aus „Parerga und Paralipomena“, stehen nicht nur im Bücherschrank, sie werden in allen Volksschichten gelesen und immer wieder neu aufgelegt. Es ist herausragend in der Philosophie, daß der Titel von Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ gleichzeitig die Summe des Inhalts seines Denkens ausdrückt. Seine echt philosophische Frage lautet, warum ist überhaupt die Welt? Er beantwortet sie mit dem in jedem organischen Wesen vorhandenen „Willen zum Leben“, der unabhängig vom Individuum ist und nur der Erhaltung der Art dient. Dieser Wille ist beim kleinsten Insekt so beherrschend wie beim Menschen. Der Wille ist metaphysisch und der Organismus ist die Objektivation des Willens. Der Weltwille ist das Urphänomen des Lebens, der Intellekt dagegen ist – entwicklungsgeschichtlich betrachtet – das Sekundäre, welches das metaphysische Wollen als solches erkennen kann.

Arthur Schopenhauer meint mit „Wille“ nicht das vom Individuum bewußte Wollen, sondern er versteht darunter einen Vorgang, wie beispielsweise das Atmen, das unbewußt vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird. In die moderne Sprache der Naturwissenschaft übersetzt, heißt dies: Wenn ein Individuum aus einer winzigsten Eizelle entsteht, dann sind alle späteren Lebensprozesse in den DNS-Molekülen des Zellkerns programmiert. Es gibt auch keinen Gegenstand, sei er organischer oder anorganischer Natur, der in absoluter Ruhe verharrt. Jede Materie – und außerhalb dieser gibt es nichts – ist aus Atomen aufgebaut, und in jedem Atom ist eine dauernde Bewegung vorhanden, sowohl der Nukleonen innerhalb des Atomkerns als auch der Elektronen in der Atomschale. Hier gleicht der Mikrokosmos dem Makrokosmos. Auf Schopenhauers Erkenntnislehre folgt seine Erlösungslehre. Fassen wir beide zusammen: Raum, Zeit, Kausalität sind die Formen der Objektwelt, diese ist Materie und als solche dem Kausalitätsgesetz unterworfen. Der Mensch ist Subjekt und Objekt zugleich. Das „Ich“ als Subjekt ist der Wille. Dieser ist auch ein Ausdruck der Arterhaltung. Dann ist er aber „Weltwille“ und damit ein metaphysisches Problem. Immanuel Kants „Ding an sich“ ist bei Schopenhauer der „Weltwille“. Er entwickelt sich nicht zielstrebig, sondern ist ziellos und blind. Das individuelle Leben ist ein sinnloses „Sich-im-Kreise-drehen“, ein „Hasten nach Scheinwerten“ mit dem Tode als Ende. Der Intellekt durchschaut die Sinnlosigkeit des Lebens. Die Verneinung des Willens zum Leben bringt die Erlösung. Es gibt zwei Arten der Erlösung, eine vorübergehende und eine bleibende (permanente). Die temporäre Erlösung besteht im Anschauen von ästhetischen Werten, im Betrachten von Kunst, im Hören von Musik. Die permanente Erlösung ist erreichbar durch Loslösung von der Welt, zum Beispiel als existierender buddhistischer Mönch oder als christlicher Einsiedler.

Arthur Schopenhauer war im Deutschland der 19. Jahrhundertmitte eine einmalige Erscheinung; ein vermögender Privatgelehrter, völlig unabhängig, der seine Zeit mit rastlosem Nachdenken zubrachte und nicht den zweifelhaften Vergnügungen der Welt nachjagte. Er setzte sich selbst das Maß und zwang sich zu einem geregelten Lebenslauf.

Wohl selten hat jemand die wissenschaftliche Literatur seiner Zeit so gründlich gekannt wie das Sprachgenie Schopenhauer, dessen Werke von Zitaten in allen Weltsprachen nur so strotzen. Der Philosoph aus Danzig war ein Meister der deutschen Sprache, seine Gedanken verdeutlichte er mittels zahlreicher, aus dem Leben stammender Vergleiche. Er kritisierte die verschwommene, nichtssagende Ausdrucksweise der „für Geld philosophierenden Universitätsprofessoren. Die größte Gefahr aber“, meinte er, „drohe der deutschen Sprache von den Zeitungsschreibern, da ihre Blätter, vermöge der Trivialität ihres Inhalts, das allergrößte Publikum haben“.

Spät, doch nicht zu spät, erreichte den einsamen Denker der Ruhm. Schopenhauer wußte, was er wert war. Er wünschte, seine Wirksamkeit möge in dem Verhältnis lange dauern, als sie spät angefangen hat. Seine Hoffnung, 100 Jahre alt zu werden, erfüllte sich nicht, obwohl er eine erstaunlich robuste Gesundheit besaß. Er starb am 21. September 1860 in Frankfurt am Main. Zum Universalerben hatte er den in Berlin eingerichteten „Fonds zur Unterstützung der in den Jahren 1848 und 1849 invalide gewordenen preußischen Soldaten“ eingesetzt. Schopenhauers Geburtshaus in Danzig und seine letzte Wohnung in Frankfurt a. M. sind zerstört. Heute wird das Andenken an ihn von der 1911 gegründeten Schopenhauer-Gesellschaft wahrgenommen, die auch das Schopenhauer-Archiv bei der Universitätsbibliothek Frankfurt unterhält.


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