© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-08 vom 16. Februar 2008

Von verrucht bis elegant
Zwei Ausstellungen zeichnen das Bild der Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts
von Silke Osman

Die jüngste Ausstellung des städtischen Musée Galliera in Paris ist „verruchten“ Frauenzimmern gewidmet. „Les Années folles, 1919–1929“ (Die verrückten Jahre) lautet der Titel kurz und bündig. Thema ist die Damenmode des Jahrzehnts zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Schwarzen Freitag. Pailletten oder Stickereien aus Metallperlen und Strass auf Abendroben und Cocktailkeidern erfreuen die Blicke der Besucher(innen). Die vielfältigen Exponate aus der Museumssammlung (170 Modelle, 200 Accessoires sowie 50 Parfums und Kosmetika) sind erstaunlich gut erhalten.

Die Frau hatte sich gewandelt in diesem Jahrzehnt: Der Körper schlank und flachbusig; der Kopf klein; Arme, Beine und Rücken mußten vorzeigbar sein. Die Betonung des Körpers lag nicht mehr auf Taille und Busen, sondern auf Schultern und Hüften. Auch Accessoires und Kosmetika repräsentieren die neue Linie und runden so das Bild eines Jahrzehnts ab, das voller Bewegung und Umbrüche war.

Auch in Berlin widmet man sich derzeit der Mode zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Georg-Kolbe-Museum präsentiert unter dem Titel „Glamour! Das Girl wird feine Dame“ Frauendarstellungen in der späten Weimarer Republik. Bis heute versteht man unter dem Begriff „Glamour“ mondäne Filmdiven, elegante Mode, präsentiert von unnahbaren Mannequins. Schönheiten, die unerreichbar fern auf der Leinwand oder in den Modezeitschriften das Frauenideal verkörperten, dem frau nacheiferte. Ein neuer Typ war geboren beziehungsweise kreiert worden: die Dame.

„Die ,Neue Frau‘, die bis dahin vor allem in Berlin das Gesellschaftsbild bestimmte und sich vergnügt über tradierte Vorstellungen hinwegsetzte, war ein Novum in der Geschichte“, erläutert Verena Dollenmaier, Kuratorin der Berliner Ausstellung, die Entwicklung. „Frauen waren nun berufstätig und wollten sich in kurzen Kleidern mit weiten Taillen ungehindert bewegen können. Sie schienen selbstbestimmt zu leben und befreit zu sein von alten Zwängen und bürgerlichen Wertvorstellungen: Die Emanzipation erreichte einen ersten, wenn auch kurzen Höhepunkt.“

„Vor allem das Aussehen und das Auftreten der Hollywood- und Ufa-Stars prägten das neue Weiblichkeitsbild der Zeit um 1930. Die Verbesserung der Filmtechnik veränderte auch die optische Wirkungsmöglichkeit der Darsteller; durch stärkere Konturen und Tiefenschärfe wirkten sie auf der Leinwand natürlicher und gleichzeitig ausdrucksvoller … Das Kino mit seinen Rekord-Besucherzahlen war zum absoluten Massenmedium geworden, man entfloh dem Alltag und träumte vielleicht selbst von einer Karriere beim Film. Der Einfluß der Schauspielerinnen auf den allgemeinen Zeitgeschmack war immens: Kein anderer Bereich des gesellschaftlichen Lebens konnte dem Publikum so viele Identifikationsfiguren bieten“, betont Dollenmaier.

Marlene Dietrich, Greta Garbo, Lil Dagover, Lilian Harvey, Elisabeth Bergner oder Brigitte Helm waren bewunderte Vorbilder. Sie waren nicht nur auf der Leinwand präsent, sondern auch in den Modezeitschriften wie „Die Dame“ oder „Elegante Welt“. Auch wurden sie nicht nur von bedeutenden Lichtbildnern fotografiert, sondern auch von Künstlern porträtiert. So malte Leo von König  Lil Dagover in der Pose einer glamourösen Filmdiva.

Aber auch eigenständige Kunstwerke wie die Bilder der Polin Tamara de Lempicka, die Titelbilder für die Modezeitschrift „Die Dame“ schuf, prägten das Bewußtsein der Verbraucherin. Ebenso die Modefotografie, die sich in diesen Jahren immer weiter entwickelte und mit raffinierten Licht- und Schatteneffekten ihre Modelle geradezu in Szene setzte. „Die Mode in den Jahren um 1930 war spektakulär: Fließende Stoffe und raffinierte Schnitte hoben die feminine Seite der Frau hervor; im Gegensatz zu den früheren 1920er Jahren waren die Kleider wieder länger und sehr körperbetont. Eleganz war das Leitwort und der neue Stil zeichnete sich durch zurückhaltenden Luxus sowie Raffinesse im Detail aus“, so Dollenmaier. „Natürlich verlangten die hautengen Kreationen eine Trägerin, die ihren Körper sportlich geformt hatte: schlanke und geschmeidige Glieder waren die Voraussetzung für ihre optimale Wirkung. Schlank zu sein und Sport zu treiben drückte zu dieser Zeit ein allgemeingültiges Lebensgefühl aus, das Gesundheit, Beweglichkeit, Schönheit und Anmut ins Zentrum rückte.“ Und so widmet sich die Berliner Austellung auch dem Thema Sport, wenngleich selbst der Sport „damenhaft“ betrieben wurde. So bevorzugt frau elegante Sportarten wie Tennis, Golf, Fechten oder Bogenschießen. Gemälde, Skulpturen, Kleider, Fotografien und Zeichnungen erinnern an das Bild der Frau zwischen 1928 und 1933. Doch es wird nicht lange dauern, und der Stil wird sich erneut ändern. Die Frau als Mutter, heimat- und erdverbunden, wird ein neues Bild erstehen lassen.

Musée Galliera, 10, avenue Pierre 1er de Serbie, 75116 Paris, geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 7 / 5,50 Euro, bis 30. März

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin, geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, bis 12. Mai

Foto: Beeinflußte den Geschmack der Damenwelt: Titelblatt der Modezeitschrift „Elegante Welt“ aus dem Jahr 1932


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