© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-08 vom 16. Februar 2008

Auschwitz überlebt
Ein Jude über sein Leben

Der ungewöhnlich lange Untertitel von „Ein Glückskind – Wie ein kleiner Junge zwei Ghettos, Auschwitz und den Todesmarsch überlebte und ein zweites Leben fand“ skizziert den Inhalt. Nach der spannenden und meist bedrückenden Lektüre weiß der Leser auch, daß der Haupttitel ins Schwarze trifft. Denn angesichts der aufgezählten Erlebnisse waren die Überlebenschancen des bei Kriegsende knapp Elfjährigen gleich Null. Auch seine Mutter hat das Lager überlebt, während der Vater auf ungeklärte Weise den Tod fand.

Thomas, der 1951 in die USA auswanderte, brachte es dort bis zum Professor für Völkerrecht, mit dem Schwerpunkt Menschenrechte. Dafür ist niemand sonst besser schicksalserprobt, zumal  ihn sein jahrelanger Weg durch die Hölle nicht verblendet, nicht zum Hasser gemacht hat. So schreibt er schon im Vorwort: „Wie alle Tragödien brachte der Holocaust seine Helden und Schurken hervor, und andere, die, um sich selbst zu retten oder nur wegen eines Stückchens Brot, dabei halfen, ihre Mitmenschen in die Gaskammern zu schicken. Dies ist auch die Geschichte einiger Deutscher, die mitten im Gemetzel ihre Menschlichkeit nicht aufgaben.“

Die Odyssee des jüdischen Kindes beginnt im Frühjahr 1939 mit dem Einmarsch der Wehrmacht in den Rest der Tschechoslowakei, wo es mit seinen Eltern wohnt. Die Familie flieht nach Polen. Am 1. September beginnt der Polenfeldzug. Die jüdischen Flüchtlinge fragen sich, ob sie nun die Flucht in die Sowjetunion fortsetzen sollten. Doch sie vernehmen immer die gleiche Botschaft: „Es passieren schreckliche Dinge dort. Als Ausländer sollte man sich fernhalten. Viele Fremde werden nach Sibirien geschickt.“ So landen Thomas und seine Eltern im Ghetto von Kielice, bis sie nach rund vier Jahren auf den Transport nach Auschwitz kommen.

Hier wie dort bilden die Opfer keine verschworene Gemeinschaft, während einige Täter gelegentlich Mitleid offenbaren. Für die polnischen Juden sind die Juden aus Deutschland „jekkes“, denen gegenüber Vorsicht geboten sei. Im Vernichtungslager wird unser kleiner Held gleich Zeuge eines brutalen Mordes durch Kapos. Das Opfer soll einen der Täter zwei Jahre zuvor denunziert haben. „Die Kapos machten sich zu Helfershelfern der SS, indem sie ihre Mithäftlinge schlugen, sie dazu zwangen, bis zur totalen Erschöpfung zu arbeiten oder sie um ihre Essensrationen brachten.“ 

Das „Glückskind“ dürfte eine der letzten Veröffentlichungen sein, in der eigene Erlebnisse aus der NS-Ära zur Darstellung gelangen. Fast alle anderen Zeugen hat der Tod schon hinweggerafft. Um so wertvoller ist Buergenthals Vermächtnis, „daß Verallgemeinerungen über den Holocaust, die deutsche Schuld oder darüber, was Deutsche wußten oder nicht wußten, uns nicht weiterhelfen, wenn es darum geht, die bestimmenden Kräfte einer der größten Tragödien der menschlichen Geschichte zu begreifen.“          Konrad Löw

Thomas Buergenthal: „Ein Glückskind – Wie ein kleiner Junge zwei Ghettos, Auschwitz und den Todesmarsch überlebte und ein zweites Leben fand“, S. Fischer, Frankfurt / M. 2007, 272 Seiten, 19,90 Euro


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