© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-08 vom 16. Februar 2008

Der »Soldatenkönig« besteigt den Thron
Am 25. Februar 1713 trat Friedrich Wilhelm I. von Preußen die Nachfolge seines Vaters Friedrich I. an
von Karel Chemnitz

Überraschend kam der Tod des alten Königs für niemanden am Berliner Hof. Am 25. Februar 1713 segnete Friedrich I. das Zeitliche und noch am Abend regierte in Preußen-Brandenburg ein neuer Herrscher. Schon lange vorher rätselten ausländische Fürsten und einheimischer Adel, wie sich der Neue auf dem Thron machen würde. Der Verstorbene, der sich im Winter 1701 in Königsberg als erster aus dem Hause Hohenzollern krönen ließ, galt als berechenbar. Als Verschwender und Schulden-Macher, aber auch als kunstsinnig und Förderer der Wissenschaften. Und wenn man es richtig anstellte, war er eine „goldene Kuh“, die sich gut melken ließ.

Der Sohn entsprach dagegen kaum den Vorstellungen, die man sich damals und heute von einem absoluten Herrscher jener Zeit machte. Während Ludwig XIV. in Frankreich oder August der Starke in Sachsen ihre Macht durch Luxus und Verschwendung demonstrierten, erschien der Brandenburger als ein Sonderling. Dazu kam: Der nunmehr 24jährige Friedrich Wilhelm I. vergötterte alles, was mit dem Militär zusammenhing. Und er war nahezu krankhaft sparsam. Sowohl privat als auch in Sachen Staatsfinanzen. Erotische Seitensprünge, wie sie in den 1400 europäischen Fürstenhäusern kultiviert wurden, waren nicht sein Ding. Dagegen gehörte ein gesundes Gottvertrauen zu den Stützen seiner Weltanschauung und den Grundlagen des Staates. Ehefrau Sophia Dorothea, eine Prinzessin aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg-Hannover und Tochter des englischen Königs, gebar ihm 15 Kinder.

Vieles über diesen Friedrich Wilhelm ist im Reich der Legenden gut aufgehoben, ist bestenfalls „die halbe Wahrheit“. Doch nur wenige Biografen verzichten auf die Begebenheit, die sich an jenem 25. Februar zugetragen haben soll: Kaum hatte der alte König die Augen für immer geschlossen, so ließ sich der Sohn die Liste der Hofbeamten und Hofbediensteten bringen. Um sie mit einem Strich von oben nach unten außer Kraft zu setzen. Am nächsten Tage begab sich der Neue in sein Lieblingsschloß im heutigen Königs Wusterhausen. Hier trat später über Jahre hinweg das sogenannte Tabakskollegium zusammen. Eine feucht-fröhliche Männerrunde, in der sich Fried­rich Wilhelm als Gleicher unter Gleichen fühlte, in der Rangunterschiede weitgehend aufgehoben waren. Ein Herren-Stammtisch mit dem leichten Hauch von Geheimkabinett!

Doch 1713 hat Friedrich Wilhelm Wichtigeres zu tun. Als er nach sechs Tagen zurückkommt, ist der Berliner Hof schockiert. So hat er den Jahresetat für Gehälter von 276000 auf 55000 Taler zusammengestrichen. Betroffen sind auch höchste Würdenträger. Obermundschenk von Schlippenbach erhält statt 2000 Taler nur noch 800 und Oberhofmarschall von Printzen statt 1700 noch 400. Das Oberherolds-Amt wird aufgelöst. Kammerjunker und Pagen müssen den Hof ebenso verlassen wie die Musiker der Hofkapelle. Hunderte Pferde und Dutzende Kutschen werden versteigert. Zum Verkauf gelangen Tafelsilber, Kronleuchter und Möbel. Gärten und nicht genutzte Lustschlösser werden verpachtet. Der Federstrich trifft auch so manchen Handwerker – Perückenmacher und Friseure, Maler und Kutschenbauer. Leute, die vom Luxus am Hofe profitieren. Auf den Gassen singt das Volk:

„Wer sich in Sänften tragen ließ, der kann nun wieder gehen. Wer auf der faulen Seite lag, beginnet aufzustehen.“

 Später schreibt der König: „Ich habe mir, als ich die Regierung übernahm, einen Plan gemacht: Auf lauter Menage [Sparsamkeit; der Autor] und guter Ökonomie beruhte seine ganze Verfassung.“ Übrigens hatten neue Manufakturen und der Handel beim König mindestens den gleichen Stellenwert wie das immer wieder erwähnte Spar-Regime. Die „Sparwut“ war keine Sache von heute auf morgen. Schon als Zehnjähriger soll Majestät eine Kladde angelegt und sie „Rechnung über meine Dukaten“ genannt haben.

Während die Trauerfeierlichkeiten auf Anfang Mai verschoben wurden, erfolgte die Vereidigung der Armee sofort: „Erlauben Sie, daß ich auch mein Vergnügen habe, das hauptsächlich in einer Menge guter Truppen besteht.“ Immerhin kommen in den Folgejahren 80 Prozent der Staatseinahmen den Streitkräften zugute. Besonders privilegiert sind die sogenannten „Langen Kerls“. Gewissermaßen eine „Spezialeinheit“, die der junge König bislang auf eigene Rechnung unterhalten hatte und deren Grenadiere mindestens eine Körpergröße von 1,88 Meter aufzuweisen hatten. Zu einem Kampfeinsatz sind die Hünen nie gekommen. Das Exerzieren sollte neben der Jagd des Königs Lieblingsbeschäftigung bleiben. Von 38000 auf 84000 Mann hat er während seiner 27jährigen Regentschaft die preußischen Streitkräfte aufgestockt. Preußen, das nach seiner Bevölkerungszahl in Europa an 13. Stelle steht, nach seiner Flächenausdehnung an zehnter, hat nach den Großmächten Frankreich, Rußland und Österreich die viertstärkste, zugleich jedoch qualifizierteste Armee des Kontinents. Doch abgesehen von einigen eher unbedeutenden Aktionen in Pommern hat der Hohenzollern-Fürst nie einen Krieg geführt. Streng genommen würde dem „Soldatenkönig“ das Markenzeichen „Friedenskönig“ durchaus zustehen.

Von dem von ihm gebauten Schlössern schlägt gerade mal ein einziges zu Buche – das Jagdschlößchen Potsdam-Stern. Seine Verdienste als Bauherr widerspiegeln sich im Städtebau, im Aufbau von Garnisonsstädten. Beispielsweise Potsdam mit knapp 200 Häuschen und nicht einmal 2000 Einwohnern wurde zum Wohnort von 12000 Menschen mit fast 1200 Wohngebäuden. In Potsdam ist Friedrich Wilhelm I. dann auch gestorben – am 31. Mai 1740. Nicht ohne sich am Tag vorher vom Totenbett aus von 200 seiner Langen Kerls zu verabschieden.

Foto: Tabakskollegium: In dieser Runde fühlte sich der König als Gleicher unter Gleichen.


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