© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-08 vom 16. Februar 2008

Auch ohne Hexenbesen gut zu bereisen
Der Harz bleibt ein großer Brocken nicht nur für Winterurlauber
von Cornelia Höhling

Schnaufend windet sich die über 100jährige ihrem Ziel entgegen. Die Fichtenwälder werden durchlässiger, die Schneeflecken heller. Bald schrumpfen die Bäume auf Bonsaigröße. Schließlich läßt die Brockenbahn die natürliche Baumgrenze unter sich und erreicht bei 1125 Meter über dem Meeresspiegel den höchstgelegenen Schmalspurbahnhof Deutschlands. Mit Volldampf in einer der 25 kohlegefeuerten Dampflokomotiven durch den Harz zu fahren verspricht Vergnügen für die ganze Familie.

Ein Brockenbesuch gehört einfach dazu, wenn sich der Berg auch als harter Brocken entpuppt. Auf den letzten 19 Kilometern von Drei Annen Hohne überwindet der Zug einen Höhenunterschied von 588 Metern. Mit 140,4 Kilometern Streckennetz ist die Harzer Schmalspurbahnen GmbH die „Größte unter den Kleinen“ in Deutschland.

Auch Wanderwege wie Goetheweg, Hirten- und Hexenstieg führen Gipfelstürmer und Naturliebhaber vorbei an geheimnisvollen Mooren, ungezähmten Bergbächen und schroffen Klippen auf das Brockenplateau, das sich an durchschnittlich 306 Tagen im Jahr diskret in Nebel hüllt. „Viele Steine, müde Beine, Aussicht keine“, heißt es deshalb im Volksmund „frei nach Heine“.

Tatsächlich erwanderte der Dichter 1824 von Harzburg kommend den Brocken, was er in seiner „Harzreise“ schildert. Ihm zu Ehren trägt der alte Hirtenstieg heute auch den Namen Heinrich-Heine-Weg. Der Abstieg erfolgte nach Ilsenburg im Norden. Dieser Abschnitt gilt als der schönste. Wenn der Reim auch frei erfunden wurde, so ist eine gute Fernsicht vom Gipfel fast wie ein Sechser im Lotto. Aber wer einen der nebelfreien Tage erwischt, kann einen Panoramablick über eine Fläche genießen, die größer ist als die Schweiz. Die Sichtweite beträgt 230 Kilometer.

Viele Familien haben dieser Tage einen Schlitten dabei. Obwohl gerade mal 1142 Meter hoch, entsprechen die klimatischen Verhältnisse auf dem Brocken denen der Alpen in etwa 2400 Metern Höhe. Sich warm anzuziehen, rät Gerd Borchert, denn der Brocken sei einer der windreichsten Plätze der Welt. Als Leiter des Brockenhauses, wo man sich aufwärmen und mit der Geschichte und Natur des Berges vertraut machen kann, weiß er, daß 1984 mit 263 Kilometern pro Stunde die bisher größte Windgeschwindigkeit gemessen wurde. 95 Prozent der Winde kommen aus Westen, und der Brocken ist auf dem Breitengrad die höchste Erhebung zwischen Westkanada und dem Ural. Borchert verweist darauf, daß 1895 hier die erste Bergwetterwarte Deutschlands eingerichtet wurde. Allerdings hatten schon seit 1800 die Brockenwirte regelmäßig Buch über das Brockenwetter geführt.

Wegen seiner exponierten Lage wurde der Brocken nach dem Zweiten Weltkrieg auch militärisch genutzt und lange für den Tourismus gesperrt. In dieser Zeit verkümmerte der 1890 mit rund 1400 alpinen Pflanzen angelegte Brockengarten. Als 1990 der Nationalpark – zehn Prozent oder 250000 Hektar des Harzes sind Nationalpark – die Pflege übernahm, hatten nur 97 der ehemals kultivierten Arten überlebt. Inzwischen können die Brockengarten-Besucher wieder über 1500 Pflanzenarten aus den Hochgebirgsregionen der Welt bestaunen.

Das Brockenhaus-Museum, das sich im ehemaligen Stasi-Gebäude befindet, gibt auch Einblick in die Rundfunk-, Post- und Fernsehgeschichte. 1938 entstand hier der erste Fernsehturm der Welt. Schon 1935 war der Brocken mit Berlin verkabelt worden, um Fernsehbilder von den Olympischen Spielen 1936 auszustrahlen. Die moderne Ausstellung im Brockenhaus informiert ebenso über berühmte Brockenbesucher von Carl Fried-rich Gauß über Otto von Guericke und Otto von Bismarck bis hin zu Heinrich Heine, Hermann Löns und Johann Wolfgang von Goethe. Inspiriert von seiner ersten Brockenbesteigung im Winter 1777 setzte Goethe mit der Walpurgis-szene im „Faust“ dem volkstümlich „Blocksberg“ genannten Brocken ein literarisches Denkmal.

Schon früh fürchteten sich die Menschen vor dem Brockengespenst. Borchert, ehemals Lehrer in Elbingerode, erklärt ganz in seinem Element den physikalischen Hintergrund dieses Phänomens als Schatten, die an Wolkenwände geworfen werden. Abgesehen von den Feierlichkeiten zur Walpurgisnacht, wo „Hexen“ und „Teufel“ ihr Unwesen treiben, kann hier heute jeder Besucher auf einem Hexenbesen über den Brocken fliegen, zumindest vor einer Videofilmkulisse.

Lange galt der Harz als schneesicherstes Mittelgebirge Deutschlands. Wenn es schneit, türmt sich die weiße Pracht auf dem Brocken schnell bis vier Meter hoch, sagt Borchert. Doch im Zuge des Klimawandels seien auch im Harz Ski und Rodel nicht mehr immer gut, bedauert der Museumsleiter. Da sind Alternativen gefragt. Schon länger wird mit Kultur-, Aktiv-, Natur- und Gesundharz geworben. Im Februar 2008 gibt es nun den ersten „Harzer Kulturwinter“, eine Kombination aus Natur- und Kulturlandschaft. Immerhin birgt Sachsen-Anhalt, eines der drei Bundesländer, die sich den Harz teilen, mit Quedlinburg und Halberstadt die „Schatzkammer des Abendlandes“. In Wernigerode, das Löns die „Bunte Stadt am Harz“ nannte, wartet mit dem Schloß der Grafen zu Stolberg-Wernigerode Norddeutschlands „Neuschwanstein“.


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