© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-08 vom 08. März 2008

»Tag von Potsdam«: Wie preußisch war er?
Vor 75 Jahren, Frühlingsanfang 1933, wurde in der Garnisonkirche der Deutsche Reichstag eröffnet
von Manfred Müller

Potsdam, 21. März 1933: Frühlingssonne, schwarzweißrote und Hakenkreuzfahnen, Girlanden, Böllerschüsse, Glockenklang, Marschmusik, jubelnde Menschenmassen in den Straßen, paradierende Reichswehr, Schutzpolizei, Stahlhelmer und NS-Verbände, weißgekleidete Mädchen mit Frühlingsblumensträußen, weißbärtige Veteranen aus den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71. An diesem „Tag von Potsdam“ sollte der am 5. März 1933 gewählte Reichstag eröffnet werden, genau 62 Jahre nach dem Tag, an dem der erste Reichstag des neugegründeten Kaiserreiches zusammengetreten war.

Ein Staatsakt in der Garnisonkirche wurde umrahmt von einem Massenspektakel, alles bis ins kleinste durchorganisiert von dem neuernannten Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels. Kerngedanke des Konzepts war, die Verbindung von alter preußisch-deutscher Tradition und Größe mit der jungen dynamischen Kraft der nationalsozialistischen Bewegung zu demonstrieren. Es sollte ein „Tag der nationalen Erhebung“ werden, Preußenadler und Hakenkreuz, harmonisch vereint an diesem Tag des Frühlingsanfangs.

Die Festlichkeiten waren, nachdem im Vorfeld zahlreiche Hindernisse und Schwierigkeiten überwunden worden waren, so angelegt, daß sie den Reichspräsidenten zutiefst rühren mußten. Die NS-Machthaber waren bei der geplanten revolutionären Umgestaltung von Staat und Gesellschaft auf Duldung und Mitwirkung des Reichspräsidenten angewiesen. Durch die Rührung des Reichspräsidenten sollte ihnen ein Vertrauenszuwachs zugute kommen. Goebbels notierte in seinem Tagebuch: „Ich sitze nahe bei Hindenburg und sehe, wie ihm die Tränen in die Augen steigen.“

Die Rührung sollte sich aber auch bei weiten Volkskreisen auswirken, die bis dahin noch nicht für den Nationalsozialismus gewonnen werden konnten: nationalkonservative, nationalliberale, christlich-nationale und monarchistisch orientierte Deutsche. Mit Hilfe der Rundfunk-Direktübertragung und der Presse wollte Goebbels diese Menschen erreichen. Exemplarisch für die beabsichtigte Wirkung war ein propagandistisch gut nutzbares Foto, das zeigen sollte, wie eine maßvoll gewordene NS-Bewegung sich in die preußisch-deutschen Traditionslinien einordnet. Ein zivil (in schwarzem Cut) gekleideter Hitler reicht, sich devot verneigend, dem Reichspräsidenten (in Marschallsuniform und mit Pickelhaube) die Hand. Das „alte Preußen“ und das „junge Deutschland“, so die Botschaft, haben zueinander gefunden.

Die Feierlichkeiten begannen mit Gottesdiensten für die Mitglieder des Reichstages und der Reichsregierung. Für die Protestanten in der Nikolai-Kirche, für die Katholiken in der Kirche St. Peter und Paul. Nach den Gottesdiensten vereinigten sich Protestanten und Katholiken vor der Nikolai-Kirche und zogen gemeinsam zur Garnisonkirche. Hitler und Goebbels hatten an der Messe nicht teilgenommen. Sie hatten sich demonstrativ zum Luisenstädtischen Friedhof in Berlin begeben und dort Kränze für „Blutzeugen“ der NS-Bewegung niedergelegt – ein Zeichen für diejenigen Parteigenossen und Anhänger, denen der „Tag von Potsdam“ zu kirchlich und konservativ erscheinen mochte.

In der Garnisonkirche, diesem preußischen Heiligtum mit den Gräbern des Soldatenkönigs und Friedrichs des Großen, versammelten sich die Reichstagsabgeordneten: die NS-Fraktion in ihren braunen Uniformen, die bürgerlichen Abgeordneten in Fräcken und Gehröcken. Die sozialdemokratische Fraktion blieb demonstrativ fern; die kommunistischen Abgeordneten waren verhaftet oder in den Untergrund abgetaucht. Ferner sah man die Vertreter der deutschen Länder, das Diplomatische Korps, den deutschen Hochadel, an der Spitze der preußische Kronprinz, sowie die Generalität der Reichswehr und des kaiserlichen Heeres (bis hinauf zu Generalfeldmarschall August v. Mackensen). Der Berliner NS-Studentenführer und spätere Reichsfilmintendant Fritz Hippler hatte eine Karte für einen Stehplatz erhalten. Als Angehöriger des betont sozialistischen Flügels der NSDAP beobachtete er die illustre Festversammlung ziemlich mißtrauisch: „die ganze monarchistische Reaktion“.

Der Reichspräsident ging unter feierlichen Orgelklängen zum Chorraum der Kirche, hob vor dem leeren Sessel des Kaisers den Marschallstab, bevor er sich zu seinem Platz begab. Der Choral von Leuthen („Nun danket alle Gott“) erklang. Dann beschwor Hindenburg „den alten Geist der Ruhmesstätte“, forderte zu nationaler Selbstbesinnung und seelischer Erneuerung auf. Hitler ging auf diesen Ton ein und erbat von der Vorsehung „jenen Mut und jene Beharrlichkeit, die wir in diesem für jeden Deutschen geheiligten Raum um uns spüren, als für unseres Volkes Freiheit und Größe ringende Menschen zu Füßen der Bahre seines größten Königs“. Hindenburg reichte Hitler die Hand, dann legte er an den Gräbern der preußischen Könige Lorbeerkränze nieder.

Die große Parade vor der Garnisonkirche, eine Kabinettssitzung, die geschäftsmäßige Konstituierung des Reichstags in der Berliner Krolloper und Fackelzüge rundeten diesen „Tag der nationalen Erhebung“ ab.

All dies verfehlte die beabsichtigte Wirkung nicht. Eine junge Leipzigerin, bisher den Farben Schwarz-Rot-Gold und der Weimarer Republik verbunden, notierte in ihrem Tagebuch über Hindenburg: „Allein die Tatsache, daß ein Mann dasteht, der Generationen deutscher Geschichte vereinigt … – er vollzieht nun, kurz vor dem Grab, die Vermählung seiner Welt mit der neu aufgestiegenen, die der österreichische Gefreite Hitler repräsentiert.“ Und über Hitler schrieb sie: „Aus dem Demagogen und Parteiführer, dem Fanatiker und Hetzer scheint sich … der wirkliche Staatsmann zu entwickeln. Also doch ein Genie, in dessen rätselhafter Seele ungeahnte und unerhörte Möglichkeiten liegen?“

Hans Joachim Schoeps, jugendbewegter Jude und Preuße durch und durch, schrieb nach diesem Tag der aufgewühlten Emotionen folgendes nieder: „Wenn sich zum Eröffnungstermin des neuen Reichstags die Abgeordneten in der Stadt Friedrichs des Großen versammelt und Kränze an seinem Grabe und am Grabe seines Vaters niedergelegt haben, so ist das ein begrüßenswertes Zeichen, daß man an alte ruhmreiche Geschichte wieder anzuknüpfen bemüht ist, bleibt aber freilich so lange nur ein äußerlicher Umstand und bekommt noch keinen innerlichen Verweisungscharakter auf tragende Geschichtshintergründe, als das Bekenntnis nicht auch das Traditionsgut wieder wirklich lebendig und gegenwärtig macht, daß es die ganze Haltung der Bekennenden durchformt.“

Foto: Die Nummer 15 der Zeitschrift „Die Woche“ vom 12. April 1933: Die Sondernummer ist symptomatisch für den nicht erst von den Alliierten unternommenen Versuch, Adolf Hitler und die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in die Tradition Friedrichs des Großen und der wohl preußischsten aller Städte zu stellen.


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