© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

Den Menschen Halt gegeben
50 Jahre Bund der Vertriebenen: Interview mit BdV-Vizepräsident Hans-Günther Parplies

Herr Parplies, der Bund der Vertriebenen hat gerade das 50. Jahr seines Bestehens begangen. Von den derzeitigen Präsidialmitgliedern dürfte den Verband niemand so gut kennen wie Sie. Wie hat sich der Verband in den letzten Jahrzehnten verändert?

Parplies: Natürlich hat sich der Bund der Vertriebenen (BdV) im Laufe der Jahrzehnte verändert; er hat die Herausforderungen einer sich verändernden Umwelt angenommen und sich nicht angepaßt, aber sich doch den Veränderungen gestellt. Diese Fähigkeit sollte eine Organisation, die etwas erreichen will, auch haben, und der Verband wird sich auch in Zukunft immer wieder verändern müssen. Er ist ja jetzt gerade wieder in einer solchen Phase.

Zur Vergangenheit ist zu sagen, daß das ursprüngliche Hauptziel des BdV, den Vertriebenen die Heimat, den Deutschen das historische Ostdeutschland zu erhalten, nicht zu erreichen war. Trotzdem sage ich, daß der Verband für die betroffenen Menschen eher eine Erfolgsgeschichte war. Man muß ja sehen, daß die Vertriebenenbewegung insgesamt Millionen von verstörten, seelisch zutiefst verletzten Menschen Halt gegeben und das geistig-seelische Überleben erleichtert, wenn zum Teil nicht sogar erst möglich gemacht hat. Gerade das ist ein Verdienst unserer Verbände, daß sie damit Stalins Absicht durchkreuzt haben, durch die Massen entwurzelter Menschen Deutschland insgesamt reif für den Kommunismus zu machen. Dieser Aspekt kommt in der öffentlichen Wahrnehmung heute immer zu kurz; deshalb betone ich das hier nochmal besonders.

Damit sind wir dann bei den Aufgaben des Verbandes in der Zukunft, was sehen Sie da als vordringlich an?

Parplies: Es bleibt natürlich der Dauerauftrag der Vermittlung des ostdeutschen Kulturerbes. Was wir in diesem Punkt bisher erreicht haben, ist durchaus ein Erfolg, kann uns aber nicht ausreichen. Gemessen am Maßstab des kleinen finnischen Volkes, gemessen aber auch an dem Gesetzesauftrag des Paragraphen 96, des Kulturparagraphen im Bundesvertriebenengesetz, hätten Bund und Länder fünf ganze Universitäten und Hunderte anderer Bildungseinrichtungen zur Vermittlung ostdeutscher und osteuropäischer Landeskunde, ostdeutscher Geschichte und ostdeutscher Literatur, zur Vermittlung ostdeutschen Brauchtums und ostdeutscher Musik schaffen müssen.

Sehen Sie weitere Aufgaben im Hinblick auf die östlichen Nachbarstaaten?

Parplies: Natürlich, es bleiben ja  noch andere bislang ungelöste Fragen und damit Aufgaben für die Zukunft, etwa die Heilung des zutiefst verletzten Rechtsbewußtseins der Menschen. Ich nenne in diesem Zusammenhang nur das Stichwort „Benesch-Dekrete“ oder auch die entsprechenden Entrechtungsdekrete anderer ehemaliger Vertreiberstaaten. Hier warten die deutschen Heimatvertriebenen seit Jahrzehnten auf ein heilendes Wort. Zu nennen sind aber auch die offenen Menschenrechtsfragen, darunter etwa die Frage des Privateigentums und der förmlichen Rehabilitation der Ost- und Sudetendeutschen, auch der Deutschen aus Rußland übrigens. 

Es gilt natürlich, den Kontakt zu den in der Heimat verbliebenen Landsleuten zu halten und sie, wo immer es geht, zu unterstützen. Auch darum ist ein lebendiger Kontakt zu den osteuropäischen Nachbarvölkern zu pflegen. Daß man das, unabhängig von Regierungen, kann, haben die deutschen Heimatvertriebenen in den letzten Jahrzehnten, auch schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs demonstriert. Wir haben ja nicht nur gegenüber den verlorenen Gebieten das – wenngleich immer geringer werdende – Desinteresse zu beklagen, wir haben eine grundsätzliche Ignoranz gegenüber Osteuropa festzustellen. Das ist für ein großes Volk in der Mitte Europas eine ungesunde Entwicklung und muß dringend geändert werden.

Kann der Verband alles das, was Sie hier skizziert haben, überhaupt noch leisten?

Parplies: Ich sage, er kann das leisten. Natürlich befindet sich der Verband derzeit in einem Umstrukturierungsprozeß. Wir erleben das ja täglich in der Arbeit vor Ort. Wir befinden uns gerade im Wandel von einer doch etwas amorphen Massenorganisation hin zu einer speziellen politischen Menschenrechtsorganisation. Ich bin nicht so pessimistisch zu sagen, daß dieser Wandel nicht gelingen kann. Dagegen spricht schlicht die Erfahrung. Wir erleben an vielen Stellen in unserem Verband, daß ein kleiner Kern von Aktivisten sehr viel erreichen kann. Ein Kreis- oder Ortsverband braucht nicht Hunderte von Mitgliedern zu haben, um politisch wirken zu können. Die Parteien haben diese Mitgliederzahlen seit dem Bestehen der Bundesrepublik nie erreicht. Wenn wir in jedem Kreisverband oder Ortsverband oder in jeder landsmannschaftlichen Gruppe ein paar jüngere Menschen haben, die mit den modernen Kommunikationsmitteln vertraut sind, die wissen, wen sie wo und wie ansprechen können, die Kontakte und neue Ideen haben und mitten im Leben stehen, dann sind diese wenigen ausreichend, um die Strukturen zu erhalten und Öffentlichkeit für die von mir angesprochenen Themenkomplexe und ungelösten Fragen durch Überzeugungsarbeit zu gewinnen. Wir erleben zur Zeit, daß das funktionieren kann.

Heißt das im Umkehrschluß, daß Sie den Verband heute an den Rand gedrängt sehen?

Parplies: Der Bund der Vertriebenen selbst hat als politischer Verband jedenfalls das Beste aus der Situation gemacht, wie sie nun einmal gegeben war. Von einem Bedeutungsverlust heute kann keine Rede sein. Das Thema Flucht und Vertreibung ist seit einigen Jahren aktuell. Der Verband steht mitten drin in diesem Diskurs.

Gewiß, es gibt Leute, die wollen einen Bedeutungsverlust herbeireden, weil der Verband sich in einer Phase des Wandels befindet, die Probleme mit sich bringt. Tatsächlich hat der Verband im jüngsten Jahrzehnt im gesellschaftlichen und politischen Diskurs eher wieder an Bedeutung gewonnen. 

Herr Parplies, glauben Sie, daß es den Verband auch in 50 Jahren noch geben wird?

Parplies: Ich bin kein Prophet. Wenn seine Aufgaben angemessen durch die Gesamtnation aufgegriffen und weitergetragen werden, bedarf es des Verbandes in 50 Jahren vielleicht gar nicht mehr. Er ist schließlich kein Selbstzweck. Schaut man aber zum Beispiel auf das Schicksal des armenischen Volkes fast ein Jahrhundert nach dessen Vertreibung, so werden wir wohl auch in 50 Jahren noch einen Bund der Vertriebenen brauchen. Die bessere Entwicklung aber wäre  gewiß, er wäre in 50 Jahren nicht mehr  notwendig. Darauf sollten wir hinwirken.

 

Hans-Günther Parplies war von 1967 bis 1979 in der Bundesgeschäftsstelle des Bundes der Vertriebenen tätig, zunächst nur als Wissenschaftlicher Referent für Staats- und Völkerrecht, ab 1973 dann auch als Leiter des Kulturreferats. Seit 1984 ist er im Präsidium des Verbandes, seit 1994 mit einer kurzen Unterbrechung als Vizepräsident.

Foto: „Wir verzichten auf Rache und Vergeltung“: BdV-Kundgebung 1956


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren