© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

Fünf Jahre Irak-Krieg und kein Ende
Nicht nur Opferzahlen werden geschönt, auch millionenfaches Flüchtlingselend bleibt unbeachtet
von R. G. Kerschhofer

Am 20. März 2003 begann der amerikanisch-britische Angriff auf den Irak. Daß US-Präsident Bush schon am 1. Mai 2003 den erfolgreichen Abschluß der Aktion verkündete, war zwar verfrüht – man bedenke die täglichen Meldungen über Kampfhandlungen und Anschläge – trotzdem bezeichnet Bush den Irak-Krieg als „unleugbaren Erfolg“ und meint, „die Geschichte“ werde ihm recht geben.

Vize-Präsident Cheney sprach vorige Woche in Bagdad sogar von einem „phänomenalen Rückgang der Gewalt“ – und eine vom ARD in Auftrag gegebene Umfrage im Irak scheint dies zu bestätigen: Nach Meinung der befragten 2228 Iraker hat sich die Sicherheitslage verbessert. Logisch, denn hinter dem subjektiven Empfinden stehen objektive Ursachen: Erstens sind 4,5 Millionen Iraker geflüchtet oder vertrieben worden. Das heißt, früher religiös gemischte Stadtviertel sind heute entmischt und mit dem Verschwinden von Zielobjekten schrumpfen die Opferzahlen. Zweitens hatten die USA einigen Erfolg damit, Milizen sunnitischer Stammesführer zu bewaffnen und gegen andere einzusetzen. Das wiederum heißt, daß nach dem Abzug der Besatzer die Kollaborateure Racheakten ausgesetzt sein werden.

Was Opfer betrifft, gehen die Zahlen je nach Interessenlage weit auseinander. Fest steht, daß selbst die Angaben über US-Verluste manipuliert sind. So etwa wird als Gefallener („KIA“ oder „killed in action“) nur gezählt, wer noch vor Verladung in ein Rettungsfahrzeug stirbt. Spätere Todesfälle, Unfälle, Selbstmorde und getötete Söldner von „Sicherheitsfirmen“ sind in den derzeit mit knapp 4000 Mann angegebenen Verlusten nicht berücksichtigt.

Die Angaben über irakische Verluste schwanken zwischen 60000 und 1,4 Millionen. Eine 2006 von der britischen Medizin-Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Studie errechnete 650000 Tote – unter Berücksichtigung der möglichen Fehlerrate könnte die Zahl zwischen 420000 und 800000 liegen. Statistiker bezeichneten die angewandten Methoden als korrekt – zumindest wurden die gleichen Methoden auch im Kongo oder in Darfur eingesetzt. Trotzdem wurde die Studie von Bush als „nicht glaubwürdig“ zurückgewiesen. Die genaue Zahl wird sich nie ermitteln lassen – ebenso wie die Zahl der Verwundeten, Verstümmelten und psychisch Geschädigten.

Dazu kommt das Vertriebenenproblem: Etwa 1,5 Millionen Iraker halten sich heute in Syrien auf, 700000 in Jordanien, 200000 im Iran (wo auch zwei Millionen Afghanistan-Flüchtlinge leben) und weitere in anderen arabischen Ländern und in Europa. Der große Rest sind Binnenflüchtlinge. Da Schiiten die größte Bevölkerungsgruppe darstellen, sind Sunniten stärker betroffen, vor allem aber trifft es die kleineren religiösen Minderheiten und darunter in erster Linie die Christen. Christen, soweit sie nicht das Land verlassen haben, flüchteten meist in den relativ sicheren Norden des Landes. Doch obwohl sich die kurdische Regionalverwaltung liberal gibt, sind auch dort bereits Übergriffe auf Christen, Jesiden, Mandäer und Schabak auf der Tagesordnung.

Die Vertriebenen werden von der „Staatengemeinschaft“ und vom Uno-Hilfswerk UNHCR mit Beträgen unterstützt, die im Vergleich zu den Kosten des Irak-Kriegs geradezu ein Hohn sind. Wer nicht rechtzeitig seine Schäfchen ins Trockene gebracht hatte oder Hilfe von Verwandten in Übersee erhält, landet nach Aufzehren der Ersparnisse und Verkauf der mitgebrachten Habe im Elend oder muß sich illegal mit Schwarzarbeit durchschlagen. In Syrien sind – gemäß der „sozialistischen“ Doktrin der Baath-Partei – wenigstens Schulbesuch und medizinische Versorgung gratis. Viele Kinder nehmen aber nicht am Unterricht teil, weil sie irgendwie zum Überleben der Familie beitragen müssen.

Dazu zählt auch die Prostitution – „Sex zum Überleben“, wie ein UNHCR-Sprecher sagte. In Damas-kus, einem bei Golf-Arabern beliebten Ausflugsort, gibt es Hunderte neuer Nachtlokale, und auch wenn Prostitution verboten ist, so ist Syrien bei allem, was sich nicht gegen das Regime richtet, ziemlich tolerant. Prostitution wird teils unverhohlen betrieben – mit Müttern als Kupplerinnen, teils wird sie nach islamischem Recht als „Ehe auf Zeit“ kaschiert.

Der Flüchtlingsstrom hat auch Folgen für die Aufnahmeländer, vor allem Syrien und Jordanien: So etwa steigen die Mieten. Und Syrien fürchtet vor allem ein Überspringen des sunnitisch-schiitischen Konflikts auf das eigene Land. Visa-Bestimmungen wurden daher drastisch verschärft. Dennoch hat Syrien laut UNHCR für die Flüchtlinge „mehr getan als jedes andere Land“.

Im Irak selbst hat die Flucht qualifizierten Personals verheerende Auswirkungen auf Wirtschaft und medizinische Versorgung. Die Regierung versucht daher, Geflüchtete zur Heimkehr zu bewegen. Mit Fernsehwerbung wird ihnen vorgaukelt, sie bräuchten nur zu kommen und ihre Wohnungen aufzusperren. Die sind aber vielfach zerstört oder von Leuten besetzt, die von anderswo vertrieben wurden. Aus Not kehren tatsächlich etliche Iraker wieder nach Hause zurück. Aber laut der zitierten ARD-Umfrage wollen weitere vier Millionen das Land verlassen ...

Foto: Weniger Anschläge: Sicherer Schulweg in Bagdad dank mehr US-Soldaten im Stadtbild


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