© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

»Denken auf Papier«
Die Graphische Sammlung des Städel-Museums in Frankfurt zeigt Meisterwerke aus ihrem Bestand

Die Graphische Sammlung im Städel Museum zählt aufgrund der hohen künstlerischen Qualität ihrer etwa 25000 Zeichnungen und 75000 Druckgraphiken vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart zu den bedeutendsten graphischen Kabinetten in Deutschland. Aus konservatorischen Gründen können Arbeiten auf Papier nicht wie Gemälde permanent ausgestellt werden, sondern werden den Besuchern im Studiensaal der Graphischen Sammlung auf Verlangen vorgelegt. Die Ausstellung der Meisterwerke gibt nun mit 80 herausragenden Zeichnungen einen beispielhaften Überblick über das Spektrum und die Qualität der Sammlung. Die ausgewählten Werke umspannen einen Zeitraum von fast 600 Jahren: Die ältesten stammen aus dem frühen 15. Jahrhundert, die jüngsten sind im späten 20. Jahrhundert entstanden. Fast alle namhaften Zeichner der Kunstgeschichte sind vertreten, darunter Dürer, Raffael, Tizian, Rubens, Rembrandt, Watteau, Fragonard,  Tiepolo, Cornelius, Delacroix, Daumier, Cézanne, van Gogh, Picasso, Matisse, Kirchner, Beckmann, Klee, Pollock.

Die Ausstellung macht die Besonderheiten des Mediums Zeichnung, seine spezifische Qualität des Unmittelbaren und Persönlichen auf vielfältige Weise erfahrbar. Nicht nur die Kunstfertigkeit des Zeichners, auch seine Vorlieben, seine spontanen Einfälle, in gewissem Maß sein inneres Wesen hinterlassen Spuren, die nicht, wie in der Malerei, durch einen schichtenden Aufbau über-

deckt und angeglichen werden. Kein anderes Medium erlaubt eine so nahe Begegnung mit dem Künstler. Die Besucher können zum Beispiel nachvollziehen, wie das Üben, Entwickeln und Entwerfen, das „Denken auf Papier“, in der Renaissance zur dauernden Übung der Künstler wurde, wie das Zeichnen im Barock entsprechend dem Interesse am Moment der inneren wie äußeren Bewegung an Tempo und Offenheit gewann, wie das nazarenische Streben nach Einfachheit in der Romantik schlichte Bleistift- und Federzeichnungen in Kostbarkeiten verwandeln konnte, wie mit der fortschreitenden Verlagerung des Interesses von der naturalistischen Abbildung zur medialen Struktur die Zeichnung immer mehr an Autonomie gewann, die sich in technischen Experimenten, in der Verselbständigung von Strukturen und in der Verschränkung herkömmlicher Kategorien bildnerischer Gestaltung äußert.

Schon Johann Friedrich Städel, der Stifter des Museums, sammelte in großem Umfang neben Gemälden Zeichnungen und Druckgraphiken. Er versuchte mit seiner Sammlung einen exemplarischen Überblick über die Entwicklung der bildenden Kunst seit dem Spätmittelalter zu geben und war sich als streng rechnender Kaufmann sicherlich darüber im klaren, daß ihm dies, angesichts der hohen Preise, mit Gemälden allein nicht gelingen konnte.

Tatsächlich erwiesen sich schließlich seine Werke auf Papier als der bedeutendere Teil seiner Sammlung. Nach Städels Tod wurden viele seiner Gemälde als qualitativ nicht ausreichend aussortiert, seine Zeichnungen und Druckgraphiken blieben dagegen fast vollständig erhalten.          pmst

Die Ausstellung „Meisterwerke der Graphischen Sammlung – Zeichnungen, Aquarelle und Collagen“ im Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt, ist Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 21 Uhr zu sehen, Eintritt 10 / 8 Euro, bis 13. Mai.

Foto: Vincent van Gogh: Die Kartoffelpflanzerin (1885, Ausschnitt)


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