© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

Auf eigene Faust
Junge Lehrerin trennt sich von ihrem Flüchtlingstreck und überlebt

Schon Weihnachten 1944, so berichtet die Ostpreußin Elisabeth Jestrzemski in „Unter deinem Schutz und Schirm“, erfuhr sie, daß ihr Leben nie mehr so sein würde wie zuvor. Im September 1944 war ihr einziger Bruder Paul in Italien gefallen. Nicht nur, daß sie den Verlust des Bruders zu beklagen hatte, auch ihre Mutter veränderte sich. „Als ich eine Woche vor dem Fest nach Hause kam, in die kleine Stadt im Süden Ostpreußens, erlebte ich eine depressive Frau, die im Sessel saß und sich völlig ihrem Schmerz überließ … Bei meinen Bemühungen, sie aus dieser Lethargie zu lösen, erkannte ich jedoch bald, daß es keine Worte gab, die meiner Mutter den Schmerz zu erleichtern vermochten.“

Nach dem traurigen Weih-nachtsfest fährt die Lehrerin zurück in ihren Einsatzort nahe Schneidemühl. Doch im Februar verdichten sich die Informationen, daß die Dorfbewohner vor den Russen flüchten müssen. Ein anderer Lehrer besucht ihren Unterricht und erklärt den Schülern, daß sie unbedingt darauf achten müssen, daß ihre Eltern Papiere, Versicherungsdokumente und ähnliches mit auf die Flucht nehmen, um später beweisen zu können, was einst ihr eigen war. So achtet auch die junge Elisabeth genau darauf, ihre Zeugnisse mitzunehmen, um ihre Ausbildung später nachweisen zu können. Doch die Dorfbewohner zögern die Flucht hinaus. „Auf dem Rückweg hörte ich immer wieder deutlich das Summen der Kugeln vom Abschuß bis zum Einschlag. Ich hatte den Eindruck, als ob es schon ganz nah sein müßte und fürchtete, angeschossen zu werden.“

Als der Treck endlich loszieht, erkennt die Lehrerin sofort, daß es zu langsam vorangeht. So entscheidet sie, sich mit ihrem Fahrrad vom Treck zu trennen, um so schneller voranzukommen. Und ihre Theorie geht auf, und sie ist nicht mehr dabei, als ihre Nachbarn von Russen überrollt, die Männer erschossen und Frauen vergewaltigt werden.

Da versteckt sie sich schon mit zwei anderen Frauen im Laderaum der „Hendrik Fisser VII“. Soldaten hatten die einzigen Zivilisten auf das Schiff geschmuggelt. Schnell wird den Frauen klar, daß die Männer dafür eine Gegenleistung fordern. Als sie diese verweigern, erhalten sie kein Essen mehr.

Elisabeths Jestrzemskis Flucht-erinnerungen sind nicht nur eindringlich geschrieben, die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Berichte beispielsweise über die Fahrt in einem geschlossenen Eisenbahnwagon neben Menschen mit Durchfall sind allerdings nie voyouristisch.          R. Bellano

Elisabeth Jestrzemski: „Unter deinem Schutz und Schirm – Ostpreußische Erinnerung an Krieg und Neubeginn“, EOS, St. Ottilien 2007, broschiert, 168 Seiten, 12,80 Euro


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