© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

Kein Typschiff, aber Maßstäbe setzend
Vor 75 Jahren lief das Panzerschiff »Admiral Scheer« bei der Marinewerft Wilhelmshaven vom Stapel
von Manuel Ruoff

Die „Admiral Scheer“ war ein sogenanntes Westen­taschenschlachtschiff und bildete mit der älteren „Deutschland“ und der jüngeren „Admiral Graf Spee“ im wahrsten Sinne des Wortes eine Klasse für sich. Der Bau dieser Panzerschiffe resultierte aus dem Verbot des Versailler Vertrages gegenüber dem deutschen Kriegsverlierer, Kriegsschiffe mit einer Verdrängung von über 10000 Tonnen zu besitzen. Wollten die Deutschen die Verteidigung ihrer Küsten nicht aufgeben, blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Versuch zu unternehmen, diese strenge Tonnagebegrenzung durch Einfallsreichtum, Erfindungsgeist und Innovationskraft soweit als möglich zu kompensieren. Das Ergebnis waren die drei innovativen, neuartigen und unkonventionellen Panzerschiffe der „Deutschland“-Klasse, deren Zielvorgabe es war, schneller zu sein als stärkere Schiffe und stärker als schnellere, um im Verteidigungsfall eine Chance zu haben.

Für den Antrieb sorgten acht Zweitaktdieselmotoren von MAN, die mit ihren jeweils neun Zylindern eine Konstruktionsleistung von 6750 Pferdestärken je Motor hatten. Die Zweiwellenantriebsanlage machte das 187,9 Meter lange und 21,7 Meter breite Schiff über 28 Knoten schnell. Das waren über vier Knoten mehr als die Höchstgeschwindigkeit der bisher gebauten Schlachtschiffe.

Wie beim Antrieb wurden auch in der Bewaffnung nolens volens neue Wege beschritten. Auch hier gab es eine Vorgabe durch die Sieger des Ersten Weltkrieges. Mehr als 28 Zentimeter Kaliber konnten die Deutschen bei den Schiffsgeschützen nicht durchsetzen. Folglich versuchten sie, eine möglichst hohe Stückzahl einzubauen. Bei drei Geschütztürmen war die Tonnageobergrenze schwerlich einzuhalten. Man beschränkte sich deshalb gezwungenermaßen auf zwei Türme. Diese beiden Türme sollten aber wenigstens möglichst viele Geschütze haben. Drillingstürme galten nun jedoch gegenüber Zwillingstürmen als unpraktisch, weil man bei der bisher angewandten Technik, das mittlere Geschütz zum Nachladen immer wieder in die Null-Stellung hatte fahren müssen. Die Deutschen entschieden sich jedoch trotzdem für Drillingstürme. Sie hatten nämlich für ihre Panzerschiffe der „Deutschland“-Klasse eine bis zum Kriegsende geheimgehaltene Methode entwickelt, welche diese zeitraubende Prozedur unnötig machte.

Neben dieser innovativen Antriebs- und Bewaffnungslösung, die allen Schiffen der „Deutschland“-Klasse eigen war, hatte die „Admiral Scheer“ noch ein paar Besonderheiten, welche sie vom Typschiff abhoben. So war die „Admiral Scheer“ das erste Schiff der deutschen Seestreitkräfte, das von Anfang an zur Mitnahme eines schleuderfähigen Bordflugzeugs eingerichtet war.

Maßstäbe setzte die „Admiral Scheer“ auch mit ihrem neuartigen, kompakten Turmmast, der zum Standard für die nachfolgenden deutschen Überwasser-Neubauten wurde. Die „Deutschland“ hatte noch einen herkömmlichen Röhrenmast erhalten. Mit dem neuen Konzept versuchte man dem angestiegenen Bedarf an wetter- und gasdrucksicheren Räumen für die Schiffsführung und den Waffeneinsatz Rechnung zu tragen.

Der Ersatzbau für das veraltete Linienschiff „Lothringen“ war also Hochtechnologie vom Feinsten. Das hatte seinen Preis. Der vom 8. Oktober 1929 datierende Entwurf eines Bauplanes für den Ersatz der Kriegsschiffe der Reichsmarine, der bis 1940 eine kontinuierliche Kiellegung von insgesamt acht Panzerschiffen vorsah, waren für die „Admiral Scheer“ als zweitem Panzerschiff Etatmittel in Höhe von 11,75 Millionen Reichsmark (RM) für das darauffolgende Jahr 1930, 15,6 Millionen RM für 1931, 21,55 Millionen RM für 1932 und 24,1 Millionen RM für das Jahr des Stapellaufes 1933 angesetzt. Die tatsächlichen Baukosten beliefen sich schließlich gar auf 90 Millionen Reichsmark. Und das in einer Zeit schwerster Depression. Entsprechend hart waren die parlamentarischen Auseinandersetzungen.

Wenige Wochen nachdem in Kiel das erste Panzerschiff vom Stapel gelaufen war, erfolgte am 25. Juni 1931 bei der Reichsmarinewerft Wilhelmshaven die Kiellegung des zweiten. Am 1. April 1933 fand in Anwesenheit des Chefs der Marineleitung, Admiral Erich Raeder, der auch die Taufrede hielt, der Stapellauf statt. Den Taufakt vollzog die Tochter des 1928 verstorbenen deutschen Befehlshabers in der Skagerrakschlacht, dessen Namen auf Befehl des Reichspräsidenten das Panzerschiff „B“ fortan tragen sollte. Nachdem Marianne Besserer die Flasche Sekt am Bug hatte zerschellen lassen, glitt der neue Stolz der Reichsmarine bei strömendem Regen in sein Element.

Foto: Stapellauf der „Admiral Scheer“: Wenige Augenblicke nach dem Ingangkommen des Ablaufens vom Helgen


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