© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

Im »falschen Körper«
Hormoncocktail im Mutterleib als biologische Ursache
von Rosemarie Kappler

Warum sich manche Menschen nicht ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen und statt dessen permanent unter dem Gefühl leiden, im „falschen Körper“ leben zu müssen, ist bislang immer noch ein Phänomen, dessen genaue Ursachen ungeklärt sind. Experten wie Prof. Wolfgang Senf von der Universitätsklinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Essen gehen deshalb von einem dynamischen biopsychosozialen Prozeß aus. Für die Komponente „Bio“ machen Forscher des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie in München hormonelle Störungen während der Embryonalentwicklung verantwortlich. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie macht sich deshalb aufgrund der Untersuchungsergebnisse von Prof. Günter Karl Stalla für weitere Forschungen stark. Denn neue Erkenntnisse könnten den Betroffenen helfen, sich für oder gegen ein Leben im anderen Geschlecht zu entscheiden.

Etwa einer von 12000 Männern wünscht sich, eine Frau zu sein – obwohl sein biologisches Geschlecht männlich ist. Bei Frauen ist Transsexualität seltener, etwa eine von 30000 biologischen Frauen wäre gerne ein Mann. Sich mit dem eigenen biologischen Geschlecht nicht identifizieren zu können, belastet die Betroffenen. Viele Betroffene würden berichten, daß sie schon als Kind das Gefühl hatten, im falschen Geschlecht zu leben. Mitunter versuchten sie, ihr biologisches Geschlecht nach außen zu verbergen: „Schlimmstenfalls kommt es zu Selbstverstümmelungen, Depressionen oder Suizidversuchen“, so Stalla.

Für die Wissenschaft ist Transsexualität vor allem deshalb rätselhaft, weil sich Transsexuelle genetisch, hormonell und anatomisch eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen – jedoch nicht dem, mit dem sie leben wollen. Der Ursachenforschung kommt insofern eine Bedeutung zu, als das gängige Standardbehandlungsverfahren kompliziert ist, hohe Anforderungen an die Betroffenen stellt und nicht selten auch mißlingt. Die Münchner Forscher stützten sich auf die Hypothese, daß hormonelle Störungen während der Schwangerschaft eine wichtige Ursache für Transsexualität sein könnten. Die vorgeburtlichen Hormonverhältnisse sind immer ein Mix aus der Situation der Mutter und des Ungeborenen, die durch Streß beeinflußt werden können. Schon lange ist bekannt, daß sich das Verhältnis von weiblichen und männlichen Hormonen an den Fingern ablesen läßt. Bei höheren Testosteronwerten wird der Ringfinger gegenüber dem Zeigefinger länger, bei höheren Östrogenwerten ist es umgekehrt. Im Durchschnitt haben deshalb Männer längere Ringfinger als Frauen. Stalla und sein Team bestimmten bei mehr als 100 Mann-zu-Frau-Transsexuellen das Verhältnis der Länge von Zeige- zu Ringfinger (im Fachjargon: 2D:4D). Je höher der Wert, um so weniger männliche Hormone waren vor der Geburt wirksam.

„Das Ergebnis liefert für Mann-zu-Frau-Transsexuelle eine biologische Erklärung für die Entstehung der Transsexualität“, faßt Stalla zusammen. Bei den Untersuchten fanden die Forscher einen höheren Verhältniswert als bei Männern, die sich auch als solche fühlen. Ihre Fingerlänge entsprach in etwa der von heterosexuellen Frauen. Dementsprechend waren die Mann-zu-Frau-Transsexuellen im Mutterleib geringeren Mengen Androgen ausgesetzt als der Durchschnitt. Stallas Fazit: „Wir müssen weiter an den Ursachen forschen, um besser auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen zu können und besser in der Lage zu sein, sie therapeutisch zu unterstützen.“ Zwar gibt es hormonelle Therapien zur Geschlechtsangleichung, allerdings sind viele dieser Hilfen verbesserungswürdig.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren