© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

Wenn Blindheit droht
Künstliche Hornhaut kann Spendermangel ausgleichen
von Rosemarie Kappler

Trübt die Hornhaut infolge von Infektionen, Verletzungen, angeborenen Krankheiten oder den natürlichen Alterungsprozessen ein, schwindet das Sehvermögen: Blindheit droht. Schon vor über 200 Jahren hingen Ärzte deshalb der Idee nach, eine solche Hornhaut durch Glas zu ersetzen. Spätere Generationen experimentierten mit durchsichtigem Zelluloid. Letztlich zeigte die erste Hornhauttransplantation, durchgeführt vor knapp über 100 Jahren von Eduard Konrad Zirm in Olmütz, den Königsweg, Menschen vor Erblindung zu bewahren. Der zentrale Teil der natürlichen Hornhaut wird kreisförmig entfernt, die neue Hornhaut eingesetzt und vernäht. Allerdings mangelt es weltweit an Spender-Hornhäuten. „Den jährlich in Deutschland erforderlichen 8000 Operationen stehen gerade mal halb so viele Hornhautspenden gegenüber“, bestätigt Prof. Bert-hold Seitz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Homburg. 

Doch auch mit der Verfügbarkeit von Hornhaut-Implantaten alleine ist es nicht getan. Denn manche Betroffene stoßen das Spenderorgan ab, bei anderen ist das Auge so stark geschädigt, beispielsweise durch eine Verätzung, daß eine Transplantation unmöglich ist. In solchen Fällen greifen Augenärzte seit Jahren auf Kunststoffimplantate zurück. Doch von den vielen Versuchen, „künstliche Hornhäute“ herzustellen, war nur den wenigsten Erfolg beschieden. Ein positives Beispiel ist die maßgeblich von Prof. Norbert Schrage vom Städtischen Klinikum Merheim entwickelte sogenannte „Aachener Keratoprothese“. Sie besteht aus einer Silikon-Linse, die – von einem Netz aus feinstem Polyvinylidenfluorid gehalten – mit dem Auge vernäht wird.

Forscher am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP in Potsdam haben im Rahmen des seit 2004 von der EU geförderten Projektes „Cornea“ (Ziel ist die Züchtung von menschlicher Hornhaut) eine weitaus elegantere Lösung vorgeschlagen, die zur Zeit an den Universitätskliniken Halle und Regensburg auf ihre Praxistauglichkeit getestet wird. „Basis unserer künstlichen Hornhäute ist ein kommerziell erhältliches Polymer, das kein Wasser aufnimmt und auf dem keine Zellen anwachsen“, sagt Dr. Joachim Storsberg, Projektleiter am IAP. Nachdem die Polymere in die richtige Form gebracht wurden, wird der Rand des Implantates beschichtet. Storsberg: „Wir legen Masken darauf und bringen auf den Hornhautrand ein spezielles Protein auf, an das die Zellen der natürlichen Hornhaut andocken können. So kann sich das Hornhautimplantat fest mit dem natürlichen Teil der Hornhaut verbinden, während die Mitte der Hornhaut frei von Zellen und somit klar bleibt.“ Den vorderen optischen Bereich des Implantats beschichten die Forscher mit einem Wasser liebenden Polymer: So ist er immer mit Tränenflüssigkeit benetzt.

Im Labor haben Forscher der Arbeitsgruppe von Dr. Karin Kobuch vom Universitätsklinikum Regensburg bestimmte Eigenschaften der Hornhäute bereits überprüfen können. Die Kunst der Ingenieure bestand ja darin, den Hornhautrand, die sogenannte Haptik oder „Aufhängung“, so zu beschichten, daß die Oberflächenzellen des Auges gerne einwachsen.

Kobuch: „In Zellkulturen und an Schweineaugen konnten wir das bestätigen. Die Hornhautzellen wachsen am Rand sehr gut an und stoppen ihr Wachstum dort, wo die Beschichtung aufhört. Das optische Zentrum des Implantats bleibt klar.“

Im Tierversuch haben Kobuchs Kollegen am Universitäts-Augenklinikum Halle erste Implantate in Kaninchenaugen getestet. „Unsere Hoffnung ist, eines Tages eine Alternative zu natürlichen Hornhäuten anbieten zu können, auch wenn dies vielleicht zunächst nur für ausgewählte Krankheitsbilder und Patientengruppen möglich ist.“


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