© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

 Recht haben Warum die Kosovo-Serben unseren Haß verdienen, die Bundeswehr campen geht, und wem das Gewissen gehört
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Natürlich sind wir alle keine Rechthaber. Mit toleranter Gelassenheit nehmen wir die Meinung der anderen entgegen. Oder tun zumindest so, auch wenn wir dabei ein Gesicht ziehen müssen, als hätte sich ein  Güllewagen vor unsere April-Fahrradtour gesetzt.

Also gut, natürlich haben wir lieber recht und verabscheuen Widerworte, manche mehr, manche weniger. Es gibt viele Arten des Widerworts, von denen eine besonders unerträglich ist und in uns nicht bloß sture Ablehnung, sondern den blanken, kalten Haß entfacht: Dann nämlich, wenn uns jemand mit unseren eigenen Argumenten schachmatt setzt.

Diesen Haß haben sich die Serben nun selbst eingebrockt, gemeint sind vor allem die im Kosovo. Wir glaubten alle guten Argumente hinter uns und nur die unbelehrbaren Serben vor uns, die es einfach nicht einsehen wollten. Entsprechend eindeutig war unsere Ansage an Belgrad und die Welt: Ist doch völlig egal, zu wem das Kosovo „völkerrechtlich“ gehört haben mag. Dort leben, so haben wir herausgefunden, zu über 90 Prozent Albaner. Sie bilden überdies ein nahezu geschlossenes Siedlungsgebiet. Ergo war die Anerkennung ihrer Abspaltung von Serbien eine Sache der höheren Gerechtigkeit, gegen die das Völkerrecht nichts auszurichten vermag.

Das hilflose Gemeckere aus Belgrad und die düsteren Ermahnungen aus Moskau und sogar Madrid konnten uns nur darin bestärken, wie haushoch unsere humanistische Moral diesen kalten Paragraphenreitern des Völkerrechts überlegen war. Wir fühlten uns wohl, alles war gut, weil wir  die Guten waren.

Dann geschah das Unerhörte: Mit einem Mal standen in Mitrovica diese Kosovo-Serben auf der Straße und sangen ein Lied, das uns peinlich vertraut war. Sie seien zwar innerhalb des Kosovo keine völkerrechtlich eigenständige Einheit. Aber sie stellten im Norden des Gebiets über 90 Prozent der Bevölkerung in einem nahezu geschlossenen Siedlungsgebiet. Also wollten sie los vom Rest des Kosovo und bei Serbien bleiben.

Diese Kerle haben nur unseren Text abgeschrieben, ein paar Vokabeln ausgetauscht und konnten uns so der Lächerlichkeit preisgegeben. Wenn man sie wenigstens wegen „Phrasen-Piraterie“ vor den Haager Gerichtshof zerren könnte! Da wir es versäumt haben, einen entsprechenden Paragraphen im internationalen Recht zu verankern, geht das leider nicht.

Als sei das noch nicht Zumutung genug, nötigen uns die Serben auch noch, ihnen genau die Sätze zu entgegnen, die wir, aus ihrem Munde kommend, eben noch brüsk zurückgewiesen hatten: Man müsse eine „gemeinsame Lösung“ für Serben und Albaner in einem ungeteilten Kosovo finden, knirschen Berlin, Washington, London, Paris und die anderen Kosovo-Anerkenner hervor. Deshalb dürften sich die Kosovo-Serben nun nicht abspalten. Exakt diese Worte hatte Belgrad erst Wochen zuvor zum Verhältnis von Gesamt-Serbien und dem Kosovo in unsere tauben Ohren gerufen.

Mit soviel Verschlagenheit konnten wir wirklich nicht rechnen. Wat nu? Wir können denen doch unmöglich recht geben!

Glücklicherweise haben wir noch einen Joker im Ärmel, der alles aussticht. Wir sind nämlich die Westliche Wertegemeinschaft, deshalb sind nicht allein unsere Absichten von mehr Lauterkeit getrieben als die aller anderen, auch unsere Stimme ist die lauteste. Mit dem Organ dröhnen wir diese Quertreibereien einfach weg – schon sind die Albaner wieder Freiheitskämpfer und die Serben giftige Unruhestifter, die den Friedensprozeß stören. Und das Recht, das setzen wir, sonst keiner, deswegen gehört es uns auch, weshalb nur wir die Befugnis haben, es je nach Notwendigkeit zu modulieren. Kapiert?

Nein? Dann wundert euch nicht, ihr Balkangesocks, daß sich „die internationale Staatengemeinschaft“ demnächst mal wieder „zum Eingreifen gezwungen sieht“.

Die Bundeswehr wird ja immer mobiler, schallt es von den Zinnen der Bonner Hardthöhe zu uns herab. Im baden-württembergischen Laupheim sind Franz Josef Jungs Jungs bereits so was von mobil, daß neu an den Standort versetzte Soldaten einer „Spiegel“-Meldung zufolge gar nicht mehr in die schwerfälligen Kasernen einziehen, sondern gleich in privat angemieteten Wohnwagen und Wohnmobilen Quartier beziehen.

Ketzer behaupten, das liege daran, daß die Kasernen fürchterlich marode seien und das Verteidigungsministerium bis 2011 benötige, um all die Ruinen wieder in Schuß zu bringen.

Einfältiges  Gebrabbel. Das Wohnen im Wohnmobil paßt schlichtweg besser zu unserer modernen Truppe. Haben Sie mal hingesehen? Bei internationalen Truppenschauen sticht ins Auge, daß die Bundeswehrtracht (im Unterschied zum bedenklich militärischen Pomp der Uniformen anderer Länder) optisch wie gemacht ist für Campingplatzbewohner oder Schrottplatzbetreiber. Da ist ein entsprechend ziviles Quartiersambiente mit Wohnmobilen die perfekte Abrundung des Gesamteindrucks.

Mögen die Ausländer nur lachen. Bei uns ist die ... wie nennt man das eigentlich politisch korrekt? Die „Armee“? Nein, zu militaristisch. Die „Truppe“? Klingt nach dem berüchtigten „Korpsgeist“! Die „Streitkräfte“? Streit? Wer will denn Streit? Ojemineh! Also jedenfalls, Sie wissen schon, „die“ eben, die sind Teil der Gesellschaft. Warum sollten sie dann nicht bei den „Ludolfs“ neben dem Schrottplatz wohnen?

Das Argument mit den hohen Heizkosten, die so ein Wohnwagen im Winter verschlingt, zieht wegen der erwiesenen Klimaerwärmung ohnedies nicht mehr. Auch wenn die ewigen Skeptiker mit den vergangenen Wochen Eiswasser auf ihre Lügenmühlen bekommen haben und lästern, daß wir derzeit wohl eher von einer Klimaerkältung als -erwärmung gequält würden.

Die Schrottplatz-Kluft hat eine hochmoralische Ursache. Schick angezogene deutsche Soldaten waren zu allen Zeiten böse Soldaten. Der jämmerliche Fummel heute ist Ausdruck unseres schlechten Gewissens. Wer schlechtes Gewissen für etwas schlechtes hält, der soll sich anhand jüngster Ereignisse nur vor Augen halten, was ein gutes anrichten kann:

Irgendein Lümmel hat die hessische SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti verklagt wegen „Nötigung eines Verfassungsorgans“. Ihre Folterstunden für die widerspenstige Abgeordnete Dagmar Metzger seien ein Anschlag auf die „Gewissensfreiheit“ gewesen, die allen Parlamentariern verfassungsmäßig verbrieft sei.

Diese Frau Metzger hatte sich öffentlich auf ihr „Gewissen“ berufen und damit heftiges Befremden und politische Wirren ausgelöst, wir berichteten.

Da hat sich gezeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn sich jedermann einbildet, ein Gewissen für sich zu haben, dem er ganz persönlich folgen müsse. Andrea Ypsilanti hat mit ihren glasklaren Ausführungen zur Parteidisziplin keinen Zweifel gelassen, wem das Gewissen von Abgeordneten gehört.

Kommt die Klage durch, droht der Genossin Ypsilanti dem Buchstaben des Gesetzes zufolge sogar Gefängnis. Die Schöpfer von Grundgesetz und Landesverfassungen müssen von einer kruden Besessenheit getrieben worden sein, als sie solchen Unsinn in ihre Werke kritzelten.

Nun bleibt nur die Hoffnung auf unsere Justiz. Möge sie dem Gewissenswahn Einhalt gebieten. Und Frau Metzger sollte einmal im Parteiengesetz nachlesen. Dort steht, daß die Parteien an der politischen Willensbildung mitwirken. Heute heißt das im Klartext: Wer sich der Einwirkung der mitwirkenden Parteien auf sein politisches Wirken entzieht, der hat sein Recht auf politische Mitwirkung verwirkt.

Wie jetzt, nicht verstanden? Es gibt die Regel auch in Liedform, kennen Sie doch: „Die Partei, die Partei, die hat immer R ...“


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