© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

Von wegen »Mitte«
von Harald Fourier

Wie nützlich sind Vorurteile? Der Wirtschaftswissenschaftler Hans Hermann Hoppe sagt, die meist verfemten Klischees, also Denkschablonen, seien sogar nützlich, denn sie könnten einen zuweilen vor Unglück bewahren. Ich mußte jetzt gerade umziehen, und bin bei der Wohnungssuche mehrfach auf ein böses Klischee gegen eine Berufsgruppe gestoßen – die Makler.

Und das kam so: 2001 gab es in Berlin eine Bezirksreform. Seitdem bilden beispielsweise Tempelhof und Schöneberg einen gemeinsamen Bezirk. Oder der Ostbezirk Mitte und die beiden Westbezirke Wedding und Tiergarten.

Immobilienmakler stehen bekanntlich in dem Ruf, ähnlich wie Autohändler Dinge massiv schönzureden, wenn sie einen Kunden angeln wollen. Da wird die modrige Kaschemme über einer müffelnden Imbißbude schnell mal zu einer „Wohnung in Toplage mit guten Einkaufsmöglichkeiten“, avanciert eine modernde Baracke zwischen Bahngleis, Einflugschneise und Fernstraße zum attraktiven „Gartenhäuschen in verkehrsgünstiger Lage“.

Auf dieselbe Art und Weise nutzen Berliner Makler ortsunkundige Neuberliner aus, wenn sie ihnen Wohnungen in Mitte versprechen. Die Immobilienannoncen in den großen Berliner Zeitungen (vor allem „Berliner Morgenpost“ gefolgt vom „Tagesspiegel“ und der „Berliner Zeitung“) orientieren sich noch immer an den alten Bezirken. Wer also eine Wohnung im Wedding sucht, der findet auch eine im Wedding und muß nicht extra die Spalte mit den Wohnungen über den neuen Großbezirk Mitte auseinanderklamüsern. Das gleiche gilt für jemanden, der eine Wohnung in Mitte sucht.

Für Mitte spricht vieles: Zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz ist die beste Innenstadtlage. Der Boulevard Unter den Linden ist schließlich so etwas wie der deutsche Times-Square, also wollen alle  dorthin. Aber niemand will nach Tiergarten oder Wedding (hohe Kriminalität, hohe Arbeitslosigkeit und hoher Migrantenanteil).

Jetzt passiert aber Folgendes: Makler inserieren Wohnungen in Tiergarten oder Wedding reihenweise im Anzeigenteil Mitte – in der Hoffnung, daß potentielle Kunden  erstmal anbeißen und sich nach Inaugenscheinnahme überreden lassen, diese neue Heimstätte zu mieten, obwohl sie sich weitab der erwarteten „Top-Lage“ befindet. Das ist so, als würde ein Fiat-Händler seinem Cinquecento einen Mercedesstern ankleben und ihn als „neue C-Klasse“ vermarkten.

Berlin ist eben die spannendste Stadt Deutschlands, manche behaupten: Europas. Da warten aufregende Überraschungen hinter jeder Ecke.


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