© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

Malaysia am Scheideweg
Islamismus droht Wirtschaft auszubremsen
von Joachim Feyerabend

Der malaysische Politiker Mohamad Khir Toyo aus der Provinz Selangor, 38 Jahre, ließ sich die Haare grau färben. Da in dem fernöstlichen Inselreich noch Alter und Weisheit zählen, hoffte er, so seine Chancen für die soeben beendeten Wahlen aufzupäppeln. Einige Busse mit Wählern wurden von einer Meute Demonstranten gestoppt, damit sie die Urnen nicht erreichen konnten. Doch trotz aller Tricks, es kam für den amtierenden Premierminister Datuk Seri Abdullah Amad Badawi (seit 2003 im Amt) zu einem Erdrutsch.

Zum ersten Mal seit 40 Jahren büßte sein Viel-Parteienbündnis in der Hauptstadt Kuala Lumpur die gewohnte Zwei-Drittel-Mehrheit ein, mit der sein Vorgänger Mahatar Mohamad das muslimische Land auf Fortschrittskurs hielt und eine Trennung von Staat und Religion verfolgte. Gleichwohl kommt den islamischen Sharia-Gerichten über alle Justizinstanzen hinweg die Oberhoheit zu, und die Religionsfreiheit der Verfassung ist in der Praxis für Malayen nicht vorhanden, sie können die Staatsreligion kaum durch ein anderes Glaubensbekenntnis ersetzen. Ausländer, die eine Tochter des Landes ehelichen wollen, müssen zum Islam konvertieren. Und Ex-Premier Mahatir ließ – trotz liberaler Grundhaltung und Weltoffenheit – keine Gelegenheit aus, westlichen Lebensstil und europäische Sitten als morbid, amoralisch und dekadent zu brandmarken. Abdullah muß nun mit einer knappen Mehrheit weiterregieren. Schon jetzt sehen Kritiker wie der Islam-Experte für Fernost, Sadanand Dhume, ein ängstliches Einknicken des Politikers vor den Religions-gewaltigen voraus und beobachten eine Abwanderung junger Spitzenkräfte nach Singapur oder China wegen eines Mangels an Toleranz, neuem Rassismus und Anpassung an die Tatsache, daß die Vorteile der malaysischen Wirtschaft in der Billigproduktion für Elektronik sowie die Innovationskraft schwinden. Schmerzlich ist in diesem Zusammenhang der Verlust der Kontrolle über vier Staaten, darunter der Technologie-Standort Penang (Malaysias Silicon Valley). Neben Islamisten opponieren die wirtschaftlich stärkeren Chinesen (Bevölkerungsanteil 24 Prozent) und die Inder (acht Prozent). Sie sind vor allem neben der zunehmenden Islamisierung über ein Programm verärgert, das sie mehr und mehr von Positionen in Verwaltung und anderen Ämtern zugunsten der 60 Prozent Malaysier ausschließt und einen bislang nicht bekannten Rassismus bis hin zum Abriß von antiken Hindutempeln auslöste, und sie fürchten um geplante Großprojekte in den Provinzen.

Die Börse in Kuala Lumpur quittierte die Wahl vom 9. März prompt mit drastischen Kursverlusten. Der Index sackte um zehn Prozent ab. Nicht ohne Grund, denn vor allem ausländische Investoren fürchten eine nun bevorstehende „Islamisierung“ der Politik durch die Zugewinne streng orthodoxer Parteien wie der Pan-Malaysian Islamic Party (PAS) aus der von ihr beherrschten Provinz Kelantan und einen entsprechenden Rückschlag für die Ökonomie, die jahrzehntelang prosperierte und Malaysia in die Reihe der „Tigerstaaten“ einrücken ließ. Der „Petronias-Tower“, einer der höchsten Wolkenkratzer der Welt in Kuala Lumpur, symbolisiert diesen Stellenwert. Allerdings machte dem Archipel in den vergangenen Jahren auch die Inflation zu schaffen. Sie sorgte für Unzufriedenheit unter der Bevölkerung, die neidisch auf die tüchtigeren Chinesen schielt – ein ähnliches Problem wie im Nachbarland Indonesien.


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