© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

»Auf ein Wort«
Was wir an der Heimat haben
von Jörg Schönbohm

Wir leben im globalen Zeitalter. Entfernungen spielen kaum noch eine Rolle. Wir kommunizieren in Echtzeit und reisen mit Hochgeschwindigkeit um den Erdball – die Welt wird zum Dorf. Durch diese Entwicklung ändern sich natürlich auch die Anforderungen an die Menschen. Der moderne Weltbürger muß sich heutzutage im internationalen Wettbewerb vor allem als mobil, flexibel und reisefreudig erweisen. Feste Bindungen werden dabei als belastend empfunden. Statt von einem „Zuhause“ spricht der globalisierte Kosmopolit daher eher von einem „vorübergehenden Lebensmittelpunkt“ oder einem „derzeitigen Aufenthaltsort“.

Zugleich sorgt die Globalisierung für eine Vereinheitlichung des „Way of Life“. Die früher gänzlich unterschiedlichen Lebensweisen der Völker sind heute kaum noch voneinander zu unterscheiden: Gleiche Kleidung, gleiche Lebensmittel, gleiche Musik, gleiche Nachrichten. Traditionen und Bräuche verlieren an Bedeutung. Ungebundenheit und Entwurzelung sind zu den Kennzeichen unserer weltbürgerlichen Gesellschaft geworden. Jedoch warnte bereits der ungarische Schriftsteller György Konrád: „Wenn du all das verläßt, was zu dir gehört, verläßt du fast dich selbst.“ Dies trifft auch auf die Heimat zu.

Heimat ist identitätsstiftend. Sie ist geradezu ein Sinnbild für Geborgenheit, Vertrautheit und Dazugehörigkeit, aber eben auch für Unterscheidbarkeit. Heimat ist mehr als der bloße Herkunftsort. Sie speist sich aus einer gemeinsamen Geschichte und gemeinsamen Erfahrungen, aus Erinnerungen an bestimmte Gerüche, Klänge und Gefühle. Heimat ist das Überschaubare, Berechenbare und Bekannte.

Wer daheim ist, weiß, daß er sich nicht für sein Dasein rechtfertigen muß – er gehört schlichtweg an diesen Platz. Wer jedoch aus seiner Heimat gerissen wird, wer von Familie und Freunden, von Sprache und Kultur, von Normen und Traditionen getrennt wird, der verliert nicht nur einen räumlichen Bezugspunkt. Ihm wird immer auch ein Teil seiner Identität genommen.

Dauerhafte Heimatlosigkeit und bleibendes Fremdsein führen jedoch leicht zu sozialer Isolation. Auch in unserer Gesellschaft gibt es viele Menschen, die entwurzelt sind und sich fremd und fehl am Platz fühlen. Besonders besorgniserregend ist, daß es bei uns zunehmend Menschen gibt, die sich, obwohl sie nach wie vor in ihrer alten Umgebung leben, dennoch heimatlos fühlen. Dies ist vor allem in den neuen Bundesländern zu beobachten. Viele ehemalige DDR-Bürger fühlen sich in unserem wiedervereinten Land um einen Teil ihrer Heimat und ihre Geschichte beraubt. Die Folgen sind Privatismus und ein Rückzug aus der Gesellschaft. Zugleich kommt es durch die Ostalgie-Bewegung zu einer überzogenen heimatlichen Rückbesinnung. Der Unrechtsstaat der DDR wird verklärt und verharmlost. Letztlich sind die ostalgischen Schwärmereien jedoch kaum etwas anderes als der Versuch, sich die alte Heimat wieder zu erschließen. 

Daneben leben in Deutschland viele Menschen, die ganz konkret ihre Heimat verloren haben. Wir haben viele Namen für sie: Zuwanderer, Migranten, Exilanten, Asylanten, Flüchtlinge, Vertriebene, Aussiedler. Sie alle sind heimatlos. Die meisten bezeichnen Deutschland dankbar als ihr Gastland. Eine wirkliche „zweite Heimat“ finden hier jedoch die wenigsten. Viele kommen nie wirklich in unserem Land an. Manche kanzeln sich sogar komplett ab und flüchten sich in Parallelgesellschaften, die ihnen als Heimatersatz dienen. Diese Menschen verzichten weitgehend auf Integrationsbemühungen. Nicht selten stellt das Gastland bei ihnen eben auch nur eine Station dar. Vielfach äußern sie den Wunsch, irgendwann wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren. Ihnen spricht Theodor Fontane aus der Seele: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben.“ 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand Deutschland schon einmal vor der Herausforderung unzählige Heimatlose zu integrieren. Über zwölf Millionen Menschen sind aus ihrer Heimat in den historischen deutschen Ostgebieten vertrieben worden. Durch eine beispiellose gesellschaftliche Kraftanstrengung gelang es damals, diesen Menschen wieder ein Zuhause zu geben. Dennoch blieben viele Vertriebene innerlich rastlos und unruhig. Sie litten ein Leben lang darunter, daß sie ihre Heimat nicht mehr wieder sehen durften. Das traumatische Geschehen des Heimatverlusts wirkte nicht selten sogar bis in spätere Generationen nach.

Die große Integrationsleistung von damals werden wir nur wiederholen können, wenn wir selber wieder zu unserer Heimat stehen. Dies gilt umso mehr in einer globalisierten Welt. Heimat ist keine antiquierte und verstaubte Denkkategorie, wie uns so häufig versucht wird einzureden. Wir müssen uns wieder auf unsere Herkunft und unsere Traditionen besinnen. Wer sich zur Heimat bekennt, bekennt sich auch zur Gemeinschaft und zur gesellschaftlichen Verantwortung. Wir können nur auf andere zugehen, wenn wir selber auf einem festen Fundament stehen, aus dem wir Kraft und Besonnenheit schöpfen können. Ein solches Fundament ist die Heimat.

Foto: Typisch deutsch? Bisher wurde über die Amerikaner gelacht, die Deutsche immer nur mit Bier und Dirndl in Verbindung brachten, doch inzwischen wissen viele Deutsche selbst nicht mehr, was ihre Heimat ausmacht.


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