© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

Beliebter Begleiter der Frauen
Eine Ausstellung in den Galeries Lafayette Berlin feiert den Lippenstift
von Silke Osman

Es gibt Frauen, die gehen ohne ihn nicht aus dem Haus. „Selbst wenn ich zum Briefkasten gehe, dann schminke ich mir wenigstens die Lippen“, schmunzelt Charlotte. Sie komme sich nackt vor ohne Lippenstift, bekennt die 40jährige. Der mittlerweile 125 Jahre alte Begleiter der Damenwelt gehört zu den meist verwendeten und verkauften Make-up-Artikeln. Nach neuesten Umfragen benutzen und lieben ihn täglich 16 Millionen Frauen zwischen 14 und 64 Jahren.

Beliebt und begehrt, aber auch schamhaft versteckt und verachtet – der Lippenstift kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Das Berliner Kaufhaus Galeries Lafayette, die einzige Auslands-Dependance der berühmten Pariser Galeries Lafayette und eine der ersten Hauptstadtadressen für internationale Mode und französische Spezialitäten, widmet dem verführerischen Frauenliebling derzeit eine unterhaltsame Ausstellung.

Auf etwa 100 Quadratmetern präsentiert der Sammler und Visagist René Koch im Erdgeschoß des Hauses an der Friedrichstraße über 100 wertvolle und originelle Stücke seiner Sammlung, darunter auch historische Plakate, die den Lippenstift im Wandel der Zeit zeigen.

Es gibt so viel zu entdecken und zu staunen: Hinreißend die aufwendig gestalteten Artdeco-Schatullen, unbezahlbar, zumindest für „Olga Normalverbraucher“, der diamantenbesetzte kostbare Lippenstift der Fürstin Metternich, unbeschwert fröhlich die knallbunten Flower-Power-Plastikstifte der 70er Jahre.

Höhepunkte der Ausstellung sind zweifellos die persönlichen Gegenstände, die einst Prominenten gehörten, wie etwa der Lippenstift von Eva (Evita) Perón, der zweiten Ehefrau des argentinischen Präsidenten Juan Domingo Perón. Kleider, Lippenstifte und andere Make-up-Artikel der Schauspielerin Hildegard Knef werden ihre Fans begeistern. Als Clou, der mit einem Augenzwinkern betrachtet werden dürfte, sind die 125 Kuß-Karten anzusehen, auf denen prominente Frauen wie Barbara Becker, Gitte Haenning, Vicky Leandros, Ute Lemper, Mireille Mathieu, Bonnie Tyler oder Judy Winter ihren Mundabdruck und ein Autogramm hinterlassen haben. Abgerundet wird die Ausstellung mit persönlichen Führungen durch René Koch (auf Anfrage) und Beautyseminaren rund um das Thema Schönheit.

Die offizielle Geburtsstunde des Lippenstifts war das Jahr 1883. Auf der Weltausstellung in Amsterdam präsentierte ein Parfümeur aus Paris einen farbigen Stift, der aus Rizinusöl, Hirschtalg und Bienenwachs hergestellt und in Seide eingewickelt war. Erst 1948 entwickelten Amerikaner die praktische Drehmechanik, die noch heute üblich ist.

Anfangs wurde dem Lippenstift übrigens mit Skepsis oder gar Ablehnung begegnet, waren es doch nur Künstlerinnen oder leichte Mädchen, die sich die Lippen färbten. Die Schauspielerin Sarah Bernhardt, die Diva des 19. Jahrhunderts, nannte den „Stylo d‘amour“ einen „Zauberstab des Eros“ und stellte sich für Reklamezwecke zur Verfügung, indem sie mit einem kirschrot geschminkten Mund auf der Bühne stand. In den 1920er Jahren waren es die Stars des Stummfilms, die sich mit ihm schmückten. Helena Rubinstein brachte ihren ersten „Lip Lustre“ auf den Markt, und bald war der Lippenstift aus dem täglichen Make-up einer modebewußten Frau nicht mehr wegzudenken. Die Brüder Charles und Joseph Revlon produzierten übrigens nicht nur den ersten Nagellack, sondern waren auch die ersten, welche die Farbe für die Nägel mit der für die Lippen aufeinander abstimmten. Ein Prinzip, auf das modebewußte Frauen noch heute achten.

Der älteste Fund, der auf das Färben von Lippen hindeutet, stammt aus dem Jahr 3500 vor Christus. Bei Ausgrabungen in der sumerischen Stadt Ur entdeckten Forscher eine Art Lippensalbe. Königinnen wie Nofretete (um 1350 v. Chr.) schminkten nicht nur den Mund rot, sondern betonten auch die Augen deutlich. Sogar bei Männern, vor allem bei Kriegern, waren gefärbte Lippen durchaus üblich.

So wechselhaft wie die Geschichte des Lippenstifts waren auch die Materialien, aus denen sie hergestellt wurden. Im alten Ägypten benutzte man Ocker und Farbsäfte, die man mit Schilfrohr auf die Lippen malte. Königin Elisabeth I., die für ihren weißen Teint berühmt war, nahm eine Mixtur aus Alabaster, Gips und Farbpartikeln. Heute sicher gewöhnungsbedürftig.

Die Ausstellung „Stylo d’amour – 125 Jahre Lippenstift“ in den Galeries Lafayette, Friedrichstraße 76-78, 10117 Berlin, ist montags bis sonnabends von 10 bis 20 Uhr geöffnet, Eintritt frei, bis 12. April.

Foto: 125 Jahre und immer noch begehrt: Der Lippenstift wird gefeiert.


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