© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

Einstige Sklavin kehrt heim
Sudanesin besucht 20 Jahre nach ihrer Entführung erstmals ihre Familie

Sie hat die Schule nur bis zur dritten Klasse besucht, hält aber trotzdem Vorträge an Universitäten: Mende Nazer arbeitet an einem Tag als Hilfskraft in einem Londoner Friseursalon, am anderen fliegt sie in die USA, um vor Studenten die Lage in ihrer Heimat, dem Sudan, zu schildern. Durch ihr Buch „Sklavin“ erlangte die um 1980 geborene Nuba vor sechs Jahren weltweit Gehör für das Schicksal ihres Volkes. So war sie knapp zehn Jahre alt, als die Schwarze von Arabern entführt und versklavt wurde. Ihr Schicksal, das kein Einzelfall im Sudan ist, erschüttert damals die Welt, doch das Leiden ihres Volkes geht unvermindert weiter. Das Doppelleben belastet die Frau, die relativ einsam in der englischen Hauptstadt lebt und sich lange wünschte, endlich ihre Familie wiederzusehen, die sie seit ihrer Entführung vor fast 20 Jahren nicht mehr getroffen hat.

Damien Lewis, ein britischer Journalist, mit dessen Hilfe sie das Buch „Sklavin“ verfaßt hat, zeigte sich bereit, ihr bei den Vorbereitungen ihrer Reise in das von Bürgerkrieg zerrissene Land zu helfen. Ein Kamerateam begleitete die beiden auf ihrer gefährlichen Reise, die nun in „Befreit – Die Heimkehr der Sklavin“ auch als Buch vorliegt.

Zugegeben, derzeit liegen Schicksalsberichte junger, schwarzer Frauen im Trend. Auch bei Mende Nazer scheint es so, als hätten die Menschen um sie herum diesen Trend erkannt. Inwieweit die junge Frau Opfer ist oder sich den Trend selbst zunutze macht, um das Schicksal ihres Volkes bekanntzumachen und so vielleicht Unterstützung zu erhalten, wird allerdings nicht absolut deutlich. Deutlich wird allerdings, daß sie ihre Reise in das Land ihrer Geburt zu ihrer Familie emotional tief berührt hat. Zwar entdeckt sie ihre Nuba-Wurzeln wieder und genießt jede Minute mit ihren gebrechlichen Eltern und zweien ihrer Geschwister, doch das krisengeschüttelte, rückständige Land weckt in ihr viel Unverständnis. Und natürlich wird die von vier Weißen begleitete Schwarze sofort von verschiedenen Gruppen umschwärmt, die sich die Berühmtheit der Frau zunutze machen wollen. So wird das Willkommensfest, das sie für ihre Familie in dem sudanesischen Städtchen Kauda gibt, von anderen zu einer politischen Veranstaltung umfunktioniert. Auch sprechen Soldaten der Nuba-Armee bei ihr vor, weil sie hoffen, daß die in England lebende „Schwester“ reich ist und ihnen Waffen besorgt. Auch andere Leute begegnen Mende Nazer auf eine ihr unbekannte, neue Weise.

„Während ich mich in Europa und Amerika inzwischen an meine Rolle als bedauernswertes Flüchtlingsmädchen gewöhnt hatte, galt ich hier offenbar als wohlhabende und exotische Ausländerin.“ Die junge Frau steht nicht ohne Grund so manches Mal vor einem Nervenzusammenbruch. Aber obwohl alle an ihr zerren – selbst ihre Reisebegleiter mißbrauchen sie ja für bewegende Filmaufnahmen in Flüchtlingslagern – schafft Mende es, sich einige Momente mit ihrer Familie zu gewähren.

Die Reise der zwischen ihrem alten und neuen Leben hin- und hergerissenen jungen Frau bietet dem Leser zahlreiche afrikanische Impressionen. Ob nun die sehr eigenwilligen Speisen, der „Service“ in Hotels, das Treiben auf dem Markt oder erschütternde Geschichten jener Menschen, die Mende auf ihrer Reise trifft: „Befreit – Die Heimkehr der Sklavin“ bietet Information und Emotion gleichermaßen.          Rebecca Bellano

Mende Nazer, Damien Lewis: „Befreit – Die Heimkehr der Sklavin“, Droemer, München 2007, geb., 347 Seiten, 19,90 Euro


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