© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

»Rußland vorwärts!«
Putins Partei versucht sich mit einem Festival der nationalen Kulturen in »nation building«
von Jurij Tschernyschew

Auf dem vergleichsweise kleinen Territorium des Königsberger Gebietes leben Angehörige von fast 130 Volksgruppen. Die autochthone deutsche Bevölkerung ist nach der Eroberung des Gebietes durch die Rote Armee von der Sowjetmacht zu ihrem überwiegenden Teil vertrieben und durch Angehörige der unterschiedlichsten Volksgruppen ersetzt worden. Ein knappes halbes Jahrhundert diente der Sozialismus zumindest offiziell als einigendes Band. Seit dem Ende der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken steht die Russische Föderation nun vor der Herausforderung auf ihrem Territorium im allgemeinen und dem Königsberger Gebiet im besonderen mit anderen Mitteln das zu betreiben, was man heutzutage mit dem eng­lischen Begriff „nation building“ (Nationenbildung) beschreibt. Hierzu lassen sich die Russen immer wieder etwas Neues einfallen. Das neueste ist ein Kulturfestival mit dem Titel „Rußland vorwärts!“, das jüngst erstmals im Königsberger Kunstpalast durchgeführt wurde. Organisiert wurde die Feier von der örtlichen Gruppe der Partei „Einiges Rußland“ mit Hilfe der Organisationen der einzelnen Volksgruppen des Königsberger Gebiets. Ungeachtet dessen, daß das Festival zum ersten Mal stattfand, beteiligten sich Vertreter fast aller örtlichen nationalen Verbände an dem Projekt.

In den Sälen des Kunsthauses herrschte eine feierliche und freundliche Atmosphäre. Die Gäste empfing ein Blasorchester, im Foyer spazierten Jungen und Mädchen in Nationaltrachten, auf den Tischen lagen aromatisch duftende Brotlaibe, und die Gourmets hatten Gelegenheit, Gerichte der Nationalküchen zu probieren.

Das Fest begann mit einer Ausstellung. Auf ihr wurden Beispiele der Kunst der Volksgruppen im Königsberger Gebiet gezeigt. Geheime Götzen und Talismane waren ebenso zu sehen wie Bern­steinsouvenirs und handgearbeitetes Kinderspielzeug. Die Ausstellungsstücke waren aus Keramik, gebrannter Tonerde, Stroh sowie Zweigen und Holz gefertigt. Die Ausstellung beinhaltete ein interessantes Begleitprogramm. Am markantesten war die Präsentation der Folklore-Gruppe „Taliza“. Die Ausstellung ähnelte einem Jahrmarkt. Es wurde gesungen und auf Volks- und selbstgemachten Instrumenten wurde gespielt.

Den Höhepunkt des Festivals bildete ein Konzert. Von der Bühne des Kunstpalastes wurden alle Nationalitäten aufgerufen: „Laßt uns Freunde sein!“ Dieser Aufruf wurde mit heftigem Applaus quittiert, und junge Schönheiten mit Brotlaiben in den Händen kamen von der Bühne und mischten sich unter das Publikum des Saals. Alle bekamen ein Stück­chen vom leckeren und würzigen Brot. Im Laufe mehrerer Stunden traten verschiedene Amateur- und Profigruppen auf, die Musik- und Tanzkunst der jeweiligen Volksgruppe zu demonstrieren. Junge Männer in typischen russischen Hemden (mit Stehkragen und seitlichem Schlitz) zeigten beispielsweise, wie man traditionell in Rußland tanzte.

Wie an der Gesamtveranstaltung nahmen auch am Konzert Vertreter der meisten Volksgruppen teil. Die Gäste des Festivals hatten die Möglichkeit, den Auftritt des Blasorchesters der Baltischen Flotte zu bewundern und das Schaffen von Folkloregruppen wie „Matiza“ und „Karusel“ kennenzulernen. Besonders anziehend waren die Auftritte einer Kosakengruppe und eines Orchesters volkstümlicher Instrumente sowie eine Tanzkomposition der deutschen Volksgruppe aus dem Königsberger Gebiet.

Dieses Festival soll nicht das letzte seiner Art gewesen sein. Vielmehr soll es so etwas jetzt jedes Jahr geben.

Foto: Farbenprächtige Selbstdarstellung: Auf der Bühne des Kunsthauses       


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