© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

»Land der Morgenröte«
Unter habsburgischer Verwaltung erlebte Bosnien die besten vier Jahrzehnte seiner Geschichte
von Wolf Oschlies

Als 1992 der Krieg in Bosnien-Herzegowina ausbrach, war der deutsche Außenminister Klaus Kinkel gerade auf dem Sprung in seinen Urlaub. Da er ahnte, daß die bosnischen Ereignisse ihn bald nachhaltig beschäftigen würden, packte er „Fachliteratur“ in den Koffer: Ivo Andrics großen Bosnien-Roman „Die Brücke über die Drina“. Das war nicht der schlechteste Griff ins Buchregal.

Andric, Jugoslawiens einziger Träger des Nobelpreises für Literatur, den er 1961 erhielt, läßt in seiner Novelle „Brief aus dem Jahre 1920“ zwei Sarajevoer darüber debattieren, ob und warum Bosnien ein „Land des Hasses“ sei. Dasselbe fragten sich nach 1992 auch deutsche Journalisten: Warum hat der Krieg in Bosnien, diesem „Jugoslawien im kleinen“, die härtesten und blutigsten Ausmaße angenommen? In drei Kriegsjahren wurden rund 280000 Menschen getötet, knapp 1,5 Millionen in 110 Länder der Welt vertrieben und unendliche materielle Schäden angerichtet.

Im November 1995 endete der Krieg durch das „Friedenspaket“ von Dayton (Ohio). Dieses Abkommen war die vollendete Bestätigung von Gottfried Benns zynisch-wahrem Diktum, daß das Gegenteil von „gut“ nicht etwa „schlecht“ sei, sondern – „gut gemeint“. Daytons gute Absicht für Bosnien war in der Formel ausgedrückt „Drei Völker, zwei Entitäten, ein Staat“. Die „Völker“ waren die bosnischen Muslime (44 Prozent), Serben (31 Prozent) und Kroaten (17 Prozent). Als „Entitäten“ schuf Dayton die „Republika Srpska“ (RS) im Norden und Osten und die „Bosnisch-Kroatische Föderation“ (FBH) im Zentrum und Süden. Und der erhoffte gemeinsame „Staat“ ist zwar international anerkannt, real aber kaum mehr als eine papierene Fiktion: Bosnien ist seit 1995 ein UN-Protektorat und ein ökonomisch verwüstetes, ethnisch verfeindetes und politisch zerrissenes Land ohne jede „europäische“ Chance: „In Europa gibt es drei Arten von Staaten – EU-Länder, EU-Beitrittskandidaten und Bosnien“, wie es der neueste Witz aus Bosnien karikiert.

Hätte das verhindert werden können? Andric wußte, das Bosnien immer dann ein „Land des Hasses“ war, wenn Haß von außen hereingetragen wurde – wie im März 1991, als zwei Kriegsverbrecher-Präsidenten, der Kroate Franjo Tudjman und der Serbe Slobodan Milosevic, die Teilung Bosniens verabredeten und so den Krieg lostraten.

Spätestens da hätten sich Deutsche zu Wort melden sollen, die Bosnien besser als andere kannten. Alle ost- und südosteuropäischen Länder sind von Deutschen erkundet und beschrieben worden, keins so intensiv und liebevoll wie Bosnien. Dabei gab es dort kaum Deutsche: Ab 1879 wanderten kleine deutsche Gruppen aus Rußland und Ungarn ein, gründeten im Norden Siedlungen wie Rudolfsthal (bei Banja Luka) und fügten sich fleißig und erfolgreich in den bosnischen Alltag ein. Ganze 23181 Deutsche wies die Volkszählung von 1910 aus. Für bosnische Landeskunde waren sie ungeeignete Zeugen, aber andere deutsche Autoren haben die drei Charakteristika Bosniens und der Bosnier mit Akribie vermerkt – ihr instinktives Rebellentum, ihre konfessionelle Toleranz und ihre legendäre Starrköpfigkeit.

Das Rebellentum war ein Erbe der „Bogomilen“ (Gottesfreunde), einer christlichen Sekte aus dem späten 12. Jahrhundert. Der Papst betrachtete sie als Häretiker und hetzte permanent die Ungarn auf sie. Die Bosnier kamen zu der Überzeugung, daß der türkische Sultan, der auf dem Balkan immer neue Regionen einnahm, nicht schlimmer als der christliche Papst sein könne, weswegen sie 1463 ohne Zwang massenhaft zum Islam übertraten. 1485 folgten ihnen auch die (besonders trotzköpfigen) Herzegowiner, deren Führer Stjepan Vukcic bis dahin den (deutschen) Titel eines „Herzogs“ getragen hatte, wovon sich der Regionalname ableitet. Der deutsche Sebastian Brant hat diese Konversionen 1494 in seinem Versepos „Das Narrenschiff“ verständnislos erwähnt. Wie sollte er auch wissen, daß die schlauen Bosnier Konzessionen ausgehandelt hatten, die von den Islamwissenschaftlern bis heute als „bosnisches Paradoxon“ bestaunt werden: Bosnischer Islam ist konservativ, um die Liberalität des Moments bosnischer Konversion zu bewahren und alle Gebote, die seither entstanden, souverän zu ignorieren. Leopold von Ranke hat 1834 in seiner „Historisch-politischen Zeitschrift“ amüsiert berichtet, wie lässig bosnische Muslime ihren Glauben praktizieren. Bis zur Gegenwart gilt bei ihnen „Prije podne Ilija, poslije podne Alija“ – vormittags der Heilige Elias, nachmittags Allah.

Die politischen Auswirkungen dieser Multikonfessionalität notierte 1531 der Deutsche Joseph Freiherr von Lamberg in seinem „Itinarium“ einer Reise zum Sultan nach Konstantinopel: „Item wir haben in dem Künigreich Bossen dreirerlay Nationes vnnd glaubens gefunden“ – katholische Kroaten, orthodoxe „Surffen“ (Serben) und „Türcken“ (bosnische Muslime). Variierende Bekenntnisse schieden die ethnischen Slawen, was die gemeinsame ethnische Basis nicht tangierte: „Die Einwohner sind slawonischen Ursprungs und reden die slawonische Sprache“, schrieb der deutsche Geograph Anton Friedrich Büsching 1770 in seiner „Erdbeschreibung“, in der er vor allem den Gewerbefleiß der Einwohner lobte, etwa die in Europa berühmten Waffen, die in Mostar gefertigt wurden. Um 1750 zeichnete Büsching zudem eine Karte des „Königreichs Bosnien“, die man dank ihrer Akribie und touristischen Informationen bis auf den heutigen Tag verwenden könnte.

Runde 400 Jahre haben es die Bosnier im Osmanischen Imperium gut ausgehalten: Ihre politischen Strukturen blieben weithin intakt, ihr Steuerbelastung war erträglich, ihre Glaubensfreiheit ga­rantiert. Erst die Agonie des „kranken Mannes am Bosporus“ ließ sie umdenken, und so hatten sie nichts dagegen, als der Berliner Kongreß 1878 ihr Land der Habsburger Monarchie „zur Verwaltung“ übergab. 1908 „okkupierte“ Wien das ganze Land, was dort niemanden aufregte. Wien hatte mit Benjamin Kállay, Finanz- und später Außenminister der Monarchie, einen genialen Politiker zum bosnischen Landesherren bestimmt, der behutsam dafür sorgte, daß Habsburg „mit Ärzten, Lehrern und Ingenieuren“ das Land modernisierte und dabei noch die „bosnische Identität“ stärkte.

Unter Österreich erlebte Bosnien die besten 40 Jahre seiner Geschichte, wie bis zur Gegenwart der wissenschaftliche und publizistische Ertrag dieser Jahrzehnte beweist. 1888 gründete Habsburg in Sarajevo das „Bosnisch-Hercegovinische Landesmuseum“, dessen deutsche und slawische Periodika bis heute ein unverzichtbarer Thesaurus bosnischer Landes- und Kulturkunde sind. Bosnische Wissenschaftler wie der Archäologe Ciro Truhelka, der Historiker Lajos Thalloczy und viele andere waren an dem Band „Bosnien und Hercegovina“ beteiligt, der eingangs des 20. Jahrhunderts ein so tiefenscharfes Porträt des Landes erbrachte, daß er unlängst neu ediert wurde. Nur in Bosnien konnten Werke wie das von Vladimir Corovic, Direktor des Museums in Sarajevo, erscheinen – eine deutsch kommentierte Sammlung altbosnischer Sprachdenkmäler in slawischer Sprache und arabischer Schrift. „Bosnisch-türkische Sprachdenkmäler“ hatte 1868 auch der Deutsche Otto Blau, Konsul in Sarajevo, veröffentlicht. Aus dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn reisten zu Dutzenden Autoren heran, deren historische, wirtschaftliche, publizistische etc. Studien über Bosnien von bleibendem Wert sind – allen voran Heinrich Renner, Redakteur der „Vossischen Zeitung“, der 1896 mit „Durch Bosnien und Hercegovina“ einen auflagenstarken Bestseller landete. „Bosnien ist das Land der Morgenröte“, hatte Renner geschwärmt, was in politischer Sicht selbst Ruprecht Kronprinz von Bayern, unterschrieb. Sein bosnisches Reisetagebuch von 1894 war ein begeistertes Kompliment an die ethnisch-sprachliche Einheit der Bosnier und die Schönheit ihres Landes.

1918 kam Bosnien zum neuen „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, das sich ab 1929 „Jugoslawien“ nannte. Auch unter den neuen Bedingungen blieb sich das Land treu, wie der Deutsche Hermann Wendel, Reichstagsabgeordneter und herausragender Bal­kankenner, in seinen Büchern und Artikeln schilderte: Wenn Jugoslawien der seit Jahrhunderten erträumte Gesamtstaat der Südslawen wird, dann ist Bosnien seine vielversprechende Vorform – mit seinen Naturreichtümern, seiner ethnischen Toleranz, seiner uns Deutschen so nahen Kultur, wie sie vor allem der Dichterkreis von Mostar um Aleksa Santic repräsentiert.

Nach 1941 verschwand Bosnien in Hitlers Protektorat „Unabhängiger Staat Kroatien“, wogegen es sich mit seinen Partisanen wehrte, deren Tapferkeit legendär war. 1945 wollte Tito den Bosniern nur eine „Autonomie“ konzedieren, also sie den Serben oder Kroaten beigeben. So etwas lassen bosnische „tvrde glave“ (Hartköpfe) nicht mit sich machen, und mit monatelangem Krach in Belgrad erzwangen sie ihre „Republik Bosnien-Hercegovina“. Tito dürfte sich später zu seinem Einlenken gratuliert haben, denn Bosnien war sein Musterländle: Als 1972 anderswo bereits Teuerung und Arbeitslosigkeit drohten, erlebte das Land sein „bosnisches Wirtschaftswunder“ und erwirtschaftete als einzige Teilrepublik im Außenhandel mit Deutschland einen Überschuß.

1984 richtete Sarajevo die schönsten und fröhlichsten Winterspiele der olympischen Sportgeschichte aus. Zehn Jahre später, mitten in der schrecklichsten Kriegszeit, lud die bosnische Hauptstadt alle Olympiastädte der Welt zu einem Solidaritätstreffen ein. Aus Berlin oder München kam nicht einmal eine Antwort, geschweige denn ein Repräsentant.

Foto: Attentat von Sarajevo: Der durch den serbischen Terroranschlag ausgelöste Erste Weltkrieg beendete die Zugehörigkeit Bosniens zur Donaumonarchie.


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