© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-08 vom 02. August 2008

»Auf ein Wort«
Bewährtes bewahren
von Jörg Schönbohm

Edmund Burke, der geistige Vater des Konservatismus, sagte einmal, daß derjenige, der etwas verändern wolle, die Beweislast trage, daß das Neue tatsächlich besser ist. Genau das ist es, was Konservatismus im Kern ausmacht.

Konservativ zu sein bedeutet, Bewährtes zu bewahren und das, was sich als richtig und gut erwiesen hat, zu erhalten. Wer konservativ denkt, der hängt nicht an dem, was gestern war, sondern lebt aus dem, was immer gilt. Der Konservative besinnt sich auf seine Wurzeln und bekennt sich zu überlieferten Werten und erprobten Lebensformen. Damit ist Konservatismus mehr als eine politische Doktrin; er ist vielmehr eine Art zu denken, zu fühlen und zu leben.

Konservatismus ist dadurch aber keineswegs antimodern und fortschrittsfeindlich. Im Gegenteil: Konservatismus hat immer auch einen schöpferischen Auftrag, der in die Zukunft gerichtet ist. Franz Josef Strauß faßte dies in der bekannten Formel zusammen: „Konservativ sein heißt an der Spitze des Fortschritts marschieren.“

Wer eine konservative Geisteshaltung hat, steht auf einem festen Fundament und weiß sich mit der Schöpfung und der überlieferten Werteordnung unserer christlich-abendländischen Gesellschaft in tiefem Einverständnis. Im Gegensatz zum Sozialismus fordert der Konservatismus keinen „neuen Menschen“. Statt dessen bejaht der Konservatismus die Schöpfung und den „realen Menschen“, der für ihn Träger einer unverzichtbaren und unverlierbaren Würde ist, die durch nichts und niemanden geleugnet oder mißachtet werden darf.

Auch wenn der Mensch nach christlichem Verständnis das „gefallene Geschöpf Gottes“ ist, so geht der Konservative doch vom freien Willen und von der Einsichts- und Lernfähigkeit des Menschen aus. Daraus leitet er die Forderung ab, daß niemand aus der Zumutung entlassen werden darf, für die Konsequenzen seines eigenen Handelns geradezustehen.

Ein Konservativer orientiert sich an unverrückbaren Werten. Dies wird in der modernen Welt jedoch immer schwieriger. Nicht aufgrund eines Werteverfalls, von dem so häufig die Rede ist, sondern aufgrund einer Werteinflation. In unserer Zeit scheint alles in irgendeiner Weise „wertvoll“ zu sein. Der französische Philosoph Jean Baudrillard beschreibt diesen Zustand als „Stadium der totalen Relativität“.

Zunehmend macht sich Werterelativismus und Werteinflation auch in der Parteipolitik bemerkbar. Programmatische Beliebigkeit macht sich breit. Die Folge ist das vielbeklagte Parteieneinerlei.

Auch die CDU, die von jeher eigentlich die Partei war, in der Konservatismus, bürgerliche Tugenden und Traditionalismus ein Zuhause fanden, bleibt davon nicht verschont. Daß die Union zuletzt deutlich an Strahlkraft verlor und in Umfragen nur noch bei zirka 35 Prozent rangiert, hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, daß die Programmatik der Partei ein Stück weit der Beliebigkeit geopfert wurde. Die CDU muß aufpassen, daß sie nicht ihres Markenkerns verlustig geht. Wer den Zeitgeist heiratet, so warnt das Sprichwort, der wird bald Witwer sein.

Vor allem die Stammwähler befürchten, daß sich die Union gerade dort, wo eigentlich Klarheit und Entschlossenheit angebracht wären – beispielsweise in der Familienpolitik oder der Wirtschaftspolitik – in Unschärfe und Konturlosigkeit verfangen könnte.

Die CDU täte gut daran, wenn sie in ihrem Programm und ihrer Politik den Bedürfnissen und Wünschen jener entsprechen würde, die der Partei von jeher die Treue gehalten haben.

Prinzipienfestigkeit und Glaubwürdigkeit, Verläßlichkeit und Berechenbarkeit müssen das Markenzeichen der CDU bleiben.

Konservative Positionen dürfen nicht aus der Programmatik der Union verdrängt werden. Ansonsten wird den Extremisten das Feld bereitet.

Der momentane Erfolg der Linkspartei zeigt, daß sich durchaus extreme Gruppierungen am äußeren Rand des Parteienspektrums etablieren können. Es wäre fahrlässig zu denken, daß dies am rechten Rand nicht möglich ist. Wer dies nicht glaubt, braucht nur einmal ein paar Jahre zurückzublicken. 2001 erhielt die Schillpartei in Hamburg auf Anhieb fast 20 Prozent der Stimmen – das sollte für die Union ein deutliches Warnsignal sein.

Die CDU muß auch weiterhin den konservativen Demokraten eine politische Heimat bieten. Noch immer und auch in Zukunft muß die Warnung von Franz Josef Strauß gelten: „Rechts von der CSU darf es nie wieder eine demokratisch legitimierte Partei geben.“

Die Union muß die Partei der Konservativen bleiben. Sie muß die Partei bleiben, die konsequent für die Bewahrung einer christlichen Lebens- und Wertewelt eintritt, die Traditionen und bürgerliche Tugenden verteidigt und für Bewährtes und Erhaltenswertes einsteht. Die CDU muß allerdings auch die entsprechenden Köpfe haben, die diese Positionen glaubhaft vertreten.

Die Partei sollte sich nicht daran orientieren, was gegenwärtig als politisch schick gilt, sondern mehr daran, was sich in der Vergangenheit als richtig und gut erwiesen hat – daran, was sich im Leben bewährt hat und was Grundlage für unsere gemeinsame Zukunft ist.

Foto: Können die Konservativen nicht mehr an die CDU binden: Christian Wulff (l.), Angela Merkel und Roland Koch


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