© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-08 vom 06. September 2008

Großrazzia bei Milli Görüs
Schon vor Jahren ein milliardenschwerer Finanzskandal – Islamisten mit gutem Draht zu Erdogans AKP

Über fünf Stunden lang haben Steuerfahnder 20 Büros und Wohnungen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) durchsucht, darunter die Deutschland-Zentrale in Kerpen. Angeblich ging es nur um Steuerdelikte.

Seit vergangener Woche ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln gegen die vom Verfassungsschutz beobachtete und als islamistisch eingestufte Gemeinschaft. Die türkische Milli Görüs („Nationale Sicht“) steht unter dem Verdacht, Steuerstraftaten begangen zu haben, gegen drei Verantwortliche der Organisation richten sich die Ermittlungen. „Gegenstand des Verfahrens ist ausschließlich der Verdacht steuerstrafrechtlicher Vergehen“, teilte Oberstaatsanwalt Günther Feld mit und nennt keine weiteren Details.

Doch Milli Görüs ist eine der größten islamischen Organisationen in Deutschland, in den 70er Jahren unter dem Namen „Türkische Union Europas“ gegründet, unterhält sie in Deutschland rund 300 Moscheen und Kulturvereine mit geschätzten 30000 Mitgliedern. In der Vergangenheit ist die Organisation auch häufig wegen ihrer Nähe zu der verbotenen Organisation „Kalifat-Staat“ in die Schlagzeilen geraten.

Zu einem von der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Skandal kam es in den 90er Jahren. Mit Hilfe von Milli Görüs wurden rund 250000 in Deutschland lebende Türken um mehrere Milliarden Euro geprellt – die Schätzungen über das Volumen des Betruges reichen von fünf bis 25 Milliarden Euro. Die Werber der sogenannten Islam-Holdings hatten den Gastarbeitern bis zu 25 Prozent Rendite versprochen, wenn sie ihre Ersparnisse in schariakonforme Anlagegeschäfte investierten. Milli Görüs unterstützte die Unternehmen mit Verkaufsveranstaltungen in Moscheen und Vereinen – natürlich auf Provisionsbasis. Nachdem die ersten Unternehmen Pleite gingen und das Geld der Anleger auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, flog die krumme Tour auf. Obwohl sämtliche Geschäfte am Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) vorbei gegangen waren, interessierten sich deutsche Ermittler nur wenig für die Hintergründe. Kleinere Prozesse werden bis zum heutigen Tag geführt, dabei entscheiden die deutschen Gerichte auch meist zugunsten der Opfer, doch das Geld bleibt verschwunden, Titel sind nicht vollstreckbar und die Hintermänner sind abgetaucht.

Der Geschädigten-Anwalt Ünal Tashan sieht die Schuldigen in der Politik. „Die Verbindungen von Milli Görüs reichen bis in die höchsten Wirtschafts- und Politikerkreise der Türkei. Ein Finanzskandal, in dem sogar dem derzeitigen Ministerpräsidenten der Türkei, Recep Tayip Erdogan, Verwicklungen in die ominösen Geschäfte von türkischen Großunternehmen vorgeworfen wird, paßt nicht ins Bild.“

Auch in Ankara hat man wenig Interesse an einer Aufklärung. Waren es doch dieselben türkischen Unternehmen, die in Deutschland Milliarden Euro Ersparnisse von Gastarbeitern im Tausch gegen wertlose Anteilsscheine einsammelten, die auch den Wahlkampf von Ministerpräsident Erdogan und seiner AKP unterstützten. Erdogan war schon vor seiner Zeit als Ministerpräsident bei Milli Görüs engagiert. Kein Wunder, denn die religiösen Wurzeln Erdogans und vieler AKP-Politiker kreuzen sich mit Milli Görus und deren religiöser Ausrichtung im mystischen Islam. Zu diesen Wurzeln der Milli Görüs-Bewegung gehört die Nakshibandiye-Bruderschaft, ein sunnitischer Orden mit besten Kontakten in die arabische Welt und einem Wirtschaftsimperium, das international agiert und Milliardenumsätze erwirtschaftet. Die Gewinne werden in islamische Bildungseinrichtungen und die Expansion in Europa investiert. Erklärtes Ziel aller dieser Gruppen ist die Errichtung der Weltherrschaft des Islam. Organisationen wie Milli Görüs werden dabei als Türöffner benutzt.

Besonderen Wert legt die IGMG auf die Jugendarbeit. Von schulbegleitenden Lernangeboten bis zur Sommerfreizeit bietet Milli Görüs jungen Deutschtürken Aktivitäten, die sie im deutschen System so nicht vorfinden. Eine echte Integration in Deutschland ist von Milli Görüs nicht gewollt, im Gegenteil: Auf dem Program stehen Türkisch und der Koran. Milli Görüs organisiert Pilgerfahrten nach Mekka und betreibt eine Sterbekasse, die den Beitragszahlern eine Beerdigung in der Heimat ermöglichen soll. Auch diese Kasse unterliegt nicht dem Bafin, auch hier agiert die Organisation in rechtlichen Grauzonen. Ob die Steuerermittler in Köln diesmal fündig werden, bleibt abzuwarten, allerdings wären auch andere Stellen gut beraten, ein Auge auf die Organisation zu haben. Mariano Albrecht

Foto: Steuerfahnder im Einsatz: Die Zentrale von Milli Görüs in Kerpen bei Köln wird gründlich durchsucht.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren