© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-08 vom 06. September 2008

Einkommen stagnieren trotz Aufschwung
Noch wächst die deutsche Wirtschaft, aber die Aussichten trüben sich ein

Der Geschäftsklima-Index des Münchner ifo-Instituts gilt als zuverlässiges „Frühwarnsystem“ für Konjunkturprobleme. Seit Jahrzehnten zeigt dieser monatlich ermittelte Index mit einem Vorlauf von etwa einem halben Jahr an, ob es mit der deutschen Wirtschaft aufwärts oder abwärts geht. Um so länger waren die Gesichter von Wirtschaftsexperten und Börsianern, als dieser Index im August gleich zum dritten Mal in Folge deutlich einbrach.

Die Lage ist zwar noch keineswegs dramatisch, weil der Einbruch von einem hohen Niveau aus erfolgte. Noch schätzen die Unternehmen ihre Geschäftslage überwiegend positiv ein, und auch am Arbeitsmarkt dauert der Aufschwung an. Doch die mittelfristigen Perspektiven haben sich eingetrübt. „Die deutsche Wirtschaft gerät damit zunehmend in konjunkturell schwieriges Fahrwasser“, erläutert Hans-Werner Sinn, der Chef des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, das den Index ermittelt. Dabei geht die Abkühlung quer über alle Branchen, vom verarbeitenden Gewerbe über die Bauwirtschaft bis zum Einzelhandel.

Die Ursachen sind klar: Der sprunghafte Anstieg der Energiepreise hat den Deutschen Kaufkraft in zweistelliger Milliardenhöhe entzogen. Zwar blüht der deutsche Export in die Länder und Weltregionen, die von dieser globalen Umverteilung profitieren – von Rußland bis zum Nahen Osten. Dieser Effekt kann aber den Verlust nicht vollständig ausgleichen. Ein zweiter Grund ist die Hypothekenkrise. Von dieser ist Deutschland zwar in viel geringerem Umfang betroffen als die USA, Großbritannien oder Spanien – hierzulande bangen nicht Millionen Häuslebauer um die Existenz. Aber es bleibt nicht ohne Folgen, wenn die Banken Milliardenverluste verkraften müssen und wichtige Handelspartner schwächeln. Beispielsweise liegt der deutsche Auto-Export in die USA am Boden, weil hier zwei Effekte zusammenkommen: Viele US-Bürger haben wegen der Finanzmarktkrise kein Geld mehr für große Anschaffungen, und die hohen Benzinpreise machen das Autogeschäft ohnehin schwieriger, auch auf dem europäischen Markt.

Ein dritter Grund ist der ganz normale Konjunkturzyklus. Kein Aufschwung dauert ewig, und der jetzige Zyklus geht schon ins vierte Jahr. Klassische Konjunkturzyklen dauern aber etwa vier bis viereinhalb Jahre. Das für viele Bürger Bedrückende am derzeitigen Zyklus ist die schleppende Einkommensentwicklung. Bis in die späten siebziger Jahre hinein stiegen in Deutschland die Löhne Jahr für Jahr schneller als die Preise – selbst während der ersten Ölkrise 1973 und der nachfolgenden Rezession. In den achtziger und neunziger Jahren stiegen die Löhne und Gehälter nach Abzug der Inflation dann nur noch verhalten, und es wurde normal, daß in konjunkturschwachen Jahren die Löhne real sanken.

Doch der aktuelle Zyklus zeigt ein noch anderes Bild. In der Spätphase der langen Stagnation der Jahre 2002 bis 2004 kam es zu empfindlichen Einkommenseinbußen. Unbezahlte Mehrarbeit wurde verlangt, Millionen Deutsche verloren Teile ihrer Zulagen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld. Der kräftige Aufschwung seit 2005 – auch am Arbeitsmarkt – geht nicht zuletzt auf diese, mehr von der privaten Wirtschaft als von der Politik durchgesetzte „Roßkur“ zurück. Doch die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit hat die Position der Arbeitnehmerseite in Tarifkonflikten so geschwächt, daß der sonst übliche „kräftige Schluck aus der Pulle“ im Aufschwung nie zustande kam. Nur einzelne Berufsgruppen, wie Ärzte, Lokführer und Piloten, konnten höhere Einkommen durchsetzen. Die meisten anderen konnten dagegen nur so gerade ihre Realeinkommen halten. Nun müssen sie zur Kenntnis nehmen, daß die Konjunktur bereits wieder an Schwung verliert, während die Preise so schnell steigen, wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Die IG Metall und weitere Gewerkschaften haben für die nächste Tarifrunde bereits besonders hohe Lohnforderungen angekündigt. Für die Konjunktur wäre es ein zusätzliches Risiko. K.B.


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