© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-08 vom 06. September 2008

Heim nach Polen
Steueramnestie soll Gastarbeitern die Rückkehr erleichtern

Die polnische Wirtschaft leidet unter chronischem Facharbeitermangel. Nun will die rechtsliberale Regierung Donald Tusks das im Wahlkampf versprochene Steueramnestiegesetz zur Rückkehr polnischer Gastarbeiter parlamentarisch auf den Weg bringen. Angesichts der Schwere des Problems rechnen Beobachter mit einer Beschlußfassung vielleicht noch im September. Genaue Zahlen über den Umfang Massenauswanderung von Polen gibt es nicht. Schätzungen des Warschauer Sozial- und Arbeitsministeriums gehen von bis zu zwei Millionen Menschen aus, die wegen der um ein Vielfaches höheren Löhne in andere EU-Staaten gezogen sind.

In polnischen Zeitungen erscheinen regelmäßig Lohnvergleichstabellen, Anzeigen für potentielle Auswanderer und Reportagen über Erfahrungen als Gastarbeiter in der Fremde. Diese Werbung wirkt. Im Jahre 2005 hatten allein 322000 Polen in Deutschland, 197000 in Großbritannien und 120000 in der Republik Irland eine Arbeitserlaubnis – dazu kommen Schwarzarbeiter und Illegale. Und so ist inoffiziell von fast einer Million Polen in Großbritannien (einschließlich der Saisonarbeiter) sowie über 300000 in Irland die Rede. Die weitaus meisten sind jung und gut ausgebildet, und die über vier Milliarden Euro, die sie allein im Jahre 2007 nach Hause überwiesen, können die Lücke nicht schließen, die sie dort hinterlassen.

Auch wenn die Auswanderungswelle abgeebbt ist, wissen Regierung und Öffentlichkeit in Polen genau, daß alles getan werden muß, um viele der Auswanderer zurückzuholen. So ist man zu weitreichenden Maßnahmen bereit, und so sieht das geplante Amnestiegesetz Einkommenssteuerbefreiungen für alle offengelegten Auslandseinkommen der Jahre 2002 bis 2007 vor.

Umfragen unter polnischen Migranten in Großbritannien zeigen, daß dies durchaus eine breite Rückkehrbewegung in Gang setzen könnte. Eine Erhebung vom Frühjahr ergab, daß die Hälfte der dort lebenden Polen in den nächsten paar Jahren gern heimkehren würde. Ein Grund dafür ist, daß die meist im Niedriglohnbereich eingesetzten Polen in Westeuropa zunehmend die Konkurrenz noch billigerer Rumänen und Bulgaren spüren. Zudem ist die Emigration durch den Kursverfall des britischen Pfunds gegenüber dem Zloty seit 2006 weniger attraktiv geworden, und in Polen locken Lohnsteigerungen von derzeit im Schnitt über zehn Prozent.

Da die Mehrheit der polnischen Auswanderer einstweilen davon ausgeht, wieder zurückzukehren, fällt ihre gesellschaftliche Teilhabe im Gastland jenseits des Berufslebens minimal aus. Alles Geld, das übrigbleibt, wird an die Angehörigen in Liegnitz, Lodsch oder Lublin überwiesen. Dort führt der Verlust eines Teils der Jugend zu Überalterung und Stagnation. Letztere können auch die ins Land gelassenen Migranten aus östlicheren Ländern wie der Ukraine kaum beenden. Im Gegenteil: Ihre Massenzuwanderung birgt in einem ethnisch vergleichsweise homogenen Staat wie Polen den Keim kultureller Konflikte in sich. Martin Schmidt


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