© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-08 vom 06. September 2008

Zu gut für diese Welt
Linkes Ökopärchen in Nöten

„Die Moral der Frauen“, so der Titel des neuesten Romans der britischen Feministin Fay Weldon. Was sich eher steif und bieder anhört, kommt ganz modern daher. Hattie und Martyn sind ein dynamisches, beruflich engagiertes, unverheiratetes Paar. Er ist Autor bei einem Magazin und hofft, als Politiker Karriere zu machen. Sie arbeitet in einem Verlag und ist für den Verkauf von Auslandsrechten zuständig. Als Hattie ungewollt schwanger wird, hält sich die Freude in Grenzen. Trotzdem entscheiden sich beide für das Kind, doch auch wenn Hattie nachher die kleine Kitty über alles liebt, so kann sie nicht so recht in die Rolle der Mutter finden. Zudem kommt die kleine Familie in arge finanzielle Bedrängnis. Der Speiseplan ist sehr einseitig und die Stromrechnung – die Familie bezieht aus Überzeugung teureren Ökostrom – treibt Hattie die Tränen in die Augen. Also entscheidet die junge Frau eigenmächtig, das polnische Kindermädchen einer nach Frankreich ziehenden Bekannten zu übernehmen. Martyn hält nicht viel davon, eine junge Polin für sein Kind sorgen zu lassen, doch Hattie will wieder arbeiten. Und kaum ist Agnieszka im Haus, ist er von der fleißigen, jungen Frau genauso begeistert wie Hattie und Kitty.

Fay Weldon erzählt die Geschichte aus Sicht von Hatties Großmutter Frances, die so manche Ähnlichkeit mit der Autorin aufweist: Auch sie hat ihre Jugend in Neuseeland verbracht, mehrere Ehen hinter sich sowie Kinder von mehreren Vätern. Frances, um die 70 Jahre, vergleicht immer wieder Hatties Leben mit dem ihren und dem ihrer beiden Schwestern Serena und Susie. Alle sind keine typischen Hausfrauen, und sie gibt sich ein wenig die Schuld daran, daß Hattie keine Hausfrau und Mutter sein kann, sondern es sie massiv wieder zurück ins Büro zieht. Martyn hält sie für einen netten Trottel, der mit Hattie vor allem die linke Lebenseinstellung teilt, über die sich Frances regelmäßig lustig macht. So amüsiert es sie, daß Martyn kein Au-pair wollte, weil es aus seiner Sicht nur dem verhaßten Kapitalisten eigen sei, andere für sich den Dreck wegmachen zu lassen. Als er allerdings feststellt, daß seine Lebensgefährtin wieder mehr Zeit hat, sich hübsch zu machen und auch wieder Lust auf Sex hat, ist Martyn durchaus bereit, das Au-pair zu akzeptieren.

Ja, Fay Weldon spielt mit Klischees, aber auf eine sehr amüsante Weise. Wie sehr sich Hattie und Martyn mit ihrer linken Denkweise das Leben schwer machen, aber früher oder später aus Bequemlichkeit ihre eigenen Regeln brechen, verdeutlicht, wie oberflächlich ihre öko-sozial-liberalen Überzeugungen letztendlich sind. Und natürlich fühlt sich Martyn früher oder später von der jungen Agnieskza mit dem straffen Bauch und den guten Kochkünsten angezogen. Hattie hingegen entdeckt so manchen Widerspruch in den Worten der vermeintlichen Polin. Als sie heimlich deren Zimmer durchsucht, entdeckt sie deren Paß, der sie als Ukrainerin ausweist. Hattie, die merkt, daß Agnieszka versucht, sie schlechter aussehen zu lassen, tut aber alles als Einbildung ab. Auch ist sie ja eine tolerante Linke, die für die armen und unter-

drückten Menschen in der Welt einzustehen gedenkt, wodurch ihr Agnieszka ja jetzt noch lieber sein muß, nachdem sie weiß, daß ihr Au-pair eine illegale Einwanderin ist. Und so schlägt sie, nachdem die Einwanderungspolizei vor der Tür stand, vor, daß Martyn Agnieszka heiraten soll. Natürlich nur als Scheinehe, damit sie das fleißige Kindermädchen und die ihren Job behalten kann. Es kommt, wie es kommen muß, doch Großmutter Frances muß erfahren, daß ihre Enkelin Hattie keineswegs das arme Opfer ist.     R. Bellano

Fay Weldon: „Die Moral der Frauen“, dtv premium, München 2007, broschiert, 316 Seiten, 14 Euro


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