© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-08 vom 06. September 2008

»Hier hab’ ich im Frieden eine Provinz erobert«
Vor 250 Jahren ließ Friedrich der Große Oder-, Netze- und Warthebruch trockenlegen – Hochwasserschutz und Landgewinnung

König Friedrich Wilhelm I. von Preußen war ein notorisch sparsamer Mensch. Als ihm sein Kriegsrat Simon Leonhard von Harlem nach den verheerenden Überschwemmungen von 1736 den Plan zur Trockenlegung des Oderbruchs vorlegte, und, da er die Vorlieben seines Herrn kannte, hinzufügte: „daß die Arbeit aber schwierig, weit aussehend und kostspielig sei“, winkte der König ab. „Ich bin schon zu alt und will es meinem Sohn überlassen.“

Fontane vermutete, daß sein Sohn Friedrich davon Kenntnis erhielt. Auf Veranlassung des Königs legte Harlem diesen einen Plan zu einer großzügigen Stromregulierung vor, die auch alsbald angeordnet wurde. Um sicher zu gehen, ließ der Preußenkönig Harlems Gutachten von dem Mathematiker Bernhard Euler, Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, prüfen. Es ging darum, der Oder einen schnellen Abfluß zu verschaffen, sie einzudämmen und das Binnenwasser abzuführen.

Seit Menschengedenken trat die Oder zwischen Küstrin und Freienwalde, 80 Kilometer nordöstlich von Berlin, mit schöner Regelmäßigkeit über die Ufer. Das Land war sumpfig und ungesund. Grund genug für Friedrich, nach den Wirren der ersten Schlesischen Kriege die Prinzipien des Merkantilismus auf die Gegend anzuwenden. Das bedeutete, daß der absolutistische Staat die Binnenkolonisation vorantrieb, um seine Einkünfte zu mehren, die er brauchte, um in der Konkurrenz der Mächte bestehen zu können. Von daher nannte man später die Arbeiten einen in „Stille geführten Siebenjährigen Krieg“.

Am 21. Januar 1747 unterzeichnete Friedrich den Befehl zur „Meliorisation“ des Bruches – Umweltschützer, die sich für das Feuchtbiotop stark gemacht hätten, gab es noch nicht. Als erstes wurde das „Mäandrieren“ des Flusses verhindert, indem er ein verkürztes Bett bekam. 75 Kilometer Dämme wurden aufgeworfen und Kanäle gezogen, um das Wasser abzuführen. Ein 15 Kilometer breites und 60 Kilometer langes Gebiet wurde dadurch trockengelegt. Weit mehr als 100 Arbeiter und Hunderte von Soldaten waren damit beschäftigt. 32500 Hektar Ackerland entstanden. „Hier hab’ ich im Frieden eine Provinz erobert“, sagte Fried­rich stolz und setzte den zweiten Teil seiner Kolonisation, die „Peuplierung“, in die Tat um. Menschen aus ganz Europa wurden ins Land gerufen. Jede Familie erhielt zehn bis 90 Morgen Land, den Hausbau bezahlte der König. Und: Es galt Religions- und Gewissensfreiheit, jeder durfte nach seiner Fasson selig werden. Bald siedelten 1200 Familien in 43 Dörfern im Oderbruch – sie kamen aus der Pfalz, aus Mecklenburg, Schweden, Polen und Österreich. Später ließ Friedrich den Warthe- und Netzebruch trockenlegen. 1763 erfolgte die Vermessung des Netzebruches und im Juni wurde mit der Trockenlegung begonnen, die 1769 beendet war.

Nicht alles geriet von Anfang an gut. Noch immer trat die Oder über die Ufer, am Anfang gab „der Roggen fast kein Mehl, sondern lauter Kleie, und die Gerste taugte gar nicht zu Malz“, so ein Reisender. „Seitdem ist es unser eigentliches Gerstenland geworden. Neuerdings blüht in ihm die Rübenkultur“, konnte Fontane aber später schreiben. In neuerer Zeit versorgte der Bruch Berlin auch mit Gemüse. Die einstige Aue war vielen Menschen eine Heimat geworden.

Nach: „Preußische Mitteilungen“, Nr. 140/1997

Foto: Friedrich der Große im Oderbruch: Holzstich nach Zeichnung von Ludwig Burger


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