© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-08 vom 06. September 2008

Fundsache Isabella

Großstadtleben macht nervös. Dieser Behauptung konnte ich an jenem denkwürdigen Freitag nur zustimmen. Gleich nach dem Mittagessen war ich in die Stadt gefahren, um fürs Wochenende einzukaufen. Nicht nur das Besorgen von Lebensmitteln stand diesmal auf dem Programm, sondern auch die Anschaffung einer neuen Bluse. Diese glaubte ich dringend zu benötigen, um der zum Sonntagskaffee eingeladenen, festlich gestylten Verwandtschaft in nichts nachstehen zu müssen. Der Schwung, mit dem ich meinen Einkaufsbummel begann, ließ jedoch schnell nach. Schon das Vorwärtskommen in der belebten Fußgängerzone wurde zur Nervenprobe. Es wimmelte von Menschen, die – wie ich – der Überzeugung waren, daß ihnen zum Wochenendglück noch irgendetwas fehle. Mühsam bahnte ich mir meinen Weg in die verschiedenen Läden, lächelte gequält, wenn mir jemand auf die Füße trat und murmelte Entschuldigungen, wenn ich selbst der „Übeltäter“ war.

Die Suche nach einer haargenau meinen Vorstellungen entsprechenden Bluse gestaltete sich äußerst schwierig. Blusen in allen erdenklichen Farben, Schnitten und Mustern erwarteten mich, doch das, was ich suchte, war nirgendwo dabei.

Schon reichlich abgehetzt, betrat ich schließlich das größte Kaufhaus am Platz. Bei der Riesenauswahl, die dort herrschte, würde ja wohl auch etwas Passendes für mich dabei sein ...! Nichts Exklusives vermutlich, aber doch etwas, mit dem sich am Sonntag Staat machen ließ! Und wirklich: Gleich mehrere Blusen schienen in Frage zu kommen. Erleichtert legte ich sie mir über den Arm und zwängte mich dann durchs Kundengetümmel zu den Umkleidekabinen hinüber. Auf dem Weg dorthin stolperte ich über ein kleines Mädchen, das ziellos zwischen den Kleiderstangen umherirrte. Es war ein recht flüchtiger, wenn nicht sogar ärgerlicher Blick, den ich der Kleinen zuwarf. Sie mochte drei oder vier Jahre alt sein. Schwarze Löck-chen fielen ihr in die Stirn, beschatteten die scheu gesenkten Lider. Ich war schon im Begriff weiterzueilen, als mir der feuchte Glanz auf ihren Wangen auffiel.

Eher unwillig beugte ich mich zu ihr hinunter: „Warum weinst du, hm?“

Das Kind rieb sich die geröteten Augenwinkel, sagte aber nichts. Nur die Unterlippe begann noch stärker zu beben. Es war ein völlig lautloses Weinen, das nur der wahrnehmen konnte, der genauer hinsah. „Hast du etwa die Mami verloren?“ Das Zauberwort Mami löste heftiges Kopfnicken und eine neuerliche Tränenflut aus. Na, da hatte ich mir ja was Schönes eingebrockt! Unschlüssig betrachtete ich den Stapel Blusen in meinem Arm. Wie lange hatte ich danach suchen müssen! Und jetzt, da ich endlich fündig geworden war, stand einer Anprobe plötzlich dieses Mädchen im Weg. Als ob sie meine aufmüpfigen Gedanken erraten hätte, blickte die Kleine zweifelnd zu mir hoch. Diese von tiefem Kummer erfüllten, dunklen Augen verfehlten ihre Wirkung nicht. Seufzend hängte ich sämtliche Blusen an die nächstbeste Kleiderstange, nahm mein Unglückswürmchen an die Hand und strebte dem Schalter mit der Aufschrift „Information“ zu.

„Nein, keine Reklamation“, erklärte ich der dienstbeflissenen jungen Dame hinter der Theke. „Fundsache …“ Ich deutete auf meine zierliche Begleiterin. „Ich nehme an, man kann die Mutter ausrufen lassen?“ „Selbstverständlich. Wie ist denn der Name?“

Durch sachtes Zureden gelang es uns, zumindest den Vornamen des Kindes in Erfahrung zu bringen: Isabella. Nur noch mit halbem Ohr lauschte ich dann der Durchsage, die – wie mir versichert wurde – in jedem Stockwerk des Kaufhauses zu hören war: „Die Mutter der kleinen Isabella wird gebeten, zur Information zu kommen!“

Für mich gab es nun nichts mehr zu tun. Isabella war für den Augenblick gut aufgehoben und würde früher oder später von ihrer Mutter in Empfang genommen werden. In Gedanken schon in der Umkleidekabine, verabschiedete ich mich von der freundlichen Service-Dame, strich Isabella noch einmal kurz übers Haar, um dann endlich nach meinen Blusen sehen zu können. Doch als ich meine Hand von der Isabellas lösen wollte, traf ich unerwartet auf Widerstand. Die Kleine hielt sie fest umklammert.

Erstaunt blickte ich in die noch immer feuchten braunen Augen: „Ich soll noch bleiben?“ Schüchternes Kopfnicken. „Also gut. Warten wir beide auf die Mami ...“ Das klang nicht gerade begeistert. Die junge Dame, die die Durchsage gemacht hatte, warf mir einen raschen Blick zu: „Es dauert sicher keine fünf Minuten“, meinte sie aufmunternd und rückte zwei Stühle hinter der Theke zurecht.

„Sie brauchen ja nicht zu stehen, und für das Kind ist es sicher eine Beruhigung, wenn es Sie nicht auch noch verliert.“

„Vermutlich haben Sie recht“, erwiderte ich beschämt. „Aber ich war wirklich der Meinung, der Kleinen würde es nichts ausmachen …“

War es die Anteilnahme und das Einfühlungsvermögen der jungen Dame oder die zarte Wärme von Isabellas Hand – von einer Sekunde auf die andere fiel jede Hektik von mir ab. Wenn es sein sollte, würde ich noch zu meiner Bluse kommen. Und falls nicht – was machte es schon aus, wenn ich der Verwandtschaft einmal nicht in einem neuen „Outfit“ gegenübertrat? Davon ging die Welt nicht unter. Und so saßen wir beide auf unseren bequemen Polsterstühlen und beobachteten das nervöse Suchen und Hasten der Kunden, ohne daß der Wunsch an mir nagte, es ihnen gleichtun zu können. Wie auf einer stillen, friedlichen Insel kam ich mir vor. Fast bedauerte ich es, als eine schwarzgelockte junge Frau, der die Sorge ins Gesicht geschrieben stand, auf den Informationsschalter zueilte.

Die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter zeigte sich nicht nur äußerlich, sondern auch in der Art, wie sie ihr Wiedersehen gestalteten. Es gab kein übertriebenes Herzen, keine Zurschaustellung von Gefühlen, so wie auch Isabella niemanden auf ihren Kummer hatte aufmerksam machen wollen. Die stille Innigkeit, mit der sich die beiden umschlangen, griff sicher nicht nur mir ans Herz.

Zufrieden trat ich den Heimweg an. Nicht das Wissen, daß ich doch noch zu meiner Traumbluse gekommen war, erfüllte mich mit Freude, sondern die Tatsache, daß Isabella sich am Ausgang noch einmal nach mir umgedreht hatte, auf den Lippen ein Lächeln, das tausend Blusen aufwog.       Renate Dopatka

Foto: Blick aus traurigen Kinderaugen: Wo ist Mama? Eine Passantin hilft.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren