© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Die Politik kapituliert
Brutale Gewalt in Bussen, Drogenhandel in persönlicher Anwesenheit des Polizeichefs

Die Gewalt gegen Berliner Busfahrer nimmt kein Ende. Jugendliche Täter greifen die BVG-Angestellten – grundlos und brutal an. Von politischer Seite wird das Problem jedoch eher tief gehängt. Das hat auch mit „political correctness“ zu tun.

Diesen Arbeitstag wird die Busfahrerin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bestimmt nicht vergessen: Am Freitag vor einer Woche wurde die 53jährige Fahrerin der Linie 41, die durch Neukölln fährt, durch das Licht von „Laserpointern“ extrem geblendet. Laserpointer sind kleine rote Lampen, mit denen Punkte von sehr stark gebündeltem Licht auch aus großer Entfernung markiert werden können. Scharfschützen benutzen sie.

Die BVG-Fahrerin war einen Moment lang fast blind durch das grelle Licht. Sofort stoppte sie den Bus, um keinen Unfall zu bauen. Nur so viel hatte sie noch registriert: Die Attacke kam aus einer Gruppe von mehreren Jugendlichen heraus, die mit einem oder mehreren Geräten auf sie gezielt hatten. So etwas ist ein schwerer Eingriff in den Straßenverkehr, ähnlich der Tat des Holzblockmörders, der zur Zeit vor Gericht steht, denn die plötzliche Orientierungslosigkeit der Fahrerin gefährdete Leben und Gesundheit aller Businsassen ebenso wie anderer Verkehrsteilnehmer in der Nähe.

Die Fahrerin öffnete die Türen des Busses nicht. Sie hatte Angst vor weiteren Übergriffen. Doch die Jugendlichen wollten nun auch noch zusteigen und brüllten sie an. Einer trat gegen die Tür. Ein anderer beleidigte die Frau am Steuer und spuckte gegen die Scheibe. Die verschreckte Fahrerin rief daraufhin die Polizei.

Als die Beamten anrückten, ergriffen die Jugendlichen die Flucht. Von den 20 Fahrgästen stellte sich nur einer als Zeuge zur Verfügung. Die Busfahrerin brach ihren Dienst ab, weil ihre Sehfähigkeit nur langsam zurückkehrte.

Es geht rauh zu in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Hauptstadt. In der jüngeren Vergangenheit ereignete sich eine Vielzahl spektakulärer Un- und Überfälle, die das Ansehen der Berliner Verkehrsbetriebe gehörig ramponiert haben. Auch im Zusammenhang mit dem explodierenden Rowdytum häufen sich die Unfälle mit Straßenbahnen. In diesem Jahr gab es bereits sieben Tote (2007: vier)

Am heißesten diskutiert aber sind die Übergriffe auf Busfahrer. Erst im Oktober sorgte die Attacke eines erst 14jährigen Intensivtäters arabischer Herkunft auf einen Busfahrer für Aufsehen. Der Freund des Täters hatte den brutalen Überfall stolz mit seinem Mobiltelefon gefilmt.

Es sind auch solche wackeligen Bilder aus Handykameras, die den Blick der Öffentlichkeit auf das Problem lenken. Es ist wie in München, wo der Angriff auf einen Rentner in der U-Bahn vor einem knappen Jahr für Furore gesorgt hat, weil die Bilder der brutalen Schläger schnell die Runde machten. Die Zahlen sprechen indes gegen eine Verschlimmerung der Lage. In diesem Jahr wurden bislang 236 Übergriffe auf Busfahrer registriert. 2007 waren es sogar 554!

Trotzdem kann der Berliner Senat nicht einfach wegschauen. Gefragt sei eine gemeinsame Strategie von Innensenator Erhart Körting und Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (beide SPD), fordern Beobachter. Am Anfang müßte eine Analyse der Vorfälle stehen. Der Reporter Joachim Fahrun drückte sich in einer Fernsehsendung über die Übergriffe auf die Fahrer so aus: „Es sind bestimmte Leute in bestimmten Gegenden.“ Was er meinte, aus Gründen der politischen Korrektheit aber nicht auszusprechen wagte: Es handelt sich überwiegend um arabische oder türkische Jugendliche, die vorzugsweise in „Kreuzkölln“ (Kreuzberg und Neukölln) ihr Unwesen treiben.

In einer konzertierten Aktion, bei der BVG, Polizei, Staatsanwaltschaft und die Gerichte Hand in Hand arbeiten, könnten die Unruhestifter ausfindig und dingfest gemacht werden. Gefragt seien Einsätze von Ermittlern in Zivil, die auf den betroffenen Bus-Linien ein paar Wochen als harmlose Gäste getarnt mitfahren – und schon bald wäre der Spuk vorbei, meinen Kenner der Szene.

Doch nichts dergleichen geschieht. Selbst der Senats-freundliche „Tagesspiegel“ kommentierte resigniert: „Der Senat reagiert, indem er nichts tut.“ Die Regierung übt sich lieber im kleinlichen Parteienstreit. Als sich kürzlich der designierte CDU-Chef Frank Henkel zu einem Pressetermin mit dem Polizeichef Dieter Glietsch auf einem U-Bahnhof traf, da wurden die beiden fassungslos Zeugen, wie am Kottbusser Tor offen Drogen gehandelt werden.

Ein Fotograf war im richtigen Moment zur Stelle, so daß am nächsten Tag das Boulevard-Blatt „BZ“ zeigen konnte, wie der Politiker und der Polizeichef Zeugen eines „Deals“ werden. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) soll getobt haben. Er ließ bei seinem Polizeichef nachfragen, warum er dem neuen Oppositionsführer bei dessen PR-Arbeit helfe. Dabei war es gar kein exklusiver Termin, den Frank Henkel mit Dieter Glietsch ausgemacht hatte. In Wirklichkeit war auch ein SPD-Mann zu dem Treffen geladen. Der war aber nicht erschienen.

Eine gute Nachricht gab es in den vergangenen Tagen jedoch auch: Am 4. November wurden zwei besonders skrupellose Schläger verurteilt, die einen Jugendlichen auf einem U-Bahnhof ausgeraubt und anschließend brutal verprügelt hatten. Urteil: dreieinhalb und fast drei Jahre Haft.       Markus Schleusener

Foto: Tatort Omnibus:    Allein in diesem Jahr wurden bisher 236 Übergriffe auf           Berliner Busfahrer gezählt, 2007 waren es sogar 554.


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