© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Sat1 zieht es nach München
Nach mehreren Erfolgen droht dem Medienstandort Berlin ein Rückschlag

Die Zuschauer des Sat1-Frühstücksfernsehens haben sich in der vergangenen Woche wieder an einigen Tagen gefragt, wo „Lotte“ ist. Lotte ist das Maskottchen der Sendung. Am Freitag hätten sie den kleinen Bullterrier auf dem Gendarmenmarkt sehen können. Dort demonstrierten mehrere hundert Sat1-Beschäftigte gegen den drohenden Umzug des Senders nach München. Lotte hatten sie mitgebracht.

Der Kostendruck ist groß. Der Prosieben-Konzern hat fast vier Milliarden Euro Schulden. Die Werbeflaute drückt auf das Ergebnis: im dritten Quartal 2008 3,3 Prozent weniger Umsatz und elf Millionen Euro Verlust. „Wie viele andere Marktteilnehmer müssen auch wir unser Haus winterfest machen“, sagte Konzernchef Guillaume de Posch nebulös.

Sat1 ist Bestandteil des Prosieben-Konzerns, der in der bayerischen Landeshauptstadt München sitzt. Die neuen Eigentümer wollen aus Kostengründen den Standort Berlin schließen und den Sender an die Isar verlegen. 600 Arbeitsplätze seien davon betroffen, heißt es. Sollte diese Entscheidung wirklich fallen, wäre dies ein schwerer Schlag für den Medienstandort Berlin. Denn mit dem Sender verabschieden sich auch die Produktionsfirmen, die Zulieferindustrie sozusagen.

Nach der RTL-Tochterfirma n-tv wäre das schon der zweite spektakuläre Rückzug eines großen Medienkonzerns aus der deutschen Hauptstadt. RTL hat vor einigen Jahren n-tv nach Köln geholt. Ohne Sat1 hätte Berlin außer N24 keine einzige Zentrale eines privaten Fernsehsenders mehr. So wie die Stadt schon seit längerem keinen einzigen Dax-Konzern mehr beherbergt.

Das schlägt unmittelbar ins Kontor von Klaus Wowereit. Denn gleich nach seiner ersten Wahl zum Regierenden Bürgermeister 2001 hatte der Sozialdemokrat gerade die Ansiedlung von Medienfirmen zur Chefsache erklärt. 2006 hat er diesen Anspruch noch einmal bekräftigt. Schließlich ist er in seiner Nebenfunktion als Kultursenator auch für die Medien zuständig.

In der Tat hat Wowereit hier kleinere Erfolge aufzuweisen: So verlegte der Popmusikkanal M-TV seinen Sitz an die Spree. Auch der Plattenmulti Universal kam. Beide erhielten Geld vom Staat, wurden in dem Gewerbegebiet „Mediaspree“, gegen das linksgerichtete Anwohner so leidenschaftlich kämpfen, angesiedelt. Und vor kurzem zog auch noch die auflagenstarke „Bild“-Zeitung von Hamburg nach Berlin um, was an der Alster nur schwer verdaut wurde.

In Hinblick auf Prosieben-Sat1 hat Klaus Wowereit jedoch keine sichtbaren Anstrengungen unternommen. Statt das Unternehmen zu umgarnen, verlegte sich der Regierende Bürgermeister auf Beschimpfungen: „Es kann und darf nicht sein, daß mit vorgeblichen rationalen betriebswirtschaftlichen Argumenten letztlich eine sachfremde Rationalisierungspolitik betrieben wird.“ Der Ausfall zeugte nicht gerade von Einfühlungsvermögen in die Welt der Wirtschaftsunternehmen.

Mit solchen Mitteln wird Wowereit den Umzug nicht verhindern können. Und es könnte noch schlimmer kommen: Wenn Sat1 geht, dann folgt womöglich auch noch N24, denn auch dieser Nachrichtensender gehört jenem Prosieben-Konzern, den Wowereit so leidenschaftlich beschimpft hat.                         M.S.


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