© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Ost-Deutsch (91):
Knödel
von Wolf Oschlies

Meine Frau mag sie, ich kann sie nicht ausstehen – die böhmischen „knedliky“, das Grundnahrungsmittel der Tschechen. „Knedlik“ ist die Verkleinerungsform von „knedl“, also deutsch „Knödel“. Der wiederum verkleinerte den mittelhochdeutschen „knode“ (Knoten), was bei uns im „Knoten (oder: Knödel) im Hals haben“ noch lebt. Den gibt es bei Tschechen auch, „knedlik v krku“, dito bei Mazedoniern. Deren Schlagersängerin Kaliopi hatte in Kroatien solche Erfolge, „oti mi zastana knedla vo grloto od vozbuda“ (daß mir ein Knödel im Hals steckte vor Rührung).

Gegen den „Knödel“ und weitere deutsche Wörter wütete bereits 1412 der tschechische Kirchen- und Sprachenreformer Jan Hus, aber genützt hat es nichts: Bier, Gulasch und „knedliky“ blieben eiserner Bestandteil jeder tschechischen Speisekarte. „Knedlik“ steht auch für „Kloß“, ist aber nicht kuglig, sondern eine lange Rolle, von der „knedliky“ mit dem „krajec na knedliky“ (Knödelschneider) abgeschnitten werden.

Knödel als Kloß ist eher bei anderen Slawen üblich, etwa bei Polen bei „knedle ze sliwkami“ (Knödel mit Pflaumen) oder bei Bosniern in „knedle s grizom“ (Knödel mit Grieß). Auf dem Balkan (sagte ein serbischer Ethnograph) kann man bis heute nachschmecken, wer wann wie lokale Eßgewohnheiten beeinflußte: Wo Lammbraten und süße „tulumbe“ üblich sind, in Bosnien und Mazedonien, haben Türken geherrscht – wo man, etwa im kroatischen Slawonien oder der serbischen Vojvodina, den Tisch „knedlama od zemicke“ (mit Semmelknödeln) deckt, dort haben die deutschen Habsburger gewaltet.

Daneben ist der Knödel bei Südslawen in einem Ausdruck frequent, den es bei uns nicht gibt. Wo wir „eine bittere Pille schlucken“, klingt es auf dem Balkan anders, etwa kroatisch „Sportas je pogutao jos jednu gorku sportsku knedlu“ (der Sportler schluckte noch einen bitteren sportlichen Knödel), oder serbisch (über die Frau von Slobodan Milosevic): „Mira Markovic je smogla snage da proguta gorku knedlu izdaje“ (Mira Markovic hatte die Kraft, den bitteren Knödel des Verrats zu schlucken). Aber das kulinarische Knödelparadies bleibt Tschechien – Details in dem neuen Buch „Knedliky na tisic zpusobu“ (Knödel auf 1000 Arten).


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