© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Schlampig ermittelt
Österreich: Ungereimtheiten nicht nur beim Tode Jörg Haiders

Nach den ersten Mitteilungen über den Tod des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider schien alles klar: Verkehrsunfall wegen überhöhter Geschwindigkeit. Doch dann sickerten Details durch, die zu Spekulationen führten. Dazu kam, daß kurz nach Haiders Tod auch im abgeschlossenen Entführungsfall Natascha Kampusch neue Ermittlungen angeordnet wurden. Und das wieder gibt Bestrebungen Auftrieb, auch im Fall des Briefbomben-Attentäters Franz Fuchs die amtliche Einzeltäter-These wie auch den Selbstmord neu aufzurollen.

Im Fall Haider konnte man zunächst davon ausgehen, daß in Kärnten auch Polizei und Justiz mit Vertrauensleuten des „Landesfürsten“ besetzt sein müßten und daß man daher jeden Verdacht auf Fremdverschulden schonungslos verfolgen würde. Eine nicht unbedingt verläßliche Annahme, denn das Bundesministerium für Justiz war in der Zweiten Republik meist „rot“ und ist durchsetzt mit „Acht-undsechzigern“. Und im Innenressort, ursprünglich ebenfalls eine SPÖ-Domäne, wurde von ÖVP-Ministern ab 2000 gründlich umgefärbt – was intern zu Querelen und Denunziationen und extern zu Imageproblemen führte. Daß ein Polizist Bilder von Haiders Unfallort an Medien verkaufte, hatte da noch gefehlt.

Zu den Ungereimtheiten zählen Widersprüche über die Geschwindigkeit des Fahrzeugs, das Fehlen von Bremsspuren und die Nichtexistenz eines Hydranten, den das Fahrzeug gerammt haben soll. Von der Fahrerin, die den Unfall gemeldet hatte und von Haider überholt worden sein soll, gibt es keine Einvernahme. Die optisch erkennbaren Schäden am „extrem sicheren“ VW-„Phaeton“ lassen Fragen offen, und Stellungnahmen der Werkstechniker werden zurückgehalten.

Offen bleibt auch, wie es zu der laut Obduktion starken Alkoholisierung kommen konnte. Selbst politische Gegner betonen, daß Haider bei Alkohol sehr zurückhaltend war. Daß er in dem kurzen in Frage kommenden Zeitraum so viel konsumiert haben soll, noch dazu wenige Stunden vor der großen Familienfeier zum 90. Geburtstag seiner Mutter, ist selbst mit den kolportierten „Beziehungskonflikten“ schwer erklärlich. Die auffällig lange verschobene und jetzt doch erfolgte Einäscherung macht eine neue Obduktion unmöglich, dürfte aber gerade deswegen den Mutmaßungen neue Nahrung geben.

Im Fall Kampusch hatte eine Kommission schon vor Monaten Ermittlungsmängel festgestellt. Die neuen Untersuchungen konzentrieren sich darauf, ob der Entführer, der sich durch Selbstmord der Verhaftung entzog, Mittäter hatte. Nach der geglückten Flucht Nataschas vor zwei Jahren hatte man dies nicht weiter verfolgt und man hatte ihr auch ihre Tagebücher – unausgewertet – zurückgegeben. Die Rücksicht auf das Gefühlsleben des Opfers könnte also Täter begünstigt haben.

Die Anschläge, für die Franz Fuchs verurteilt wurde, fielen in jene Jahre, als Haider die rot-schwarze Koalition gleichsam vor sich hertreiben konnte. Die Bekennerschreiben einer „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ und die Personenprofile der Opfer waren ganz auf eine „rechte“ Täterschaft angelegt, und es gab Ansätze, die FPÖ zu verbieten.

Fuchs, der sich bei einer Verkehrskontrolle ertappt glaubte und einen Sprengkörper zündete, entpuppte sich aber als Linker. Der war in der öffentlichen Darstellung natürlich nur ein „genialer“ Einzeltäter – und zudem ein Psychopath. Es wäre allerdings nicht ungewöhnlich, daß ein Egomane allen „Ruhm“ für sich beansprucht – und damit Hintermänner deckt. Der Selbstmord geschah im Februar 2000, als sich alles um die Österreich-Sanktionen drehte: Fuchs war angeblich so geschickt mit seinen Armstümpfen, daß er sich in einem unbeobachteten Augenblick mit dem Kabel seines Rasierapparats an einem Nagel erhängen konnte.          Richard G. Kerschhofer


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