© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Risse in der Eurozone
Das alte Mißtrauen der Anleger gegenüber Südeuropa ist erwacht: Sie fordern höhere Zinsen

Kann der Euro zum Opfer der Finanzkrise werden? Könnte er gar auseinanderbrechen? Bislang war das kein Thema. Doch Anleger gehen bereits auf Distanz zu den Staatsanleihen einstiger Weichwährungsländer im Süden der Eurozone.

Selbst die meisten Skeptiker betrachten den einst erbittert geführten Streit um die Einführung des Euro mittlerweile als abgehakt. Die Gemeinschaftswährung ist da, und sie wird bleiben, so das allgemeine Empfinden. Im Zuge der aktuellen Krise spielten Sorgen um das Überleben des gemeinsamen Geldes bei der großen Mehrheit keine Rolle mehr.

Anlegerkreise hingegen sind von Natur aus vorsichtig, ja beizeiten sogar hysterisch, wie der vergangene Oktober an den Börsen aller Welt vor Augen führte. Seit dem Zusammenbruch Islands machen Gerüchte von der möglichen Zahlungsunfähigkeit ganzer Länder die Runde. Wenn das selbst der kleinen, aber eben noch reichen Atlantikinsel passieren konnte – worauf müssen wir uns dann hinsichtlich anderer Volkswirtschaften gefaßt machen?

Innerhalb der Euro-Zone fällt der Blick auf die ehemaligen „Weichwährungsländer“ am Südrand: Italien, Spanien, Portugal und Griechenland. Daß Anleger den vier Mittelmeerstaaten nicht in dem Maße trauen wie etwa Deutschland, Finnland oder Frankreich, schlägt sich darin nieder, daß besagte Südstaaten deutlich höhere Zinsen für die von ihnen ausgegebenen Staatsanleihen bieten müssen, um die Anleihen am Markt unterzubringen.

Der Markt für Staatsanleihen funktioniert im Grundsatz nicht anders als der für Privatkredite bei einer Hausbank: Je höher die Bank das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers einschätzt, desto höhere Zinssätze verlangt sie von ihm. Bei Staatsanleihen sind Regierungen die Kreditnehmer, die sich bei Anlegern, und über die Vermittlung von Geschäftsbanken auch bei Privatleuten, Geld leihen. Hier gilt: Je finanziell stabiler ein Staat eingeschätzt wird, je unwahrscheinlicher sein Bankrott, desto weniger Zinsen muß er den Anlegern anbieten, damit die seine Anleihen nehmen.

Danach genießt Deutschland innerhalb der Euro-Zone das höchste Vertrauen, es mußte Ende vergangener Woche für eine Staatsanleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren nur 3,68 Prozent jährliche Zinsen anbieten. Am unteren Ende der Vertrauensskala finden sich Portugal, Italien und ganz unten Griechenland. Lissabon hat für die gleiche Anleihe 4,58, Rom 4,65 und Athen gar 5,23 Prozent im Jahr hinzublättern. Etwas besser steht Spanien da, das aber immerhin noch 4,33 Prozent ausschütten muß, um seine Anleihen loszuwerden. Daß die kleinen Zahlen nicht täuschen: Es geht jeweils um Milliardensummen. Damit kommt die Südländer die Finanzierung ihrer staatlichen Kreditaufnahme über Anleihen beträchtlich teurer zu stehen als den deutschen Fiskus.

Solche Verwerfungen bleiben auf die Stabilität des Euro nicht ohne Wirkung: Vor seiner Einführung mußten die genannten Mittelmeerländer ihre Anleihen, die am gesamten Weltkapitalmarkt angeboten werden, noch höher verzinsen. Schließlich rechneten Anleger stets das Wechselkursrisiko und unterschiedliche Inflationsraten mit ein, nicht nur ausländische Anleger, selbst inländische taten das: Auch ein italienischer Anleger war vor 20 Jahren bereit, eine deutsche Anleihe für weniger Zinsen zu nehmen statt eine heimische für höhere. Konnte er doch damit rechnen, daß eine überaus wahrscheinliche Abwertung der Lira zur Mark den Renditeunterschied ausgleicht.

So gesehen war es für Italien, Spanien etc. also ein Nachteil, daß sie eine weichere Währung besaßen. Der Vorteil jedoch war, daß sie ihre Währung jederzeit eigenständig abwerten, damit den realen Wert ihrer Schulden verringern und überdies ihre oft negative Handelsbilanz verbessern konnten.

Beides geht heute nicht mehr: An den Euro gebunden müssen die Südländer ihre Schulden in der selben harten Währung schultern wie die Deutschen. Eine wesentliche Ursache für diese Schulden ist der Euro selbst: Weil etwa Spanien „seine“ Währung nicht mehr abwerten und so seine Wettbewerbsfähigkeit zumindest verbessern kann, beträgt das Leistungsbilanzdefizit bereits über zehn Prozent, es werden also pro Jahr zehn Prozent mehr Waren und Dienstleistungen eingeführt als ausgeführt. (Deutschland erwirtschaftet einen jährlichen Leistungsbilanz-Überschuß von derzeit sechs Prozent). Die zehn Prozent Minus in der Leistungsbilanz müssen großenteils durch Schulden finanziert werden. Portugal und Griechenland geht es ähnlich.

Hier nun setzt die Furcht der Anleger an: Wie lange können und wollen die einstigen Weichwährungsländer die harten Euro-Bedingungen aushalten? Wäre es nicht attraktiver für sie, ihre Exportstärke wie früher über Abwertung der eigenen Währung zu verbessern und Schulden in einem Geld aufzunehmen, das man aus eigener politischer Macht inflationieren kann? Werden sie an der Kandare des Euro womöglich irgendwann zahlungsunfähig?

Kühlere Köpfe wiegeln noch ab: Der Verlust von Prestige, weil man dem Euro nicht standgehalten hätte, die Aussicht, danach womöglich Kredite in teuren Fremdwährungen aufnehmen zu müssen, und der Abschied von jener „Stabilität aus dem Norden“, die zwar anstrengend ist, aber auch Sicherheit schafft, all dies ließe ein Wegbrechen der Südschiene auf absehbare Zeit sehr, sehr unwahrscheinlich bleiben.

Die zunehmende Kluft zwischen den Anleihezinsen aber zeigt, daß Anleger bereits deutlich wachsende Zusatz-Sicherheiten fordern, bevor sie ihr Geld jenen Ländern anvertrauen: Vor vier Jahren, als die spanische Wirtschaft brummte, mußte Madrid kein Zehntelprozent mehr Anleihezinsen zahlen als Deutschland.       Hans Heckel

Foto: Italien muß draufzahlen: Silvio Berlusconi sieht seinen Staatshaushalt in Bedrängnis.


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