© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Eine chaotische Beziehung
Berühmte Liebespaare der Kulturgeschichte: Antoine und Consuelo de Saint Exupéry

So groß die Liebe war, so chaotisch war sie auch. „Ich wollte im Herzen meines Mannes wohnen. Er war mein Stern, er war mein Schicksal, mein Glaube, mein Untergang“, schrieb Consuelo in ihren Lebenserinnerungen „Die Rose des kleinen Prinzen“. Consuelo Suncin-Sandoval entstammte einer reichen Familie aus El Salvador. Zweimal war sie verwitwet. Der Schriftsteller und Diplomat Gomez Carillo war es gewesen, der sie in Paris in die

Hautevolee eingeführt hatte. Nun reiste sie von Europa nach Argentinien, um sein Erbe anzutreten. Auf dem Schiff lernte sie den Übersetzer Bernard Crémieux kennen. Er sprach begeistert von dem tollkühnen Piloten und anerkannten Literaten Exupéry, der zur Zeit in Buenos Aires Direktor der Aeroposta Argentina war, für die er neue Luftpostlinien erschloß. Consuelos Neugier ist geweckt, Crémieux schlug vor: „Kommen Sie zum Empfang der Alliance Française. Er ist anwesend.“

Ende August 1930 betritt Consuelo, 29 Jahre alt, den Festsaal. Exupéry ist nicht gekommen. Enttäuscht bricht sie auf. An der Tür prallt sie auf einen Hünen. Eigentümlich geformte Augen mustern sie. Gebannt starrt Exupéry die „Indianerin“ an, drängt Consuelo in die Halle zurück. Obwohl sie es ahnt, fragt sie: „Wer sind Sie eigentlich?“ Der hinzugekommene Crémieux übernimmt die Vorstellung.

Exupéry wurde am 29. Juni 1900 in Lyon geboren. Sein Elternhaus bewahrte strikt katholische, adlig-konservative Lebensformen. Schon als Kind wollte er Flieger werden. Nur in der Luft fühlte er sich Herr seiner Nerven und seines Geistes. Er träumte davon, Militärpilot zu werden und wird als solcher Ruhm erlangen. Ruhm krönte auch sein literarisches Werk: „Nachtflug“ (1932), „Wind, Sonne und Sterne“ (1939), „Der Flug nach Arras“ (1942) und „Der kleine Prinz“, eine Märchenerzählung, die mythenhaften Rang im 20. Jahrhundert erreichte und weiterlebt. Zeitlebens leidet er an psychischem Unwohlsein. Dann muß er unter den Himmel, durch Wolkenballen hindurch; allem Erdenbettel ist er entkommen.

Seine zahlreichen Amouren hinterlassen keine Spuren. In abwechslungsreichen Beziehungen sieht er den Beweis von Männlichkeit, obwohl er insgeheim ein seelisches und leibliches „Zuhause“ sucht. Einmal wird er sie finden, die stille, fürsorgliche Lebensbegleiterin. An jenem Abend des Kennenlernens hatte er Consuelo zu einem Nachtflug über Buenos Aires eingeladen. Anschließend saßen sie in einer Bar. Er faßte ihre Hände: „Was für winzige Händchen. Schenken Sie sie mir für immer.“ Consuelo protestierte: „Sie kennen mich doch erst seit ein paar Stunden.“ Er schüttelte den Kopf: „Ich kenne Sie seit Ewigkeiten. Wir werden heiraten.“ Mit wallenden Nebeln vor den Augen beginnen Lieben. Wenn die Schwaden sich auflösen, herrscht Klarheit. Das Blickfeld weitet sich.

Für ihr Zusammenleben mieten sie ein Haus. Antoine erwartet seine Mutter, die zur Hochzeit nicht rechtzeitig eintrifft. Auf dem Standesamt weint er, verweigert die Unterschrift. Ohne seine Mutter heiratet er nicht. Entsetzen packt Consuelo: „Ich will keinen Mann heiraten, der weint“, schreit sie, springt auf. Consuelo flieht nach Frankreich. Auf dem Schiff erhält sie ein Telegramm: „Ich fahre Ihnen in jedes Land der Welt nach, um Sie zu heiraten.“ In Paris setzt ein Trommelfeuer seiner Anrufe und Briefe ein. Consuelo notiert: „Ich liebe Tonio, doch ich wußte auch zu schätzen, wie ruhig mein Leben ohne ihn verlief.“ Sie ließ sich überreden, ihn zu treffen, zu heiraten. Für die kirchliche Trauung am 23. April 1931 stellte Antoines Freund Pierre d’Agay sein Schloß zur Verfügung. Consuelo heiratete in Schwarz mit schwarzer Mantille, weil sie sich noch im Trauerjahr um Gomez Carillo befand. Es erregte Befremden. Befremden erregte sie auch bei der Familie Antoines. Für das aristokratische Milieu wirkte sie zu wenig damenhaft. Auch während seiner Ehe suchte Antoine neue Mitspielerinnen und fand sie leicht. Die Industriellengattin Nelly de Vogüé schenkte ihm Privatflugzeuge. Durch die Begegnung mit ihr wird sein Wesen undurchschaubar. An Consuelo schreibt er 15 Seiten lange Briefe: „Ich liebe Dich, hilf mir, Dich zu lieben.“

Berufsbedingt folgen Jahre an wechselnden Aufenthaltsorten. Wo immer sie logieren, sie wohnen in verschiedenen Appartements. Bei sich empfängt Antoine Gäste. In ihren Räumen lauscht Consuelo dem Gelächter. In diesen Nächten baut sie sich um. Einst war sie die berückende Consuelo Sandoval gewesen. Jetzt bemüht sie sich, An-toines Anspruch einer Ehefrau zu genügen: Demütig, unauffällig – und fromm.

Während der deutschen Besatzung Frankreichs emigriert sie nach New York in die französische Kolonie. Antoine folgt ihr. Dort setzen sie ihr eingeübtes Eheleben fort. Lange erträgt Antoine die Ruhepause von Kampfflügen nicht. Er meldet sich zu seiner Staffel zurück, die auf Sardinien stationiert ist. Im Juni 1943 wird er zum Kommandeur ernannt. Waghalsige Aufklärungsflüge sind seine Spezialität. Am 31. Juli 1944 bricht er um 8.45 Uhr zu seinem letzten Flug auf. Um 10.30 Uhr verliert die Bodenstation die Verbindung zu ihm. Um 14.30 Uhr wird er als vermißt gemeldet. So wurde er zur Legende und blieb es, auch als in den letzten Jahren sein Schicksal überraschend doch noch aufgeklärt wurde: 2000 wurde die Unglücksmaschine gefunden, vier Jahre später sicher identifiziert. Im Frühjahr 2008 stellte sich heraus, daß offenbar kein anderer als der spätere Sportjournalist Horst Rippert St. Exupéry abgeschossen hat.

Consuelo kehrte nach Frankreich heim. Bis zu ihrem Tod 1979 lebte sie zurückgezogen in Grasse. Oft las sie den für sie schönsten Satz aus Antoines Märchen „Der kleine Prinz“: „Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es sein, als lachten die Sterne. Weil ich auf einem von ihnen wohne …“ Esther Knorr-Anders


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