© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Kongo – ein Land mit blutiger Geschichte
Vor 100 Jahren wurde aus Privatbesitz des belgischen Königs eine »normale« Kolonie – Davor bis zu zehn Millionen Tote

Das Jahr 1908 markiert in der Geschichte des bis heute von Krisen und Kriegen geplagten Kongo einen Einschnitt. Damals wurde das riesige Land, das zuvor Privatbesitz des belgischen Königs war, zur „normalen“ Kolonie. Damit endeten auch zunächst die sprichwörtlichen Kongo-Greuel, die bis zu zehn Millionen Menschen das Leben gekostet hatten.

Schon mit der Entdeckung durch die Portugiesen im 17. Jahrhundert nahm die Entwicklung des Landes eine fatale Wendung. Das bisherige Königreich zerfiel und wurde in den nächsten beiden Jahrhunderten zuerst von den Portugiesen, dann von Holländern und Briten ausgebeutet. Trotzdem zeigte London kein Interesse, als Henry Morton Stanley als erster Europäer das Kongobecken erforschte und vorschlug, das Gebiet dem englischen Kolonialreich anzugliedern. Ganz im Gegensatz zu König Leopold II. von Belgien. Er setzte es auf der Berliner Kongo-Konferenz im Jahre 1885 durch, das afrikanische Riesenreich als seinen Privatbesitz zu vereinnahmen. Damit nahm eine beispiellose Entwicklung ihren Lauf.

Im Kongo gibt es Kautschuk, einen Rohstoff, der vor 100 Jahren Hochkonjunktur hatte. Die belgischen Firmen gingen mit beispielloser Brutalität vor, um die einheimische Bevölkerung zu äußerster Anstrengung zu treiben. Wer nicht funktionierte, dem wurde die Hand abgehackt, Widerspenstige wurden erschossen, seien es nun einzelne gewesen, oder ganze Dörfer. Man schätzt, daß durch Gewalt, Hunger und Zwangsarbeit damals etwa die Hälfte der kongolesischen Einwohner, rund zehn Millionen Menschen, ums Leben kam.

Durch Missionare kam das Ausmaß des Schreckens ans Licht, es bildete sich in Großbritannien die erste Menschenrechtsbewegung, König Leopold mußte seinen „Privatbeseitz“ liquidieren, und der Kongo wurde am 15. November 1908 zur belgischen Kolonie, was dazu führte, daß sich die Verhältnisse tatsächlich deutlich verbesserten. Die nächsten Greuel im Kongo waren erst 1960 nach dem überstürzten Rückzug der Belgier aus dem Land zu beklagen.

Bei der gegenwärtigen Gewalt-Explosion gibt es wieder dieselben Grundmuster, die bereits früher sichtbar waren: Ausländische Mächte machen sich die ethnischen Feindschaften im Lande zunutze, um ihre Macht- und Wirtschaftsinteressen zu verfolgen.

Der Kongo bietet dafür fatal günstige Voraussetzungen. Das Land ist fast siebenmal so groß wie Deutschland, zählt aber nur 65 Millionen Einwohner – geschätzt, denn so genau weiß das niemand. Im Land werden rund 200 Sprachen gesprochen, wenn es so etwas wie ein Nationalbewußtsein geben sollte, dann kann es nur auf Französisch artikuliert werden. Zwar sind die meisten Einwohner Angehörige der Völkerfamilie der Bantu – die als die typischen Schwarzafrikaner gelten – doch die Unterschiede zu den Niloten, Sudenesen und Amharen im Nordosten sorgen ebenso für Konfliktstoff wie alte Feindschaften untereinander.

Was dieses Gemisch besonders gefährlich macht: Der Kongo ist immens reich an Bodenschätzen. Was anderswo in der Welt Voraussetzungen für Aufschwung und Wohlfahrt bietet, gereicht Afrika in den meisten Fällen zu Gewalt und Unglück. Was früher der Kautschuk bedeutete, sind heute Gold, Silber, Diamanten, Erdöl, Kobalt, Mangan, Zinn, Kadmium und viele andere Rohstoffe mehr. In einer der wenigen klaren Analysen, zu denen sich die UNO in Afrika imstande gezeigt hat, stellt ein Bericht an den Vorsitzenden des Weltsicherheitsrates vom April 2001 fest: „Die Ausbeutung der natürlichen Reichtümer des Kongo durch ausländische Armeen ist zum System geworden.“

Kein Wunder, daß auch der Kongo während des Kalten Krieges ein Spiegel des Ost-West-Konflikts war. Der erste Präsident des Landes, Patrice Lumumba, war ein Schützling Moskaus und wurde daher von der CIA ermordet, in der Folge brachte die USA den ihr genehmen Mobutu Sese Seko ans Ruder, der eine ebenso gründliche wie langandauernde Diktatur aufzog. Als er nicht mehr ins Bild paßte, wurde er durch Laurent Desire Kabila ersetzt, durch eben die CIA, die auch seinen Vorgänger installiert hatte.

Der Bürgerkrieg, der Kabila an die Macht brachte, ging vom Osten des Landes aus und lenkt den Blick auf das Land der Großen Seen, das auch jetzt wieder der Ausgangspunkt der neuerlichen Gewalt ist. Das hängt mit dem Völkermord im benachbarten Ruanda im Jahre 1994 zusammen. Als die Milizen der Hutu, einem Bantu-Volk, von der Ruandischen Patriotischen Front vertrieben wurden, flüchteten viele ihrer Angehörigen in den benachbarten Kongo. So exportierten sie die Feindschaft und bezogen den Osten des Kongo in den ruandischen Konflikt mit ein. Seither sind die kongolesischen Hutu-Exklaven stets eine mögliche Gefahrenquelle.

Die UNO spielte beim ruandischen Völkermord wieder einmal eine unrühmliche Rolle. Ihre Mission UNAMIR hatte kein Mandat, den Frieden zu erzwingen, sondern konnte lediglich zuschauen. Bitten des kanadischen Befehlshabers Romeo Dallaire, das Mandat zu stärken, blieben ohne Wirkung. UN-Generalsekretär Boutros-Gali sprach angesichts einer Million Toter von einem „Volk, das in  verhängnisvolle Umstände geraten ist“. Dabei war Ruanda damals Mitglied des Sicherheitsrates, wodurch eine unmittelbare Information gewährleistet war.

Auch heute sollten auf der UNO im Kongo nicht allzu viele Hoffnungen ruhen. Ihre Mission MONUC wurde 1999 eingerichtet, Anlaß war der Kongo-Krieg der Jahre von 1998 bis 2002. Zunächst mit 500 militärischen Beobachtern ausgestattet, wurde MONUC in den Jahren bis 2003 auf 5500 Mann aufgestockt. Als indes in Kisangani ruandische und ugandische Truppen Gefechte austrugen, sahen die Blauhelme nur fachkundig zu. Dasselbe Bild bei einem Massaker an Zivilisten in Ituri im Frühjahr 2003: Die UNO hielt sich zurück, dasselbe geschah vor wenigen Tagen bei einem Massaker in Nord-Kivu. Konzept der UN ist es, auf freiwilliger Basis eine Entwaffnung der Milizen durchzuführen, zu demobilisieren und eine gesellschaftliche Wiedereingliederung der Gegner zu bewirken. Mit der afrikanischen Wirklichkeit hat das alles freilich nichts zu tun.         

Florian Stumfall

Foto: Verstümmelte Kongolesen: Opfer der Kongo-Greuel


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