© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Der Mann mit der Mütze
Vor 30 Jahren endete Helmut Schöns Trainerkarriere

Ihm wäre ein schöneres Ende seiner Fußballnationaltrainerkarriere zu wünschen gewesen; schließlich war sie mit einem Weltmeister- und einem Europameistertitel die erfolgreichste der Nachkriegszeit.

Der Mann mit der Schiebermütze kam am 15. September 1915 in Dresden als Sohn eines Kunsthändlers zur Welt. Der Schöngeist liebte die Oper, aber auch den Fußball. Bis 1930 gehörte er der Fußballmannschaft „Dresdensia Dresden“ an. Danach wechselte er zum renommierteren Dresdener SC (DSC). 1937 spielte er erstmals im Dreß der von Sepp Herberger trainierten Nationalelf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kickte Schön für den Nachfolger des wegen seiner „Bürgerlichkeit“ aufgelösten DSC, die SG Dresden-Friedrichstadt. Diesen Arbeitgeber verlor Schön 1950, denn in jenem Jahr protestierten die Fans zu lautstark, als sie beim Endspiel der DDR-Fußballmeisterschaft den Eindruck gewannen, der Schiedsrichter bevorzuge aus politischen Gründen den Gegner, weil dieser eine Betriebssportgemeinschaft war. Auf diesen Eklat hin wurde Schöns Verein aufgelöst und er selber für ein Jahr gesperrt.

Schön reagierte darauf wie fast die gesamte Mannschaft mit dem Wechsel zur Westberliner Hertha, bei der er am darauffolgenden Jahr seine aktive Fußballerkarriere beendete. 1951/52 übernahm er beim SV Wiesbaden seinen ersten Trainerposten. Auf Vermittlung von Sepp Herberger ging er 1952 zum Fußballverband des Saarlandes, um die dortige „Nationalmannschaft“ für die Weltmeisterschaft 1954 vorzubereiten. Nachdem sich die Bevölkerung des Saarlandes 1955 für den Anschluß an die Bundesrepublik Deutschland ausgesprochen hatte, holte Herberger ihn als Assistenten an seine Seite. In dieser Funktion verblieb Schön, bis Herberger 1964 mit 67 Lebensjahren in den Ruhestand ging. Schön wurde sein Nachfolger – und der deutsche Fußball erlebte seine wohl besten Jahre.

Bei der Fußballweltmeisterschaft 1966 in England mit dem legendären Wembleytor war Schön bereits Trainer. Durch das umstrittenste Tor in der Geschichte des Fußballs unterlagen die Deutschen zwar dem Gastgeber, wurden aber immerhin Vizemeister. Bei der Europameisterschaft 1968 war die Schön-Elf zwar bereits in der Qualifikation gescheitert, aber dafür war sie bei der Weltmeisterschaft von 1970 in Mexiko nicht nur präsent, sondern gewann hier mit ihrem Spiel auch viele Freunde für den deutschen Fußball. Legendär ist das Halbfinale gegen Italien. Das Spiel ging zwar mit 4:3 verloren, aber als „Jahrhundertspiel“ in die Geschichte ein. Das anschließende sogenannte kleine Finale wurde gewonnen, so daß der Vizemeister von 1966 als Dritter aus dem Turnier in Mittelamerika hervorging.

Bei der Europameisterschaft 1972 schickte Schön die angeblich beste deutsche Fußballnationalmannschaft aller Zeiten aufs Feld. Mit 3:0 gewannen Schöns Mannen das Finale gegen die Sowjetunion. Obwohl die Weltmeisterschaftsmannschaft durch zwischenzeitlich erfolgte Abgänge schwächer gewesen sein soll, reichte es noch zum Gewinn des Turniers im eigenen Land, Schöns größter Triumph.

Bei der EM 1976 in Jugoslawien unterlag der damalige Titelverteidiger erst im Finale unglücklich im Elfmeterschießen. Die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien endete für den damaligen Titelverteidiger mit der „Schmach von Córdoba“. Da Schön bereits vor dem Turnier angekündigt hatte, anschließend zurückzutreten, war die 3:2-Niederlage gegen Österreich sein letztes Spiel. Offiziell wurde der Fußballnationaltrainer am 15. November 1978 vor dem Anpfiff zu einem Länderspiel gegen Ungarn im Frankfurter Waldstadion verabschiedet.

Danach wurde es ruhig um den Ex-Trainer. Am 23. Februar 1996 starb der Mann, von dem sein ehemaliger Spieler Bernd Hölzenbein meinte, er sei der „Menschlichste“ gewesen, den er je in der Fußballbranche kennengelernt habe, von Alzheimer gezeichnet in Wiesbaden.         Manuel Ruoff


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