© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Ein modernes Mittel
Wie die Hanse vor 650 Jahren ganz Flandern in die Knie zwang

Die Hanse gilt als erste europäische Wirtschaftsgemeinschaft und als Pionier der Globalisierung. Sie beherrschte weite Teile des Handels und Verkehrs im hoch- und spätmittelalterlichen Europa, von Lübeck bis Nowgorod, von Köln bis London, von Bremen bis Brügge. Am Anfang stand die Gemeinschaft reisender Kaufleute, die sich Mitte des 12. Jahrhunderts zur gemeinsamen Vertretung von Handelsinteressen und zum gegenseitigen Schutz zusammenschlossen. Zu ihrer Blütezeit im 14. und 15. Jahrhundert entwickelte sich die Hanse zu einem mächtigen Bündnis von 70 zumeist deutschen Städten im Nord- und Ostseeraum, das bis heute als Vorbild für grenzüberschreitende Zusammenarbeit angesehen wird. Die Hanse brachte den beteiligten Städten nicht nur wirtschaftlichen Wohlstand und besondere Handelsprivilegien, wie Steuervorteile und den Schutz vor Piraten, sondern auch großen politischen und kulturellen Einfluß.

Wirksamste Waffe des Bundes war die „Verhansung“, die die Mitglieder häufig gegen Rechtsbrecher und Unbeugsame einsetzte. Sie boykottierten einen Hafen, eine Stadt oder einen ganzen Staat solange, bis die schwarzen Schafe aufgrund empfindlicher Handelseinbußen einlenkten. Ein solches Embargo mußte etwa Flandern im Jahr 1358 erdulden. Das flandrische Brügge war zu dieser Zeit die Nummer eins in der internationalen Tuchproduktion und der wichtigste Finanz- und Kreditmarkt Nordwesteuropas. Das Kontor bot Handelsverbindungen nach England, Frankreich, Spanien, Italien, Holland und Schweden. Die Flamen ihrerseits importierten aus der Hanse Rohstoffe wie Pelze, Kupfer, Wachs und Wolle, Bier und vor allem Getreide, von dem das dicht besiedelte Land nahezu abhängig war. Infolge finanzieller Schwierigkeiten erhöhte die Stadt 1356 mehrfach die Steuern und Zölle und beschnitt die Handelsprivilegien der hansischen Kaufleute. Hinzu kam, daß Flandern nicht für die Verluste des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich aufkommen wollte, hansische Schiffe zu Kriegszwecken mißbraucht und angeblich Handelswaagen manipuliert hatte. Dies ließ sich die hansische Städtever­einigung nicht gefallen und verhängte am 20. Januar 1358 eine Handelssperre für ganz Flandern, einschließlich der erst kurz zuvor erworbenen Städte Antwerpen und Mechelen, wovon ein Han­se­re­zeß zeugt. Sie schloß das Kontor in Brügge und verlegte ihren Warenlagerplatz ins holländische Dordrecht.

Schon bald strauchelte die flämische Wirtschaft mangels Versorgung mit preußischem Getreide und kostbaren Obstwaren. Ferner erlitten die Tuchhändler schwere Verluste. Neben der Hanse entfiel nämlich England als wichtiger Geschäftspartner, nachdem die Flamen im Hundertjährigen Krieg Partei für die Franzosen ergriffen hatten. Der Boykott belastete im Gegenzug auch die Hanse, da sie Einbußen im Getreide- und Weinhandel hinnehmen mußte und Dordrecht keinesfalls die Stellung Brügges als etabliertes Handels- und Finanzzentrum einnehmen konnte. Als eine Mißernte eine große Hungersnot in ganz Flandern auslöste, mußte sich das Land im Juni 1360 schließlich geschlagen geben. Es gab den Hansen ihre alten Sonderrechte zurück und erklärte sich zur Zahlung der geforderten Entschädigungen bereit. Die Blockade wurde aufgehoben und die deutschen Kaufleute kehrten im September nach Brügge zurück.

Noch mehrmals setzte die Hanse gegenüber Flandern auf das politische Herrschaftsinstrument der Handelssperre, um verletzte Privilegien zurückzuerhalten beziehungsweise zu erweitern. Allerdings konnte sie dabei nicht mehr an die Erfolge ihrer Boykottpolitik und an ihren starken Zusammenhalt von 1358 anknüpfen. Streitigkeiten innerhalb der Gemeinschaft, die Machtdominanz des Herzogs von Burgund, der wirtschaftliche Niedergang Brügges und die verstärkte niederländische Konkurrenz führten schließlich dazu, daß die Kontorverlegung als Mittel der hansischen Diplomatie im 15. Jahrhundert ineffizient geworden war.          Sophia Gerber


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