© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied, liebe Familienfreunde,

Erfolge können nicht nur froh, sondern auch nachdenklich stimmen. So schreibt Frau Christa Möller über das Wiederfinden, das es mit der von ihr gesuchten Familie Kalweit gab, daß die Veröffentlichung über diesen Erfolg sie diesen auch hinterfragen läßt: Wie kann ein Erlebnis nach über 60 Jahren ein gutes Ende finden? Ich glaube, das werden sich auch andere Leserinnen und Leser gefragt haben, die von diesem kaum glaubhaften Ergebnis einer Suchfrage in unserer Kolumne, die ja nur einen bestimmten Leserkreis anspricht, ebenfalls überrascht waren. Denn Frau Möller wußte ja nicht einmal den Namen der Familie – sie mutmaßte „Meyer“ – die Ende Januar 1945 mit ihrem Treck über das Frische Haff wollte und die kleine Christa und ihre Großmutter mitnahmen, denn diese waren zu Fuß auf der Flucht. Aber die Schilderung der Vorgänge, die Frau Möller noch nach 63 Jahren im Gedächtnis hatte, als sei es gestern gewesen, erweckten auch in Frau Inge Brechlin in Bremen Erinnerungen, denn sie war bei der Flucht schon 13 Jahre alt und konnte sich genau darin erinnern, daß sie in Tollendorf eine ältere Dame und deren achtjährige Enkelin mitnahmen. Sie rief ihren jüngeren Bruder Gerhard Kalweit an, und beide waren der Meinung: Das waren wir! Ein Anruf bei Frau Möller erbrachte dann die endgültige Gewißheit. Man stelle sich vor: Die Kinder sind nur in den wenigen Stunden der Fahrt über das Haffeis zusammen gewesen, haben bei der bitteren Kälte und dem eisigen Wind kaum miteinander gesprochen, ja, kannten nicht einmal die Namen – und finden sich nach 63 Jahren zusammen! Ja, da kann man schon ins Grübeln kommen.

Frau Möller kommt aber auch auf das Thema zu sprechen, das nicht nur sie, sondern auch Hunderte unserer Leserinnen und Leser beschäftigt: Wie belasten die furchtbaren Ereignisse der Flucht und Vertreibung, die sie als Kinder erlebten, noch heute die Menschen? In Folge 12 hatten wir mitgeteilt, daß sich ein Team der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf damit befaßt und unsere Leserschaft um Beteiligung an dem Forschungsprojekt gebeten. Weit über 600 Vertriebene, die damals Kinder waren, hatten sich auf die Veröffentlichung hin in Eppendorf gemeldet. Von diesen wurden etwa 150 Betroffene eingeladen. Die Auswahl fiel auch auf Christel Möller aus Bienenbüttel. Sie war natürlich sehr überrascht und sagte zu, ihre jüngste Tochter begleitete sie zum Gespräch mit Dr. Ch. Muhtz im UKE. Das hat wieder alles in ihr aufgewühlt. Sie hatte selber nicht gedacht, daß die Aufarbeitung des in der Kindheit Erlebten sie psychisch so angreifen würde. Die alten Alpträume kamen wieder, sie hatten sich in den letzten Jahren entfernt, denn Frau Möller hat ein erfülltes Leben, geborgen im Kreis ihrer Familie. Der schlimmste Traum war zwei Tage vor dem Termin im UKE und kommt noch immer wieder, auch wenn sie alles versucht, ihn zu löschen. Ich glaube, so ergeht es vielen von uns, das entnehme ich den Briefen vor allem älterer Leserinnen, die einfach nur ihr Herz ausschütten wollen. Sie wirbeln auch in mir wieder die Ängste auf, die schon einige Perioden meines langen Lebens beeinflußt haben. Und es ist gut, daß man darüber spricht – sprechen kann. Wir werden es in zwei Wochen auf unserem Seminar der Ostpreußischen Familie im Ostheim in Bad Pyrmont tun.

Die Kinder, die Flucht und Vertreibung erlebten, wurden entwurzelt, aber sie sind noch im Mutterboden der Heimat aufgewachsen und wissen auch jetzt im späten Alter, wo ihre Wurzeln sind. Auch das tut schon gut, denn es gibt Menschen, die nie erfahren haben, wo sie geboren wurden, wer ihre Eltern waren, welchen Namen sie wirklich tragen, Strandgut der großen Menschenflut. Irgendwo dazwischen liegt das Schicksal einer Frau aus Dresden, die zwar ihren Namen kennt, auch ihr Geburtsdatum weiß – aber nichts über ihre Herkunft, ihre Eltern, ihre Familie. Ihr Schicksal habe ich in unserer letzten Folge schon angeschnitten. Inzwischen konnte ich mit ihr sprechen und damit auch einige der Unstimmigkeiten beseitigen, die sich aus den mir zugestellten Unterlagen ergaben. Herr Joachim von Versen aus Bonn hatte sie mir übersandt, denn auch ihn und seine Frau beschäftigt die ungelöste Herkunft ihrer Freundin, die übrigens in dem ehemaligen Elternhaus von Frau von Versen in Dresden wohnt. Nach der Wende kam die erste Begegnung zustande und wuchs zu einer sehr freundschaftlichen Verbindung, die nun auch zu der Suche in unserer Kolumne führt, denn Herr von Versen liest unsere Zeitung mit großem Interesse, und damit sind ihm auch unsere Ostpreußische Familie und ihre Erfolge vertraut.

Die Suchende heißt Luise Ehrlich, ihr Mädchenname lautet Luise Werner, * 15. April 1944. Diese Angaben standen auf dem Zettel, den das Kind um den Hals trug, als es im Mai 1945 in das Kinderheim Geising/Erzgebirge kam. Zuvor war das Mädchen im Kinderheim Dresden-Laubegast gewesen. Etwa im August 1944 soll es dorthin gekommen sein. Von wo und durch wen blieb unklar, es meldeten sich weder Eltern noch andere Verwandte oder Betreuer. Als das Ehepaar Werner und Ilse Rabe aus Dresden am 8. Juni 1945 das Kind in Pflege nahm, wurden Ermittlungen nach seiner Herkunft angestellt, die aber zu keinem konkreten Ergebnis führten, eher zu Irrtümern. So wurde in einigen Bescheiden Krakau als Geburtsort angegeben, in anderen Dresden, das sogar 1959 von behördlicher Seite als Geburtsort bestimmt und in das Geburtenbuch eingetragen wurde. Dabei lagen die Angaben einer Säuglingsschwester vor, nach denen das Kind „vermutlich in Königsberg geboren sei, denn von dort ist Luise mit noch drei anderen Kindern, die von ihren Angehörigen abgeholt wurden, in das Kinderheim Dresden-Laubegast gekommen“. Diese Aussagen wurden aber völlig ignoriert. Von ihnen erfuhr Frau Ehrlich erst nach der Wende, als sie Akteneinblick erhielt. Immerhin entdeckte sie da auch den Vermerk „Umsiedlerkind“ – „vertrieben“ durfte in der damaligen DDR ja niemand sein. Sie begann aufgrund dieser Angaben nach ihrer Herkunft zu forschen, das Deutsche Rote Kreuz (DRK) veranlaßte auch eine Verbindung zu einer Königsberger Familie im Rheinland, die sich aber als nicht tragbar erwies. Versuchen wir es also – wenn auch leider sehr spät – über unsere Ostpreußische Familie. Wer kann Angaben über eine Familie Werner aus oder bei Königsberg machen, denen im April 1944 ein Mädchen geboren wurde, das – wann, wo und durch wen – auf den Namen Luise getauft wurde? Da das Kind mit großer Wahrscheinlichkeit im August 1944 mit einem Sondertransport aus Königsberg kam, kann es sich um eine Evakuierung nach den Bombenangriffen gehandelt haben. Vielleicht waren die Eltern tot oder verwundet und es handelte sich um einen Kindertransport, denn Luise soll ja mit drei anderen Kindern in das Dresdener Heim gekommen sein. Diese wurden von ihren Angehörigen abgeholt – warum nicht Luise? Hier können wir einhaken, denn diese ehemaligen Heimkinder dürften noch leben. Wer war auf dem Transport, wer wurde in dem Zeitraum September 1944 bis Mai 1945 aus dem Kinderheim Dresden-Laubegast, Österreicher Straße, geholt? Luise Ehrlich hofft wie das Ehepaar von Versen auf Hinweise. Und ich natürlich auch! (Luise Ehrlich, Kyawstraße 8 in 01259 Dresden, Telefon 0351/2036875.)

Meine Wurzeln sind mir unbekannt! So schreibt auch Frau Susanne Dettmers aus Flensburg, und sie meint damit ihren Großvater, über den sie bisher nur wenig Hinweise erhalten hat, und diese sind zum Teil auch noch sehr irritierend. Frau Dettmers ist die Tochter von Barbara Donate Bartschat, die am 18. September 1942 in den Städtischen Krankenanstalten in Königsberg zur Welt kam. Das Kind, das noch in der Klinik die Nottaufe erhielt, kam bald zu seinen Großeltern Heinrich und Martha Bartschat in Preußisch Mark, Kreis Mohrungen. Ihre Mutter Irmgard Bartschat, später Jankowski, die zu jener Zeit in Königsberg wohnte, hatte sie dorthin gebracht, denn da war das Mädchen gut aufgehoben. Barbara Donate Bartschat erinnerte sich noch im späten Alter an die große Dogge, mit der sie auf dem Gutsgelände gespielt hat. Dann kam die Flucht, auf die zwei Tanten, Ulla und Hanni Bartschat, die Dreijährige mitnahmen. Von dem Vater ihrer Mutter weiß Frau Dettmers so gut wie nichts. Einerseits soll er als Besucher öfters in Pr. Mark gewesen sein, andererseits gab es doch sehr unglaubhafte Vermutungen über die Vaterschaft, auf die ich nicht näher eingehen will und kann, sie dürften auch keine brauchbaren Hinweise erbringen. Frau Dettmers hofft, daß sich ehemalige Nachbarn oder andere Bekannte der Familie Bartschat aus Pr. Mark finden, die bereit sind, der Enkeltochter etwas über den vermutlichen Großvater berichten zu können. „Es wäre schön, wenn ich endlich Klarheit bekäme“, beendet Frau Dettmers ihr Schreiben. (Susanne Dettmers, Jens-Due-Straße 51 in 24939 Flensburg, Telefon 0461/12144.)

Spät kam die Anerkennung seines künstlerischen Schaffens für den ostpreußischen Künstler Alfred Schlegge durch den Bericht über sein Lebenswerk in der PAZ/Das Ostpreußenblatt – so sieht es jedenfalls der 85jährige Bildhauer und Bernsteinschnitzer und bedankt sich sehr dafür. Und bekam nun eine weitere Hommage durch den Gründer des „Internationalen Maritimen Museums Hamburg“, Herrn Prof. Peter Tamm, der den Künstler nach Hamburg einlud, um ihn im Rahmen seiner weltweit einmaligen Sammlung, die allein 37000 Schiffsmodelle enthält, zu einem dort ausgestellten Werk Alfred Schlegges zu führen: der Bernsteinfregatte „Friedrich III.“. Die hatte Peter Tamm schon lange in seiner Sammlung gehabt ohne Kenntnis über ihren Schöpfer. So wurde, als in diesem Sommer das größte

Schiffahrtsmuseum der Welt im Hamburger Hafen seine Pforten öffnete, das Bernsteinschiff mit „1935 in Königsberg angefertigt. Künstler unbekannt“ katalogisiert. Ein Irrtum, den Alfred Schlegge schon einmal vor acht Jahren berichtigen wollte, als er eine Abbildung mit diesem Vermerk entdeckte, aber damals fand er leider kein Gehör. Das war nun anders, als unser Landsmann Wolfgang Petschukat aus Eutin, der sich intensiv mit dem „Ostpreußischen Gold“ und besonders mit dem Werk Alfred Schlegges beschäftigt, anläßlich der Berichte über die Museums-Einweihung uns eine erneute Korrektur zukommen ließ. So erfolgte die Richtigstellung in unserem Bericht, der zum 85. Geburtstag des Künstlers im August erschien – und zur Beseitigung der irrtümlichen Beschriftung in dem Hamburger Museum führte. Daß dann die Einladung zu einer Museumsführung durch Professor Peter Tamm erfolgte, war wohl doch eine Überraschung für den Künstler aus Detmold. Nur zu gerne folgte er der Einladung. Mit Frau, Sohn und dessen Frau bildeten sie zusammen mit Herrn Wolfgang Petschukat – der ja eigentlich den Stein ins Rollen gebracht hatte – eine kleine Gruppe, die zwei Stunden lang von Herrn Professor Tamm und seiner Frau durch diese weltweit größte maritime Sammlung geleitet wurde. Natürlich verweilten sie vor den Arbeiten Alfred Schlegges besonders lange – neben der Fregatte „Friedrich III.“ sind auch zwei weitere Bernsteinschiffe, die Fregatte „Hollandia“ und die Karacke „Adler von Lübeck“ zu sehen, die mit zu den schönsten Exponaten des Museums gehören. Die Stunden in dem historischen Kaispeicher im Hamburger Hafen werden für den Bernsteinschnitzer aus Königsberg wohl unvergeßlich bleiben.

Spät kommt der Suchwunsch von Herrn Leo Görigk aus Berlin, das heißt, er erreicht uns so spät, denn gesucht hat der geborene Ostpreuße schon lange Jahre nach seinen zwei Geschwistern, nur leider ohne Erfolg. Jetzt hofft er auf uns, und vielleicht ist die Ostpreußische Familie wirklich die einzige Möglichkeit, etwas über das Schicksal der Vermißten zu erfahren, denn vermutlich wird es unter unseren Lesern ehemalige Bewohner von Sienken oder Glandau geben, die etwas über die Ereignisse nach Kriegsende aussagen können. Die Familie Görigk stammt aus Sienken, der Vater wurde bereits 1941 eingezogen, die Mutter blieb mit vier Kindern auf dem Hof zurück. Was beim Russeneinfall geschah, weiß Leo Görigk nicht, der 1941 Geborene war der Jüngste der vier Geschwister und hat deshalb keine Erinnerungen. So ist es ungewiß, ob die Mutter mit ihren Kindern noch auf die Flucht gehen wollte, ob und wann sie in ihrem Dorf verblieb, jedenfalls soll sie 1945 verstorben sein. Die vier Kinder sind 1946/47 von den Polen ausgewiesen worden, und zwar zusammen mit anderen Bewohnern aus dem Kreis Pr. Eylau – hier setzt nun unsere Hoffnung ein. Die Geschwister wurden getrennt: Leo kam mit einer Schwester in die damalige russische Zone, wo der 1946 aus Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Vater sie fand und zu sich nahm. Nach seinen beiden anderen Kindern suchte er vergebens, da mußte auch der Suchdienst passen. Bis heute blieben Eva-Maria Görigk, * 24. August 1937, und Franz-Josef Görigk, * 19. Februar 1939, unauffindbar. Wenn sie auch in das Deutschland westlich von Oder und Neiße kamen, dann vermutlich in das Gebiet der späteren DDR. In Listen scheinen sie nicht geführt zu sein. Wurden sie vielleicht adoptiert, von einer deutschen oder polnischen Familie? Wie gesagt, unsere ganze Hoffnung ruht auf den Menschen aus dem Kreis Pr. Eylau, denen ein ähnliches Schicksal widerfuhr und die mögliche Hinweise geben können. Vielleicht erinnern sich auch ehemalige Nachbarn und Freunde daran, „was der Familie angetan wurde“ – so beschreibt der heute 67jährige jene furchtbaren Ereignisse, die sich vor allem auf den Tod der Mutter beziehen. Ob wir ihm aber wirklich zur „Familienzusammenführung“ verhelfen können, wie er hofft – da müßte schon ein Wunder geschehen! (Leo Görigk, Wolfsburger Weg 26 L in 12109 Berlin, Telefon 030/7034543.)

Kommen wir nun zu einem gesuchten Gedicht. Es trägt den Titel „Die Kokarde“, Verfasser nicht genannt. Eine Leserin aus Norddeutschland sucht es und bittet mich, es zu besorgen. Sie besaß das Gedicht einmal gerahmt als Bild, weiß aber nicht, wo es geblieben ist. Das werden wir zwar nicht finden, aber mit Sicherheit das Gedicht, das ich zwar in meinen vielen Balladenbüchern vergeblich gesucht habe – die ich immer zuerst bemühe, ehe ich die Ostpreußische Familie befrage –, aber unsere Leserschaft wird wieder helfen können. (Zuschriften bitte an die Redaktion senden.)

Herr Bert Willscher sucht alte Aufnahmen aus unserer Pregelstadt. Er möchte seine aus Königsberg stammende Frau damit erfreuen. Sie hatte in der Krönchenstraße, später in der Dinterstraße gewohnt. Von letzterer besitze ich eine Aufnahme, da ich dort auch bis zur Flucht gewohnt habe, aber leider nicht von der Krönchenstraße. Sie lag auf dem Löbenicht und verband den Mittelanger mit der Landhofmeisterstraße. Es dürfte schwer sein, eine Aufnahme dieser alten, kleinen Straße zu finden. Hoffen wir für Herrn Bert Willscher, Am Holzergraben 15 in 99097 Erfurt.

Eure Ruth Geede

Foto: Prof. Peter Tamm mit Alfred Schlegge (links): Vor dem Internationalen Maritimen Museum Hamburg


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