© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Auf der Suche nach den Wurzeln
Menschen aus aller Welt lernen in Wilna Jiddisch

Sie kommen aus Kanada, den USA, aus Argentinien, Israel, aus Hamburg oder aus der Nachbarschaft. In Wilna lernen sie am Rande des ehemaligen jüdischen Ghettos eine sterbend geglaubte Sprache: Jiddisch.

In rabbinischem Singsang rezitiert Dov-Ber Kerler alte Maises (Geschichten) auf Jiddisch aus einer untergegangenen Welt: den Stedtln Osteuropas. 14 Schüler aus sechs Ländern saugen jedes seiner in den langen Rauschebart genuschelten Worte auf, als seien sie ihnen heilig. Nur selten unterbricht der Dozent seinen Monolog, um eine Frage zu stellen. Die Antworten kommen prompt, wenn auch mit starkem amerikanischen, französischen oder spanischen Akzent. Viele schreiben mit, die meisten in hebräischen Buchstaben. Hier sitzen die Fortgeschrittenen der „Yiddish Summer School“ an der Universität von Wilna, der einstigen Metropole der jüdischen Aufklärung.

„Ech hob gemeint, ech weiß, aber jetzt weiß ich, daß ech gur nischt weiß“, erzählt eine Kursteilnehmerin, die nach sieben Jahren in Israel nun wieder in ihrer Heimatstadt Wilna lebt. Am Yiddish Institute lernt die alte Dame ihre Mameloschn, ihre Muttersprache. Als Kind habe sie nur jiddisch gesprochen. „Wenn die Eltern hobn gestorbn, hob ich aufgehert zi rejdn jiddisch.“

„Viele Überlebende des Holocaust haben versucht, ihre Herkunft zu verdrängen“, weiß die stellvertretende Direktorin des Instituts Ruta Puisyte. Sie wollten sich möglichst schnell ihrer neuen Umgebung anpassen. Jetzt sind es ihre Kinder und Enkel, die mehr über die Geschichte ihrer Familien erfahren möchten, Fragen stellen und die Sprache ihrer Vorfahren lernen.

Auch Barbara aus Virginia lernt in Wilna ihre Muttersprache. Rechtzeitig vor dem Holocaust sind ihre Eltern nach Amerika ausgewandert. Wie viele sucht sie im Jiddischkurs auch nach ihren jüdisch-europäischen Wurzeln. Diese liegen gleich hinter den meterdicken Mauern der Wilnaer Universität, die an das einstige jüdische Ghetto grenzt. Seit dem 18. Jahrhundert galt Wilna mit seinen zahlreichen prächtigen Synagogen und Religionsschulen als Jerusalem des Nordens. Als die Deutschen 1941 einmarschierten, waren mehr als ein Drittel der Einwohner Juden. Viele berühmte jüdische Gelehrte wie der „Gaon von Wilna“ hatten die Stadt über zwei Jahrhunderte geprägt.

Mit 25 Jahren ist Annika aus Hamburg die jüngste Jiddisch-Schülerin. Am Jiddisch-Institut lernt sie mit den anderen den ganzen Vormittag. Nachmittags gibt es Gesangs-, Musik-, Tanz- oder Literaturkurse sowie Exkursionen, auf denen sich die Kursteilnehmer mit der jüdischen Geschichte der Stadt beschäftigen. Auch Instituts-Vizedirektorin Ruta spürt in ihrer Heimatstadt noch „die Glut des einst großen Feuers der jüdischen Kultur“, die Wilna mehrere Jahrhunderte lang geprägt hat.             Robert B. Fishman

Foto: Intensives Studium: Eine junge Frau lernt die Sprache ihrer Vorfahren.


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