© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Ohne jede Rechte
Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone waren Willkür ausgesetzt

Sein Spezialgebiet ist die Besatzungspolitik der Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nachdem der Journalist Volker Koop in den letzten Jahren bereits in drei Büchern jeweils die Entwicklungen in der US-amerikanischen, französischen und britischen Besatzungszone behandelt hat, legt er jetzt einen Titel vor, der sich der sowjetischen Zone (SBZ) annimmt.

„Es wäre bestimmt ,politisch korrekt‘, einleitend die Gräueltaten der Deutschen – insbesondere der SS –, das Leiden der sow-jetischen Bevölkerung in den Kriegsjahren zu beschreiben. Das ist aber nicht Aufgabe des Buches. Es ist dabei keineswegs vergessen, daß die Deutschen es waren, die die Sowjetunion überfallen haben. Diese Schuld kann aber nicht dazu führen, Unrecht, das nach 1945 geschah, zu verschweigen“, stellt Koop einleitend klar.

Über dieses Unrecht schreibt der 1945 Geborene in „Besetzt – Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland“. Seine Schwerpunkte setzt er bei der Behandlung der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen sowie dem Umgang mit dem in der SBZ gestrandeten Heimatvertriebenen.

„Am 4. Mai 1945 gab das Oberkommando der Roten Armee bekannt, daß der Sowjetunion seit Kriegsbeginn etwa 3,18 Millionen deutscher Soldaten als Kriegsgefangene in die Hände gefallen seien. Wenig später wurden die Angaben insofern ergänzt, als bis zum 14. Mai 1945 weitere 1,2 Millionen Soldaten der Wehrmacht in sowjetische Gefangenschaft geführt wurden … Außerdem waren nach einer NKWD-Statistik vom 15. Juli 1950 insgesamt 271672 deutsche Zivilisten als Internierte in sowjetischen Lagern untergebracht“, dokumentiert der Autor. Etwa jeder Vierte von ihnen starb. Kaum bekannt ist dabei: Teilweise hatte die Rote Armee die gesamte weibliche Bevölkerung einzelner Dörfer wie in Maibaum, Kreis Elbin, oder Wiesenheit im Banat als billige Arbeitskräfte in die UdSSR verschleppt. Auch Frauen aus Ostpreußen, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Schlesien wurden als Kriegsbeute angesehen.

Volker Koop belegt mit vielen Zahlen, daß er keineswegs von Einzelschicksalen schreibt. Um so unglaublicher ist es, daß weder Kriegs- noch Zivilgefangenschaft in der SBZ beziehungsweise in der späteren DDR ein Thema waren. Ähnlich wie Flucht und Vertreibung – obwohl die euphemistisch als „Umsiedler“ bezeichneten Heimatvertriebenen die SBZ vor größte Herausforderungen stellten. Einerseits waren die Sowjets auf dem Boden der späteren DDR damit beschäftigt, nach dem Zweiten Weltkrieg noch intakte Industrieanlagen als Reparationen zu demontieren und in ihre Heimat zu verschicken, gleichzeitig mußte man der einheimischen Bevölkerung und mehreren Millionen Ostdeutschen eine Existenzgrundlage bieten. Einfach verhungern lassen war keine Option, da man ja die SBZ zum sozialistischen Bollwerk gegen den Westen aufbauen wollte. Sachsen beispielsweise hatte bei einer Bevölkerung von 4,8 Millionen Einwohnern eine Million Flüchtlinge zu versorgen. Das war schier unmöglich und brachte unter den Vertriebenen eine massiv erhöhte Sterblichkeitsrate mit sich. Koop schockiert mit der Information, daß die Sterbeziffern der Jahre 1919 bis 1921 nach dem Ersten Weltkrieg im Deutschen Reich – also bei ähnlichen Bedingungen wie nach dem Zweiten Weltkrieg – zwischen 17,9 und 20,9 pro 1000 Einwohner lagen, die in der SBZ dagegen zwischen 30 und 35,8.

Eindringlich berichtet der Autor vom schier unmöglichen Versuch der UdSSR, mit Hilfe der seit den 30er Jahren im Moskauer Exil zu Gefolgsmännern aufgebauten deutschen Kommunisten die Bewohner der eigenen Besatzungszone zu „bekehren“ bei gleichzeitiger Ausbeutung jeglicher Ressourcen. Enteignungen und willkürliche Verhaftungen angeblicher politischer Gegner waren ebenfalls nicht dazu angetan, das Loblied eines Walter Ulbricht auf den gerechten Sozialismus und das Vorbild UdSSR zu bestätigen. Auch die Tatsache, daß deutsche Frauen bis ins Jahr 1947 für die in der SBZ stationierten Soldaten der Roten Armee Freiwild waren, unterlegt Volker Koop mit einem schauerlichen SED-Bericht: In dem Zitat wird bezeichnenderweise nicht das Leid der vergewaltigten Frauen bedauert, sondern nur geklagt, daß derartige „Tatsachen“ der Bewegung schadeten.

Angesichts der in „Besetzt – Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland“ angeführten Ungerechtigkeiten, willkürlichen Anordnungen und Grausamkeiten ist dem Autor zu danken, daß er alles in derart konzentrierter Form für die Nachwelt festgehalten hat.     Bel

Volker Koop: „Besetzt – Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland“, be.bra verlag, Berlin 2008, geb., 316 Seiten, 24,90 Euro


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