© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Untergegangene Welt
Lebenserinnerungen der Rauthgundis Baronin von Eberstein

Rauthgundis Baronin von Eberstein (1901–2002) stammte aus einem der ältesten Uradelsgeschlechter Deutschlands; sie durchlebte das ganze 20. Jahrhundert. Erst im Alter von 95 Jahren begann sie in Saywer, Michigan (USA), die Erinnerungen an ihr bewegtes Leben aufzuschreiben. Ihr Sohn Hartmut Bachmann ergänzte ihre Aufzeichnungen um Briefe und Tagebücher. Man kann die Autobiographie „Eine Frau zwischen Tradition und Weltoffenheit“ nur schwer aus der Hand legen. Rauthgundis wuchs mit zwei Geschwistern auf Schloß Genshagen auf, 20 Kilometer südwestlich von Berlin im brandenburgischen Landkreis Teltow-Fläming. Zu dem Gut gehörten rund 7500 Morgen. Ihr Großvater General Max von Eberstein kam durch seine Heirat mit Pauline Schulz in den Besitz von Schloß und Gut Genshagen, dessen letzter rechtmäßiger Besitzer ihr Vater Leberecht von Eberstein (geb. 1869) war. Ihre Mutter Sophie von Eberstein, Tochter des Königlich Preußischen Staatsministers Heinrich von Boetticher, der unter Bismarck die ersten deutschen Sozialgesetze ausarbeiten ließ, blieb zeitlebens distanziert gegenüber der eigenen Tochter. In ihrer Kindheit erlebte die Erzählerin noch die uralten Traditionen der Gutsgemeinschaft mit den gemeinsamen Weihnachtsfeiern und Erntedankfeiern, bei denen das Personal von Haus und Hof der Besitzerfamilie seine Aufwartung machte und Geschenke erhielt. Sehr komisch lesen sich ihre Erlebnisse in dem ihr verhaßten Berliner Mädchenpensionat.

Die große mütterliche und väterliche Verwandtschaft brachte es mit sich, daß namhafte Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur auf Genshagen ein und aus gingen, darunter Thomas Mann und Ernst Heinkel. 1921 heiratete Rauthgundis gegen den Willen der Mutter den bürgerlichen Oberleutnant zur See Franz Bachmann, mit dem sie nach Berlin zog. Schon 1925 erfolgte die Trennung, und sie mußte mit ihren drei Kindern demütig bei den Eltern um Aufnahme bitten. Es folgten Reisen und Aufenthalte in Schweden, wo sie in einem Reisebüro arbeitete. 1935 kam es zur Teilenteignung des Familienbesitzes, da eine Daimler-Benz-Motorenfabrik an diesem Standort errichtet werden sollte. 1936 heiratete Rauthgundis den zwölf Jahre jüngeren Offiziersanwärter der Luftwaffe Cuno Gotthardt. Ende 1942 wurde ihr 18jähriger Sohn zum Wehrdienst eingezogen und in der Kampffliegerschule Neuruppin zum Jagdkampfflieger ausgebildet. Das Buch enthält einige Briefe Hartmuts an seine Mutter von 1943 bis zu den letzten Kriegstagen 1945. Da die Briefe durch Freunde überbracht wurden, konnte der junge Mann seine Erlebnisse vorbehaltlos und eindringlich schildern.

Im April 1945 verwies die SS das Ehepaar von Eberstein und ihre Tochter des Hauses. Mit einem Traktor traten sie die Flucht nach Schleswig-Holstein an. Bald darauf war Rauthgundis auf sich allein gestellt. Nacheinander lebte sie in Göttingen und Frankfurt in beengten Verhältnissen. Nach dem Verkauf des familieneigenen Hauses in Berlin-Lankwitz besuchte sie 1959/60 erstmals ihre älteste Tochter und deren Familie in Sawyer, Michigan, traf danach den Entschluß, in den USA einen Neuanfang zu wagen. Sie wollte aber unabhängig bleiben. Als Hausangestellte lebte sie in San Francisco unter Verleugnung ihrer aristokratischen Herkunft bei den Schwiegereltern von Clark Gable.

Immer wieder erhebt die Erzählerin bittere Anklagen gegen die deutsche Regierung unter Kanzler Kohl, da diese die 1949 erfolgte Enteignung des Familienbesitzes von Schloß und Gut Genshagen durch den Einigungsvertrag für endgültig erklärte. Seit 2005 ist die Stiftung Genshagen für deutsch-französische Zusammenarbeit Eigentümer. Das Gebäude mit 21 Gästezimmern wird gelegentlich von der Bundesregierung anläßlich von Staatsbesuchen genutzt. Als Rauthgundis von Eberstein 1993 um eine kleine Wohnung in ihrem einstigen Elternhaus bat, schlug man ihre Bitte ab. 2002 wurde sie im Familiengrab auf Gut Genshagen beigesetzt.     Dagmar Jestrzemski

Rauthgundis von Eberstein: „Eine Frau zwischen Tradition und Weltoffenheit – Die Geschichte einer der ältesten deutschen Familien“, Frieling Verlag, Berlin 2008, broschiert, 331 Seiten, 19,90 Euro


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