© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-08 vom 15. November 2008

Raketenschach in Ostpreußen
Russische Raketen bei Insterburg als Antwort auf US-Raketen bei Stolp

Am Tag der Wahl des neuen US-Präsidenten geriet das nördliche Ostpreußen in die Schlagzeilen der Weltpresse. Statt Obama zu gratulieren, kündigte Rußlands Präsident Medwedew die Aufstellung neuer Kurzstreckenraketen bei Königsberg an – als Anwort auf US-Raketen in Hinterpommern.

Noch gilt das nördliche Ostpreußen als aufstrebende russische Wirtschaftsregion. Dies könnte sich ändern, wenn dort ein Raketenkomplex stationiert wird, wie dies nun Präsident Dmitrij Medwedew in seiner ersten Rede zur Lage der Nation ankündigte. Investoren und Touristen könnten verschreckt und zumindest Teile der Region sogar wieder in ein militärisches Sperrgebiet wie in den Jahren vor 1991 zurückverwandelt werden. Nach Jahren der Öffnung und Abrüstung ist das letzte übriggebliebene Sperrgebiet der Region der Militärhafen von Pillau, wo die Baltische Flotte ihre Heimat hat.

Die Königsberger Exklave gilt seit Mitte der 90er Jahre als Modellregion neuer Beziehungen zwischen der EU und Rußland. Als Sonderwirtschaftszone bietet das Gebiet ausländischen Investoren Steuervorteile, die diese seitdem für zahlreiche Firmenniederlassungen und Joint Ventures genutzt haben.

Doch seit einiger Zeit hat Rußland immer wieder öffentlich über die Stationierung von Kurzstreckenraketen in der Region nachgedacht – als Antwort auf das US-Raketenabwehrprogramm mit Stützpunkten bei Stolp in der Republik Polen und Horchposten in der Tschechischen Republik.

Am Tag nach der Wahl Barrack Obamas sprach Medwedew Klartext: Als Antwort auf den US-Raketenschutzschild werde ein Raketenstützpunkt im Königsberger Gebiet errichtet, der die US-Anlagen zerstören könne. Er nannte Kurzstreckenraketen des Typs „Iskander“, die im Nato-Sprachgebrauch „SS-26 Stone“ genannt werden. Sie haben eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern und können sowohl mit nuklearen als auch mit konventionellen Gefechtsköpfen bestückt werden. Daneben plane Rußland den Einsatz von Störsendern wie auch der Baltischen Flotte gegen das US-Programm.

Nach Informationen der PAZ sollen die neuen Raketen unweit von Insterburg, einer der verbliebenen größeren Garnisonen der Region, stationiert werden. Sie können problemlos die geplanten US-Raketen bei Stolp sowie den größten Teil des Baltikums, nicht aber den US-Radarstützpunkt in Böhmen erreichen.

Vertreter Litauens äußerten denn auch Sorgen über die Pläne. Ohne die Worte „Königsberg“, „Insterburg“ oder gar „Ostpreußen“ in den Mund zu nehmen, nannte Bundesaußenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier die Pläne ein „falsches Signal zum falschen Zeitpunkt“ und warnte vor „neuem Blockdenken“. Deutsche Vertriebene kann melancholisch stimmen, daß ausgerechnet in ihrer Heimat heute wieder „Raketenschach“ gespielt wird. MRK/K.B.


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