© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-09 vom 03. Januar 2009

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

es ist nun da, das Neue Jahr, mit vielen guten Wünschen versehen, die zu Weihnachten und Silvester ausgesprochen wurden. Oder geschrieben, gefaxt, gemailt. Und dafür möchte ich mich zuerst einmal bedanken, hier an dieser Stelle, denn sie gelten nicht nur mir, sondern unserer gesamten Ostpreußischen Familie. Auf daß sie weiter gedeihen und wachsen möge – letzteres naturbedingt nicht auf mich persönlich bezogen –, und wir viele Wünsche erfüllen und damit auch weitere Erfolge melden können. Aber dazu benötigen wir nun einmal viele Leserinnen und Leser, denn nur sie können ja weiterhelfen. Leider mußte ich in persönlichen Gesprächen in letzter Zeit erfahren; daß einige unserer Treuesten und stets Hilfsbereiten aus finanziellen Gründen unsere Zeitung nicht mehr halten können. Das ist betrüblich, denn mit jedem Abbesteller verliert unsere Ostpreußische Familie auch einen möglichen Informanten, und jeder, aber auch jeder Leser ist wichtig, wenn man heute Aufklärungsarbeit leisten will. Nur gemeinsam können wir etwas bewirken. Das habe ich auch in unseren Gesprächen erklärt, und es haben sich dann doch einige entschlossen, trotz vorhandener Schwierigkeiten unsere Zeitung weiter zu beziehen. Dafür möchte ich mich bei den Betreffenden bedanken.

Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, daß diejenigen, die jeden Cent umdrehen müssen, zu ständigen Lesern werden können: Das Patenschaftsabonnement! Wer es sich leisten kann und will, ein Abonnement zu spenden, schenkt einem Menschen, der seine Wurzeln in unserer Heimat hat, sehr viel, denn er findet sie ja in unserer Zeitung wieder. Und reiht sich mit ein in den Kreis unserer Ostpreußischen Familie, die neben den großen Suchwünschen und kleinen Fragen auch zwischenmenschliche Beziehungen ermöglicht. Unzählige Verbindungen sind schon so zustande gekommen, neue Freundschaften entstehen ständig, machen Alter und Einsamkeit erträglicher, bewirken aber auch Kontakte zwischen den Generationen. Denken Sie bitte daran, wenn Sie nun überlegen, ein Patenschaftsabonnement für einen von Ihnen gewählten Zeitraum zu übernehmen. Ich würde mich über eine solche Spende sehr freuen!

So, das lag mir doch sehr am Herzen, weil ich mit diesem Problem in der letzten Zeit sehr oft konfrontiert wurde.

Viele Briefe habe ich zum Fest bekommen, die keinen konkreten Wunsch der Absender enthielten. Aber sich selber einen erfüllten, indem sie sich einmal aussprachen, ihr Leben schilderten, das von Flucht und Vertreibung, Irrungen und Wirrungen gezeichnet war. Oft sieben, acht Seiten lang und mit dem Fazit endend: So, das mußte einmal alles gesagt werden! Es tut schon gut, sich einmal alles von der Seele schreiben können, auch wenn es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Sie haben auch mein Weihnachtsfest bereichert – wie die weißen gehäkelten Engelchen, für die ich mich bei Ihnen, liebe Irmgard, bedanken möchte. Wenn sie als Schutzengel fungieren sollen, dann habe ich, nein, haben wir alle eine ganze Eskorte für den Gang durch dieses neue Jahr, na, das läßt doch hoffen! Viele der aufgeschriebenen Erinnerungen gehen zurück an eine weiße Weih­nacht, wie Sie, liebe Liesbeth St., diese in einem Gedicht schildern, das sie einmal in schwerster Zeit verfaßt haben. „Draußen liegt der Schnee so weiß ...“ Er liegt auch auf den estnischen Tannen, die Anne Rekkaro fotografiert und uns als Weihnachtsgruß gesandt hat, aber auch im Baltikum ist der Winter nicht mehr das, was er einmal war, denn kurz nach der Aufnahme war es mit der weißen Pracht vorbei.

Ja; unsere ostpreußischen Winter, wie wir sie in unserer Erinnerung gespeichert haben, die waren hart und schneereich. Und kalt, sehr kalt. „Im Winter, inne dollste Kält, kam abends spät ich auffe Welt. Es hädd gestiemt und hädd gefrorn“, heißt es in dem Poem von Ernst Gardey, betitelt „Hanne, das Kind“. Der ostpreußiche Dialektschreiber hat sie seiner Interpretin, der Schauspielerin Marion Lindt auf den Leib geschneidert, und die wurde als „Hanne Schneidereit“ über den Rundfunk damit bekannt und beliebt. Noch heute erinnern sich die ehemaligen Hörer des Reichssenders Königsberg an Marion Lindt, die bekannteste und wohl auch beliebteste Sprecherin, die sich in die Herzen ihrer Hörer „schabberte“, denn sie war eine echte Marjell, die den heimischen Dialekt so interpretierte, daß er nicht billig oder aufgesetzt wirkte. Und sie ist, wie ihre Kultfigur „Hanne Schneidereit“, auch „in de dollste Kält“ zur Welt gekommen, nämlich am 12. Dezember 1908 in Königsberg. 100 wäre sie also jetzt – wenn sie noch lebte. Aber leider verstarb Marion Lindt schon mit 58 Jahren. Das hat Herr Dr. Ulrich Heitger, Chronist der deutschen Rundfunkgeschichte und speziell des Reichssenders Königsberg, nach langem und mühseligem Recherchieren herausgefunden. Ihn hatte es schon bei der Aufarbeitung der Urgeschichte des ostpreußischen Rundfunks gestört, daß die Vita der Marion Lindt so viele weiße Flecken aufwies. Die junge Schauspielerin, die nach ihrer Ausbildung am Königsberger Schauspielhaus früh zum Ostmarken-Rundfunk kam, dort vor allem in Jugend- und Kindersendungen zu hören war, sich dann mehr und mehr für die landestypische Unterhaltung qualifizierte, verschwieg ihr Alter und schottete auch weitgehend ihr privates Leben ab. Sie wurde „die Marjell vom Dienst“ und gab der Symbolfigur ostpreußischer Sprache und Lebensart, der „Hanne Schneidereit“ ihre Stimme. Aber auch die pralle Figur, denn mit anderen Mitwirkenden des Königsberger Senders bereiste sie ganz Ostpreußen und begeisterte auf vielen „Bunten Abenden“ mit ihrer unbeschwerten Fröhlichkeit und der sicheren Beherrschtheit des ostpreußischen Dialekts in allen seinen Facetten ihr Publikum. Ihr weiches Gesicht mit dem breiten Lächeln zierte die Plakate der Bäderbahnen mit dem Slogan: „Mit den Möwen an die See mit Samlandbahn und KCE“

(Königsberg-Cranzer-Eisenbahngesellschaft). Marion Lindt wurde also damals schon zu einer „Werbe-Ikone“.

Ich selber bin ihr oft in dem Sendegebäude am Hansaplatz begegnet, wir fanden aber wenig Zugang zueinander, da ich mich dem ostpreußischen Platt, der niederpreußischen Mundart, verschrieben hatte. Sie blieb beim „Missingsch“, also dem Hochdeutsch mit breiter Aussprache und möglichst vielen Dialektwörtern – das war eben ihr Metier. Das wurde nach dem Krieg anders, als sie mich in meinem damaligen Wohnsitz in der Lüneburger Heide besuchte. Da war die verlassene Heimat das große Band, das uns zusammenhielt, auch auf späteren gemeinsamen Veranstaltungen. Aber auch da zeigte sich ihre Scheu vor der Preisgabe allzu persönlicher Fakten und Daten. Und als die Kulturabteilung der Landsmannschaft Ostpreußen vor etlichen Jahren Seminare über die Geschichte des Ostpreußischen Rundfunks veranstaltete, stellten wir fest, daß wir kaum konkrete Angaben zur Person Marion Lindt besaßen. Hieß sie wirklich so, oder war der Name ihr Pseudonym? War sie wirklich eine echte ostpreußische Marjell, die – wie die Kultfigur Hanne Schneidereit – „lieber im Stall mank de Hihner und Ferkels huckte als in die dammlige Schul` zu gehen?

Diese Rätsel hat Dr. Heitger gelöst. Er legt uns nun eine präzise Biographie der Schauspielerin vor, die nicht nur ihr amtlich bestätigtes Geburtsdatum enthält, sondern auch viel Unbekanntes aus ihrem Leben vor und nach der Flucht. Und das wird viele ältere Leserinnen und Leser interessieren, denn sie blieb als Kultfigur des ostpreußischen Rundfunks unvergessen, wie ich immer wieder aus Anfragen an unsere Ostpreußische Familie feststellen kann. Daß sie ihr Alter verschwiegen hat, ist für eine Mimin durchaus legitim. Geboren wurde sie am 12. Dezember 1908 – nicht auf einem einsamen Hof irgendwo in Ostpreußen, sondern in Königsberg als Tochter einer angesehenen Familie. Getauft als Marion Charlotte Lindt – der Name ist also kein Pseudonym. Es gab auch vonseiten der Familie keine Widerstände gegen den von ihr ersehnten Schauspielberuf. Schon während ihrer Ausbildung am Königsberger Schauspielhaus wurde ihre Begabung für das damals brandneue Medium „Rundfunk“ entdeckt: mit 19 Jahren stand sie vor dem Mikrofon, das ihr weiteres berufliches Leben bestimmen sollte. Den großen Durchbruch schaffte sie, wie Dr. Heitger schreibt, im Herbst 1934, als die Hauptprotagonisten des Reichssenders Königsberg das Sendegebiet bereisten. Die Kapelle Erich Börschel gehörte wie Marion Lindt zu den Gewinnern der Tournee. Auch außerhalb Ostpreußens wurde man auf sie aufmerksam: Sie durfte als erste Frau die Ansage des morgendlichen Frühkonzertes am Deutschlandsender übernehmen. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität widmete ihr eine Rundfunkzeitschrift ein großes Porträt: „Marion Lindt – das Lachende Leben“. Sie sei forsch und bestimmt, gleichwohl fraulich und anmutig –wie die ostpreußische Landschaft selbst. Ja, so schrieb man damals. In diese Phase der großen beruflichen Erfolge fiel leider auch ein Wermutstropfen: Ihre 1932 geschlossene Ehe mit dem Graphiker O. W. Krüger, von der sie auch nicht viel preisgab, wurde nach nur sechs Jahren geschieden. Die gemeinsame Tochter Renate blieb bei der Mutter und teilte mit ihr Freud und auch das Leid, das mit Flucht und Internierung in Dänemark die Nachkriegsjahre bestimmte.

Aber Marion Lindt verkörperte nicht nur eine ostpreußische Marjell, sie war auch eine echte Tochter ihrer geliebten Heimat. Wenn sie auch im Freundes- und Kollegenkreis „Marionette“ genannt wurde, so war sie alles andere als eine Gliederpuppe, sondern eigenständig, voller Ideen und Tatkraft. Aus dem dänischen Lager entlassen machte sie sich in Hamburg an die Arbeit, gab ein Büchlein „Lustige Schabberei“ heraus, bald ein weiteres „Unsere Kinderchens“, – später auch ein Kochbuch, das noch heute sehr beliebt ist –, und arbeitete zeitweilig als Hörfunksprecherin beim NDR. Aber es gelang ihr nicht – wie damals übrigens auch mir – beim Rundfunk festen Fuß zu fassen. So wählte sie den direkten Weg zu ihren vertriebenen Landsleuten: auf vielen hundert kulturellen Veranstaltungen wirkte sie mit, kaum ein Heimattreffen in den 50er Jahren ohne Marion Lindt. „Mit ihrer Herzenswärme, gepaart mit Humor und Heimatliebe, machte sie unzähligen Menschen eine große Freude,“ schreibt Dr. Heitger in seiner biographischen Abhandlung. Interessant ist, daß die Schauspielerin dann wieder zu ihrem eigentlichen Metier fand, zwar nicht auf der Bühne, sondern bei Film und Fernsehen, wo sie in einigen Vorabendserien mitwirkte. 1964 erhielt sie in einem Fernsehkrimi eine größere Rolle, stand gemeinsam mit bekannten

Schauspielern wie Eva Pflug, Klaus Löwitsch und Hellmuth Lange vor der Kamera. Aber die sich anbahnende neue Karriere fand ein jähes Ende: Am 13. März 1966 verstarb sie nach einem Herzinfarkt in Hamburg.

Es ist gut, daß wir jetzt das – fast – vollständige Lebensbild einer Künstlerin haben, die aus der Geschichte des ostpreußischen Rundfunks nicht wegzudenken ist. Das nun dokumentierte Geburtsdatum der Schauspielerin, das man jetzt ruhig offen legen kann, ist ein guter Anlaß, darüber zu berichten. Dafür danken wir Herrn Dr. Ulrich Heitger sehr. Er wird auch weiter auf diesem Sektor tätig sein, und wir dürften noch so manchen interessanten Beitrag von ihm erwarten. Aufgrund seines Artikels zur Eröffnung des Danziger Senders, der im Ostpreußenblatt erschien, hat er einige Kontakte knüpfen können. So haben sich beispielsweise zwei Söhne von Musikern des Königsberger Rundfunkorchesters gemeldet und ihm wichtiges Informationsmaterial zur Verfügung gestellt. Was die kleine Einschränkung (fast) bedeutet? Wir haben noch immer nicht feststellen können, wann und wo der Schriftsteller Ernst Gardey geboren wurde, wo und wie er lebte. Und ob er mit Marion Lindt verwandt war, wie angenommen wird. Er sei ihr Onkel gewesen – ist eine Version. Die von Lindt vorgetragenen Dialekt-Poeme hat Gardey in zwei Büchern „Hanne Schneidereit“ und „Ostpreußischer Humor“ veröffentlicht. Als Verlagsorte werden Schloßberg/Pillkallen und Leipzig genannt. Wer besitzt diese Bücher oder kann über den geistigen Vater von Hanne Schneidereit etwas sagen? So ist wieder mal unsere Ostpreußische Familie gefragt.

Und die wird auch weiter gefordert werden, denn es warten schon neue Fragen und Wünsche, und vielleicht gibt es auch bald von einem „wundervollen“ Wiederfinden zu berichten. Aber das gebe ich erst preis, wenn es tatsächlich erfolgt ist. „Warscht lebe – warscht sehne“ – so lautet ein altes ostpreußisches Sprichwort. In leichter Abwandlung für unsere Ostpreußische Familie: „Warscht lese – warscht sehne!“ Was so viel bedeutet wie: Wenn du es lesen wirst, dann wirst du es erfahren! Und das ist doch ein guter Einstieg in das neue Jahr!

Eure

Ruth Geede


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