© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Cottbus bald keine Großstadt mehr
Wegzug, Geburtendefizit: Brandenburgs Ränder bluten aus, nur Berlins Umgebung wächst noch

In diesem Jahr fällt die Lausitz-Metropole Cottbus unter die Marke von 100000 Einwohnern, von einst knapp 130000. Anderen Kommunen am Rande der Mark geht es nicht besser. Eine Umkehr des demographischen Abwärtstrends ist nicht in Sicht.

Das erste Baby, das in Berlin-Brandenburg in diesem Jahr das Licht der Welt erblickte, kam in Cottbus zur Welt. 24 Minuten nach Mitternacht wurde dort Nick Elias geboren (49 Zentimeter, 3595 Gramm). Mutter und Kind sind wohlauf.

Solche guten Nachrichten gibt es selten in der Stadt in Südbrandenburg. Brandenburgs Randregionen leiden unter stetiger Abwanderung und niedrigen Geburtenraten. Die Peripherie der Mark erlebt die Alterung und Schrumpfung des deutschen Volkes im Schnelldurchlauf.

2009 wird ein wichtiges Jahr für die „Metropole in der Lausitz“. Mit ziemlicher Sicherheit sinkt die Einwohnerzahl von Cottbus unter die 100000er-Marke. Das heißt, daß Cottbus nicht mehr als Großstadt gilt. Diesen Status hatte die Stadt 1976 errungen.

Die Bevölkerung der DDR wuchs damals noch. Die Einwohnerzahl in Mitteldeutschland wuchs schneller als im Westen. Ständig mußten neue Plattenbauviertel fertiggestellt werden, um den Zuwachs unterbringen zu können.

1989 schließlich zählte Cottbus 129000 Einwohner. Dann begann der Zug nach Westen. Nach Berlin, nach München, nach Hamburg, nach Stuttgart. Im Jahr 2000 gab es nur noch   108000 Cottbusser, vor einem Jahr gerade noch 102811. Auf der Internetseite der Stadt wird die Einwohnerzahl heute etwas verschämt mit „zirka     102000“ angegeben. Will die Stadtverwaltung den Tatsachen nicht ins Auge sehen? Der Sprecher der Stadtverwaltung gibt sich optimistisch: „Cottbus bleibt die wichtigste Stadt der Region.“

Dabei reißt seine Behörde die   zweckmäßigen, aber häßlichen Plattenbauten reihenweise ein. Der Stadtteil Sachsendorf war einmal das größte Plattenbauviertel in Brandenburg. Jetzt wird das Quartier Block für Block dem Erdboden gleichgemacht.

Auch in den meisten anderen Städten des Bundeslandes Brandenburg sieht es schlecht aus. Frankfurt, Brandenburg an der Havel, Eberswalde, Schwedt, Guben, Eisenhüttenstadt – sie alle verlieren Einwohner. Da es in der Regel die Jungen und Ambitionierten sind, die wegziehen, bleiben überdurchschnittlich viele Arbeitslose und Alte zurück, was die Perspektiven weiter verschlechtert. Die Zeitschrift „Focus Money“ hat im Dezember eine Studie vorgelegt, in der alle deutschen Landkreise verglichen wurden. Bezogen auf das Einkommen steht die nordbrandenburgische Uckermark besonders abgeschlagen da: Das verfügbare Einkommen je Einwohner beträgt nur 13585 Euro. In München sind es 22569 und in Hamburg 23849.

Allerdings: In den Berlin-nahen Kommunen sieht es genau andersherum aus: Potsdam ist die Stadt mit dem höchsten Einkommensniveau der neuen Bundesländer. Auch Falkensee, Bernau, Königs-Wusterhausen oder Teltow profitieren von der Nähe zur Hauptstadt. Viele Berliner ziehen ins Grüne. Dieser Zuzug in den sogenannten Speckgürtel (sehr speckig ist er nicht im Vergleich mit anderen Metropolen) gleicht die erheblichen Abwanderungszahlen aus dem Berlin-fernen Gebieten zum Teil wieder aus.

Trotzdem sind die Prognosen verhangen. Das Berlin-Institut für Bevölkerungsentwick­lung hat für den Brandenburger Landtag eine umfassende Studie erstellt. Fazit: „Brandenburg dürfte zwischen 2004 und 2030 rund 13 Prozent seiner Bevölkerung verlieren. Es ist zu erwarten, daß sich die Entwicklung danach weiter beschleunigt, denn bis zum Jahr 2030 wird sich die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter halbiert haben.“

Die Politiker scheinen ratlos und machtlos. Bis 1989 hielt die Mauer die Menschen vom Wegziehen ab. Die SED hatte es sich einfach gemacht und die Bürger mit Gewalt im Staat festgehalten. Aber was können demokratische Politiker ausrichten, wenn immer mehr Menschen vor der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat fliehen?

Subventionen für die Wirtschaft sind genug geflossen – trotzdem gab es kaum spektakuläre Ansiedlungen, keinen ausreichenden Zuwachs an Arbeitsplätzen. Stattdessen wurden mit Steuermilliarden Seifenblasen finanziert, die eine nach der anderen zerplatzten.

Auch familienfördernde Sozialleistungen haben bislang nicht dazu beigetragen, die Geburtenrate nennenswert zu steigern, und werden dieses Ziel nach Lage der Dinge auch in naher Zukunft nicht erreichen. Die neuen Länder bleiben Schlußlicht beim Kinderkriegen, auch wenn sie in den letzten Jahren ein wenig aufgeholt haben.

Die brandenburgische Landesregierung hat den erklärten Willen, den Wandel aktiv mitzugestalten. Das heißt auch: Schmerzliche Einschnitte durchzuführen, wenn sie sich nicht abwenden lassen, also: Schulen schließen, Zugverbindungen einstellen, Polizeiwachen zusammenlegen usw.

Die Landesregierung versucht aber auch, aus der Not eine Chance zu machen. Vor einiger Zeit hat das Land eine Werbekampagne für seine neun Hoch- und Fachhochschulen ins Leben gerufen. „Lieber ohne Platzangst studieren – in Brandenburg“, heißt es auf Plakaten und Postkarten. Dazu ist eine Büchse Sardinen zu sehen, eine Anspielung auf überfüllte westdeutsche Universitäten. Manchmal hilft eben nur noch Galgenhumor.               Harald Fourier

Foto: Ganze Quartiere planiert: Wegen des Bevölkerungsschwunds in Brandenburg stehen einst dringend benötigte Plattenbausiedlungen leer und werden wie hier in Prenzlau abgerissen.


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