© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Mächtiges Oligopol
Elektrizität teuer wie nie – 2007 schon 20 Milliarden Euro Gewinn, 2008 noch mehr

Steht Deutschland unter der Knute der vier großen Stromkonzerne, die den deutschen Markt in Sachen Stromversorgung, Stromerzeugung und Stromtransport beherrschen? Eine neue Studie unterstellt Vattenfall, RWE, EnBW und E.on Raffgier.

„Jeder zweite Stromanbieter will 2009 an der Preisschraube drehen“, hieß es gleich zu Jahresbeginn. In Kombination mit der kurz vor Silvester veröffentlichten Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, nach der die vier großen Stromkonzerne Vattenfall, E.on, RWE und EnBW in den letzten fünf Jahren ihre Gewinne verdreifacht haben, verdichtet sich der Verdacht, daß sich einige wenige hier auf Kosten der breiten Masse bereichern.

Die Grünen, die die Studie in Auftrag gegeben hatten, sahen sich in ihrem Urteil bestätigt, daß fehlender Wettbewerb auf dem Strommarkt dazu führe, daß die vier großen Anbieter ihre Monopolstellung weiter ausbauten und die Preise diktierten.

Trotz Feiertagsstimmung ließ zumindest E.on dies nicht auf sich sitzen. Die Studie sei eine „klar erkennbare Auftragsarbeit“ schnaubten die Düsseldorfer empört. Sie liefere lediglich „politisch oder ideologisch gewünschte Ergebnisse, indem Fakten und Zusammenhänge ausgeblendet und ignoriert werden“. Der Strom sei seit der Liberalisierung des Marktes 1998 nicht teurer geworden, wenn man den reinen Erzeugerpreis ohne Steuern und Abgaben betrachte.

Und hier beginnt dann auch jegliche Überprüfbarkeit zu verschwimmen, denn der Strompreis ist ein einzigartig intransparentes Gebilde. Er setzt sich in etwa wie folgt zusammen: 40 Prozent Steuern und Abgaben, 34 Prozent regulierte Netznutzungsentgelte, 24 Prozent Einkaufskosten (Strombezug) und etwa zwei Prozent Vertriebskosten beziehungsweise Gewinnmarge. Dies gilt für den Stromversorger. Die großen vier sind aber gleichzeitig auch Strom-erzeuger – hier haben sie einen Marktanteil von über 80 Prozent – und Übertragungsnetzbetreiber. Bei beidem sind sie zwar auch staatlichen Vorgaben unterworfen, doch auch hier gibt es Handlungsspielraum. Bei dem Versuch, diesen nachzuvollziehen, scheiterten die saarländischen Studienmacher. Das Ziel, die Gewinne der Konzerne den jeweiligen Stufen der Wertschöpfungskette zuzuordnen, wurde verfehlt. Da anhand der verfügbaren Daten nicht erkennbar war, welche Gewinne etwa im Strom- und Gassektor oder in der Stromerzeugung und im Stromvertrieb gemacht werden, war nach Angabe der Autoren eine Analyse nicht möglich. Die Konzerne hätten alle bestehenden Bilanzvorschriften ausgereizt und Bereiche in Tochterunternehmen ausgegliedert, die keinen Einzelabschluß veröffentlichen müssen.

Während Vattenfall, EnBW und RWE sich zurückhalten, verteidigt sich E.on. „Wenn man über Gewinne redet, sollte man dies in den richtigen Zusammenhang rücken. E.on investiert über 60 Milliarden Euro von 2007 bis 2010 in die europäische Stromversorgung, davon gehen sechs Milliarden in Erneuerbare Energien. Dies ist das wahrscheinlich größte Investitionsprogramm eines europäischen Unternehmens überhaupt. Dieses Geld muß verdient werden“, erklärt E.on-Pressesprecher Jens Schreiber. Mit einer Rendite von 14,5 Prozent rangiere E.on zudem unter den Dax-100-Unternehmen im letzten Drittel, das spräche keineswegs für exorbitante Margen. Zudem relativiere sich die Verdreifachung der Gewinne auch stark, wenn man sich vor Augen führe, daß E.on das dafür eingesetzte Kapital seitdem mehr als verdoppelt hat.                 Rebecca Bellano

Foto: Das deutsche Stromnetz ist 1,6 Millionen Kilometer lang. Nur knapp 25 Prozent davon verlaufen noch oberirdisch.

 

Zeitzeugen

Günter Rexrodt – Die Liberalisierung des Strommarktes fällt in seine Amtszeit als Wirtschaftsminister (1993–1998). Anfangs schien es, als sei die Entscheidung des FDP-Politikers (1941–2004) im Sinne der Verbraucher, da die Preise sanken. Dann kam es zu Fusionen, die wenigen Unternehmen die Marktmacht zukommen ließen, die nun die Preise bestimmen.

 

Wulf Bernotat – Der 1948 in Göttingen Geborene startete nach dem Jurastudium 1976 seine Karriere bei Shell. 20 Jahre blieb er dem Öl-Konzern treu, erst 1996 wechselte er in die Marketingabteilung der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks AG (VEBA), die 2000 zusammen mit der VIAG in der heutigen E.on aufging. Drei Jahre später wurde er Vorstandsvorsitzender von E.on.

 

Werner Müller – Der 1946 geborene Volkswirt arbeitete ebenfalls bei der VEBA, verließ das Unternehmen aber bereits 1997. 1998 wurde er Wirtschaftsminister der rot-grünen Schröder-Regierung. 2002 geriet er in die Kritik, weil er offiziell aus „Gründen des überragenden Interesses der Allgemeinheit“ ein Verbot des Bundeskartellamts zur Fusion seines ehemaligen Arbeitgebers VEBA, inzwischen E.on, mit der Ruhrgas AG von seinem Staatssekretär Alfred Tacke außer Kraft setzen ließ. Müller wechselte 2003 zurück in die Wirtschaft als Vorstand der Ruhrkohle AG (RAG).

 

Gerhard Schröder – Die umstrittene Fusion von E.on und Ruhrgas fällt in seine Amtszeit. Auch der damals als „Genosse der Bosse“ titulierte Ex-Kanzler wechselte wenige Wochen nach seiner Abwahl in die Wirtschaft. Beim russischen Gasmonopolisten Gazprom fand der 1944 Geborene eine neue Aufgabe.

 

Alfred Tacke – Der promovierte Ökonom (*1951) war bereits 1990 unter Ministerpräsident Gerhard Schröder Referatsleiter für Wirtschafts- und Strukturpolitik in Niedersachsen. 1998 folgte er Schröder als Staatssekretär von Wirtschaftsminister Müller nach Berlin. Die in Vertretung von Müller ausgesprochene Ministererlaubnis zur Fusion E.on / Ruhrgas wurde ihm gedankt: 2004 wurde Tacke Vorstandsvorsitzender des Stromversorgungsunternehmens STEAG, heute Evonik, einer Tochter der von Müller geführten RAG.


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