© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Ost-Deutsch (99):
Leitmotiv
von Wolf Oschlies

Ja nisam luzer, o naprotiv/ meni je osmeh lajtmotiv“ (Ich bin kein Loser, im Gegenteil/ Lächeln ist mein Leitmotiv) singt Gjorgje Balasevic, letzter Mohikaner des klassischen Jugo-Pops und einziger serbischer Künstler, der bis heute von Ljubljana bis Zagreb Stadien füllt. Mit dem „Leitmotiv“ gebraucht er ein deutsches Wort, das seit Jahren im Osten überall und inflationär verwendet wird. Warum? Weil „reforma është lajtmotiv“ (Reform das Leitmotiv ist), wie selbst Albaner sagen.

Der Begriff tauchte um 1870 in der Musik auf, wo er eine stets wiederkehrende Tonfolge bezeichnet. Carl Maria von Weber hat als erster leitmotivisch komponiert, Richard Wagner hat es exzessiv getan und zahllose Musiker, besonders solche vom Film, machten es ihnen nach. Aber (wissen Kroaten) „muziki lajtmotiv se gubi“ – Leitmotiv gibt es nicht mehr nur in der Musik. Es dominiert östliche politische Debatten – geschrieben lateinisch oder kyrillisch, phonetisch oft „aj“ oder „ej“ angepaßt.

Ganz deutsch ist polnischer Wortgebrauch: „Leitmotivem niemal wszystkich rozwazan“ (Leitmotiv fast aller Überlegungen). Ebenso tschechischer: „krize a apokalypsy, to je leitmotiv festivalu“ (Krisen und Apokalypsen sind das Leitmotiv des Festivals). Gelegentlich halten es auch Serben so: „Kroz celu knjigu povukli svoj credo i leitmotiv“ (Durch das ganze Buch zogen sich sein Credo und Leitmotiv); aber zumeist schreiben sie anders: „Lajt-motiv citavog teksta“ (das Leitmotiv des ganzen Textes). Ohne Bindestrich kommen Kroaten aus, wenn sie das „lajtmotiv prestojecih izbora“ (Leitmotiv der bevorstehenden Wahlen) nennen.

„Takij lejtmotiv rozmovi“ (so ein Leitmotiv der Unterhaltung) kennen auch Ukrainer. Sie schreiben kyrillisch, verwenden statt des „j“ ein „i kratkoe“, was aber den Wiedererkennungswert nicht mindert. Dasselbe gilt für Russen: „Otnosenija SSchA i Evropy okazalis lejtmotivom“ (Die Beziehungen USA – Europa erwiesen sich als das Leitmotiv). Und wo bliebe russische Literaturkritik, wenn sie nicht das „lejtmotiv proizvedenija“ (Leitmotiv des Werks) ausfindig machte? Ihr und anderen geht die Souveränität Richard Wagners ab, der zwar in Leitmotiven schwelgte, den Begriff aber nur ein einziges Mal verwendete.


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