© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Moment mal!
Israel bringt die Linke aus dem Konzept
von Klaus Rainer Röhl

Widerlich. Fast jeden Abend gibt es im Nahen Osten Krieg gegen Frauen und Kinder. Hamas-Krieger haben den Waffenstillstand gekündigt, beschießen mit neuen Raketen aus dem Iran, die weiter reichen als ihre bisherigen selbstgebastelten Kassam-Raketen, israelische Ortschaften. Palästinensische Selbstmord-Attentäter stehen in Kompaniestärke bereit. Abend für Abend starten israelische Kampfflugzeuge nach Gaza (die Entfernung für Düsenjets dorthin beträgt dort nur Minuten, die meiste Zeit geht für die Vorbereitung der Kampfflugzeuge drauf), Panzer rücken ins Land ein, beschießen Häuserblocks, aus dem die Hamas ihre Raketen abgefeuert hat, ein Depot, eine Moschee, in der Waffen lagern, eine Kaserne, in der sich Hamas-Kämpfer sammeln. Hunderte Tote, Kinderleichen, Blutlachen, Verstümmelte, geballte Fäuste.

Seit eine der radikalen Terrorgruppen, die Hamas, als größte Partei mit Mehrheit ins palästinensische Parlament gewählt wurde, weiß keiner mehr, wie es weitergehen soll. Unsere sonst so engagierten Journalisten und unsere Politiker wollen im Nahen Osten nicht eindeutig Partei ergreifen. Man redet herum, appelliert an die Vernunft, an die Menschlichkeit, an die „Verantwortlichen“. Es war noch nie so viel nutzloses Gerede im Äther. Am größten ist die Verwirrung bei den deutschen Linken. Neujahr waren es in Hamburg 4000,  ebenso in Dortmund, zuletzt 15000 in Frankfurt, dann in Berlin und anderen deutschen Städten: Deutsche Linke und „Antifaschisten“ stehen auf der Straße und beschimpfen Juden als Faschisten, Schweine, Kindermörder. Gelegentlich sind auch arabische Worte zu hören, die die meisten nicht verstehen. Sie sind deutlicher: Tod für Israel. Gelegentlich ist auch der Ruf „Allahu akbar“ („Allah ist groß“) zu hören. In Paris tritt eine Gegendemonstration mit israelischen Fahnen auf, organisiert von der jüdischen Gemeinde und den linken Freunden Israels. Mehr Pro-Israel-Demonstrationen sind für Januar geplant. Wenn die jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Juden nicht scharf aufpassen, finden sie sich plötzlich in einer Reihe mit einer neuen Gruppe Schwarzvermummter wieder:  Die „Antideutschen“. Demonstranten mit schwarzen Brillen, schwarzen Baseballkappen und Kapuzenshirts, eine ganz neue, seltsame linke Gruppierung, die 2006 zum ersten Mal auftrat: Ihre Parolen: „Nieder mit Deutschland! Gegen jeden Antisemitismus! Kein Friede mit den Feinden Israels! Für den Kommunismus.“

Für den Kommunismus? Die Linke dreht endgültig durch. Widersprüche brechen auf, die es immer gab, die aber jetzt nicht mehr länger zu verdrängen sind. Antifaschismus wird als Freundschaft zu Israel fragwürdig. Für die ganz Radikalen ist Israel selbst faschistisch. Für ihre Gegner wiederum wird die ganze, lange gepflegte Verharmlosung des Islams plötzlich fragwürdig. Die Position der richtigen Linken zu den „Antideutschen“ findet sich schön formuliert in einer ellenlangen Veröffentlichung des (der Links-Partei nahestehenden) Rosa-Luxemburg-Instituts „Antideutsche Linke und linke Antideutsche“: Der Kapitalismus sei schuld, natürlich in seiner modernen Variante als global agierender Weltimperialismus. Das sei die Hauptursache des Nahost-Konflikts, alles andere, Religion, Islamismus, Rassismus und so weiter, seien „Nebenwidersprüche“.

Links ist dumm, das haben wir an dieser Stelle schon mehrmals deutlich gemacht. Links macht leider auch blind. Aber was wird in der Zwischenzeit mit den Menschen im Gazastreifen und in Israel? Jeden Tag hören wir neue Vorschläge: Die Uno solle eingreifen, die EU, die arabischen Länder. Manche hoffen auf Obama. Aber jeder weiß, es ist gerade die Pause, die zwischen dem Regierungsantritt Obamas und der Parlamentswahl in Israel liegt, die Verteidigungsminister Ehud Barak von der Arbeitspartei Awoda nutzt. Er steht unter Zeitdruck. Denn die Folgen des Bombenkriegs, der die militärische Basis der Hamas ausschalten soll, treffen nicht nur die Raketenschützen und Kommandeure der Hamas, sondern, bei der Ausweitung der Kampfhandlungen, immer mehr Frauen und Kinder. Das ist Israels schwache Stelle und die Stärke der Hamas: Die Weltöffentlichkeit. Hunderte von Frauen und Kinder, getötet und grauenhaft verstümmelt, sehen die Fernsehzuschauer der Welt jeden Abend mit steigender Fassungslosigkeit. Die Lage des Zentralrats der Juden in Deutschland und seines Präsidiums ist in diesen Tagen nicht beneidenswert. Sie ist sogar verzweifelt. Wie ist unseren jüdischen Mitbürgern zu helfen? Sicher nicht mit den linken „Antideutschen“.

Aber auch auf keinen Fall mehr mit der über 60 Jahre lang bewährten Methode, Kritiker Israels einfach als Antisemiten zu bezeichnen. Die Behauptung, jemand sei antisemitisch, gehörte bis vor wenigen Tagen zu den verläßlichsten Waffen des „Zentralrats“. Wird diese Waffe stumpf? Vieles wird jedenfalls unglaubwürdig. Das fängt damit an, daß niemand offen ausspricht, daß die Palästinenser Heimatvertriebene sind, die nach drei großen, von der arabischen Seite geführten Angriffskriegen fast 80 Prozent Landes an die Israelis verloren haben. Das, was sie jetzt noch ihr Land nennen, sind mehr oder weniger unfruchtbare Landstriche und Flüchtlingslager, die zu großen Betonstädten ausgewuchert sind. Sie haben nie Gelegenheit gehabt, sich wie Ostpreußen, Pommern oder Sudetendeutsche im Land zu integrieren. Warum spricht niemand in unserer Presse darüber? Warum nennen wir die bis zu sechs Meter hohe Mauer, die das ganze Land zerschneidet, Schutzzaun?

Israel braucht keine Mauer, sondern Hilfe. Und behandeln wir Israel endlich als das, was es am liebsten sein möchte, als ein normales Land. Einen der wichtigsten Partner Europas. Israel ist, nach der Herkunft des überwiegenden Teils seiner Bewohner, ein europäisches Land, die aus den USA stammenden Einwanderer haben ebenfalls europäische Wurzeln. Sie haben die gleiche Bildung und Kultur. Sie haben eine ähnlich strukturierte Wirtschaft, sie lesen die gleichen Bücher und sehen die gleichen Filme wie Franzosen und Deutsche und Polen, selbst die kurzlebigen Idole der Pop-Kultur der Jugend sind die gleichen. Die im Land geborenen Israelis fühlen sich als Erbauer und Nutznießer einer hochentwickelten Zivilisation inmitten einer fremden und unterentwickelten, aber von religiösem Fanatismus beherrschten, Jahr für Jahr weiter verelendenden arabischen Bevölkerung. Deren Wirtschaft sie mit aufbauen könnten.

Israel gehört weit eher in die EU als die Türkei. Israel hat eine immer noch funktionierende Demokratie. Eine Demokratie freilich mit einem schon lange ausufernden militärischen Machtapparat, der jeden Ansatz von Verständigung im Keim erstickt, wie auf der anderen Seite die Haßprediger und Terroristen jeden Ansatz von Vernunft im Gaza-Streifen unterdrücken. Israel braucht jetzt, mehr denn je, Freunde, nicht Philosemiten. Und als Freunde sagen wir ihnen offen: Israel ist zur Zeit die offene Flanke des Westens im Kampf gegen den militanten Islamismus. Ein großer Teil des Zulaufs für den Terrorismus und dessen Steigerung in den letzten Monaten basiert auf der israelischen Besatzungspolitik in dem von ihm in drei Kriegen eroberten Land. Diese Besatzungspolitik der Armee wird von den Haßpredigern der Hamas zum Anlaß genommen, immer neue Raketen abzufeuern und Selbstmörder in den Tod zu senden. Aber diese jungen Leute brauchen keine jahrelange Gehirnwäsche, um von explodierendem Haß erfüllt zu sein. Es genügt oft, Augenzeuge einer einzigen Militäraktion der israelischen Armee gewesen zu sein, mit erschossenen oder von Raketen zerrissenen Frauen und Kindern. Bis sie weit und breit keinen Ausweg mehr sehen als diesen ohnmächtigen Selbsthaß, aus dem die Bereitschaft zur Selbsttötung kommt, und kein anderes Gefühl als diesen Haß, der durch keine Mauer und keine Bomben aufgehalten werden kann. Das muß ein Ende haben – im zukünftigen EU-Land Israel.


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