© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Der Streit um die besten Köpfe
Der Pädagoge Johann Bernhard Basedow wollte Lernen nicht zur freudlosen Sache verkommen lassen

In der Wissenschaft vom Menschen herrscht heute Einmütigkeit über die Wechselwirkung biologischer und soziologischer Ursachen bei seiner Gesamtdisposition. Der Mensch ist also bei seiner Geburt kein unbeschriebenes Blatt, in das sich die Umwelt erst einschreibt, wie der Engländer John Locke vermutete. Auch Rousseaus Gleichheitstraum ist längst widerlegt, ebenso die marxistische Vorstellung von einer unbegrenzten Vollkommenheit des Menschen.

Schon immer ist in Deutschland der „Wissenschaft von der Erziehung“ ein hoher Rang eingeräumt worden. Sowohl in der theoretischen als auch in der praktischen Pädagogik haben deutschsprachige Erzieher seit dem 17. Jahrhundert bahnbrechende Vorarbeiten geleistet, die in fast allen Ländern der Erde Nachahmung fanden. Zu einem der bekanntesten Köpfe der Reformpädagogik in der Zeit der Aufklärung gehörte Johann Bernhard Basedow (1723–1790). Der in Hamburg geborene Sohn eines Perückenmachers lernte im Vorschulalter bei seinem Vater Schreiben und Lesen. Er wurde anschließend in das Hamburger Johanneum aufgenommen, einem Erziehungsinstitut mit angeschlossenem Akademischem Gymnasium. Der junge Basedow beklagte das dumpfe Einpauken grammatischer Regeln in den Lateinstunden. Er wollte alles besser machen, das Lernen sollte nicht zu einer freudlosen Sache verkommen, darin erkannte er seine zukünftige Lebensaufgabe. Johann Bernhard Basedow betätigte sich zunächst als Hauslehrer in adligen Familien. Im spielerischen Unterrichten der Kinder verfolgte er den auch heute noch gültigen pädagogischen Grundsatz, „vom Einfachen zum Schwierigen“ zu gehen. Vor allem hatte der Unterricht anschaulich zu sein und zur Selbsttätigkeit anzuregen. Ganz „handgreiflich“ erklärte er mit Hilfe von Erbsen und Weizenkörnern die Grundrechenarten.

Basedows Reformprogramm für den Schulunterricht fand Anerkennung, er erhielt eine Anstellung als Professor am Königlich Dänischen Gymnasium zu Altona. Seine beharrlichen Forderungen nach Schulbibliotheken an öffentlichen Schulen und Lehrerseminaren setzten sich langsam durch.

Den Unterricht auf den unteren Stufen wollte er ganz auf die täglichen Dinge des Lebens beziehen. Stufenweise, der geistigen Entwicklung der Schüler folgend, sollten dann die Kenntnisse der Umwelt vermittelt werden.

Zur Realisierung seiner Pläne gab Basedow 1770 das erste bebilderte Schulbuch heraus, das berühmte „Elementarwerk“. Das Besondere des Elementarwerkes lag in den Abbildungen, in der Anschaulichkeit der behandelten Gegenstände. Für die Mitarbeit an seinem Schulwerk konnte der Pädagoge den seinerzeit bekanntesten Kupferstecher Daniel Chodowiecki gewinnen, der die 53 Kupferplatten radierte, von denen jeweils bis zu 500 Abzüge gemacht werden konnten. Das Buch erregte großes Aufsehen, es wurde ins Französische und Lateinische übersetzt. Weil die meisten Familien kaum Geld für Schulbücher hatten, klebte man die Bilder auf Pappdeckel, die vom Lehrer an die Schüler verteilt und nach der Unterrichtsstunde wieder eingesammelt wurden.

Die Schulbücher wurden von vielen Gebildeten begeistert aufgenommen, unter ihnen war auch der fortschrittlich denkende Fürst Leopold III. von Anhalt-Dessau. Er berief Basedow 1771 in seine Residenzstadt, damit er dort die reformerischen Ideen in die Tat umsetzen konnte. In Dessau gelang es Basedow, mit finanzieller Unterstützung des Fürsten, seine schon lange geplante Modellschule einzurichten. Er nannte sie „Philanthropinum“ oder „Schule der Menschenfreundschaft“, ein Gymnasium mit angeschlossenem Erziehungsheim. Seit der Gründung des pietistischen Pädagogiums der Franckeschen Stiftungen in Halle (1696) war Basedows Schulneugründung in Dessau das modernste Unterrichtsinstitut in Deutschland.

Was heute als selbstverständlich angesehen wird, die Leibesertüchtigung, gemeinsame Ausflüge, Feste miteinander zu feiern und natürlich das vorbildhafte Verhalten der Erzieher gegenüber den Schutzbefohlenen – alle diese Dinge praktizierte Basedow, der die Mängel und Mißstände damaliger Erziehung schonungslos aufdeckte.

Als gegen Ende des Jahres 1774 das „Philantropinum“ endlich eröffnet werden konnte, hatte sich Basedow mit der Herausgabe von verschiedenen philosophischen und theologischen Schriften einen  Namen gemacht. So erschien 1758 die später verbesserte Auflage von „Praktische Philosophie für alle Stände“, ein Werk, das viel Beifall fand. Da er nur das zu lehren beabsichtigte, was er auch wirklich glaubte, beschäftigten ihn zunehmend die Frage des Wahrheitsgehaltes der christlichen Religion. Seine Gedanken faßte er in einer Abhandlung zusammen mit dem Titel „Ob die Philosophie zur Freigeisterei führe“. Diese Schrift rief die Kritik von Pastoren hervor, die ihn als „Ketzer“ verdächtigten. Basedows Anhänger, darunter Heinrich Campe und Gotthilf Salzmann, unterstützten seine Reformbewegung, die eine vernunftgemäße Erziehung anstrebte. Auch Männer wie Kant und Lavater befürworteten Basedows Pläne.

Die Auseinandersetzungen mit Neidern hatten Basedows von Natur gute Gesundheit erschüttert. Trotz aller Anfeindungen hielt Fürst Leopold von Dessau in Treue zu dem Aufklärungspädagogen, dessen Philanthropinum steigende Schülerzahlen aufwies. Goethe, den Basedow auf einer Rheinreise kennengelernt hatte, wollte beständig über die Entwicklung der Schule informiert werden. In Königsberg ließ Kant Spenden für das Philanthropinum sammeln und empfahl ostpreußische Schüler nach Dessau. In Thüringen gründete Salzmann die Erziehungsanstalt Schnepfenthal, ein Nachfolgeinstitut der Dessauer Reformschule, das bis in die Gegenwart existiert. 2001 wurde dort ein staatliches Spezialgymnasium für Sprachen eingerichtet (mit Internat), an dem man unter anderem Japanisch, Arabisch und Chinesisch lernen kann. In Preußen, von Friedrich dem Großen befürwortet, reformierte man die Stadtschulen im Sinne Basedows.

Bereits vier Jahre nach der Gründung des Philanthropinums gab Johann Bernhard Basedow die Leitung der Schule ab. Er zog sich nach Magdeburg zurück, wo er am 25. Juli 1790 starb. Die Pädagogik in der Bundesrepublik Deutschland hat die philanthropischen Ideen Basedows, beispielsweise das „spielerische Lernen“, nur bedingt in die Lehrerbildungsanstalten aufgenommen, man berief sich lieber auf das Menschenbild des Schweizers Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827).                 R. Ruhnau


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