© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Streit mit Phantasiezahlen
Wie viele Tschechen verließen 1938 das Sudetenland?

Nur wenn unser Grenzland tschechisch bleibt, bleibt auch unser ganzes Vaterland tschechisch“, trommelt seit fast 20 Jahren der altkommunistische „Grenzland-Klub“ in dem einst nahezu gänzlich deutsch besiedelten Sudetenland. Das mußte die Tschechoslowakei im Münchner Abkommen vom September 1938 an Deutschland abtreten, was der Grenzland-Klub als Beleg ewiger deutscher Erbfeindschaft propagiert, die sich als bedrohlicher „Germanisierungsprozeß“ fortsetze. Als Opfermythos verbreitetet er Phantasiezahlen über 1938 angeblich aus dem Sudetenland vertriebene Tschechen und hat damit sogar Erfolg: Politiker, Intellektuelle, selbst das tschechische Verfassungsgericht (1995) haben seine Angaben kritiklos übernommen.

Mancher setzt noch einen drauf, etwa der Prager Autor Jan Gazdik – dessen laxer Umgang mit Fakten notorisch ist –, der kürzlich in der Zeitung „Mlada fronta dnes“ schieb, 1938 mußten „binnen zehn Tagen 1200000 Tschechen ihre Häuser im Grenzland verlassen“. Das sei „Unsinn“, typisch für die „Genossen Patrioten-Bolschewiken des Grenzlandklubs“, widersprach Franz Chocholaty Groeger, ein akribischer Historiker der jüngeren deutsch-tschechischen Verhältnisse. Er hat dieselbe Frage bereits im März 2008 erforscht und kam zu weit niedrigeren Zahlen: 152000 Flüchtlinge im Dezember 1938, knapp 180000 Ende Juni 1939. Unter ersteren waren aber auch geflohene Deutsche, unter letzteren Tschechen, die aus den polnisch oder ungarisch gewordenen Landesteilen flüchteten. Nicht gerechnet sind dagegen tschechische Beamte, Lehrer und Militärs, die dienstlich zurückgerufen waren, auch nicht die sudetendeutschen NS-Gegner, die von Prag wieder ausgeliefert worden waren:

Was besagen Zahlen über Menschenschicksale? Nach dem deutsch-tschechoslowakischen Vertrag über die Staatsbürgerschaft vom 26. November 1938 konnten auch Tschechen „Reichsbürger“ werden, was 175000 taten (von 677000 im Sudetenland) – mit ihrer Scholle verbundene Bauern, denen tschechoslowakische Landreformen mißfielen, oder Opportunisten, die von den besseren Lebens- und Reisebedingungen im Reich profitieren wollten. Gesichert ist, daß selbst 1939 noch mehr Tschechen im Sudetenland lebten als Ende 1918. Deutsche waren von anfänglicher Euphorie bald ernüchtert – durch Wehrpflicht, Rassengesetze und  reichsdeutsche Diskriminierung der drei Millionen Sudetendeutschen. Ab Mai 1945 wurden sie vertrieben, hektische „Neusiedlungen“ haben ihre Lücke nie auffüllen können. Wären wenigstens eine Million Deutsche geblieben, als „zivilisatorische Balance“ zwischen Tschechen und Slowaken (sagte der Prager Publizist Pavel Tigrid), dann wäre die Tschechoslowakei 1993 nicht zerbrochen.                Wolf Oschlies


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