© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-09 vom 10. Januar 2009

Flohmarktsterben in Königsberg
Stadtplaner wollen der günstigen Einkaufsmöglichkeit den Garaus machen

Die Finanzkrise wirkt sich auf das Königsberger Gebiet aus. Neue Einkaufs­zentren können nicht fertiggestellt werden, weil die Investoren fehlen. Dennoch setzen die Stadtplaner ihre Projekte durch, auch wenn sie das Stadtbild belebende Elemente wie Flohmärkte Stück für Stück verdrängen.

In Europa und in vielen Ländern der Welt sind Flohmärkte längst zu einem nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der Kultur und Tradition geworden. Viele gibt es schon seit Jahrzehnten, einige existieren sogar schon seit über 100 Jahren, ohne jemals ihren Ort verlagert zu haben, wie beispielsweise in Paris.

In Königsberg wie auch in anderen Städten der Russischen Föderation betrachten die Stadtoberhäupter Flohmärkte als etwas Befremdliches, manchmal sogar als etwas Unzulässiges. Statt den Flohmarkt als eine das Stadtbild bereichernde Erscheinung zu sehen, die nicht nur für die Bewohner interessant ist, sondern auch für Touristen, versuchen die Entscheidungsträger sie vom Straßenbild zu entfernen. Flohmärkte gelten bei ihnen als „Schwarzmarkt“, als „unkontrollierbar“ und „unseriös“.

In Königsberg finden schon so gut wie keine regelmäßigen Flohmärkte mehr statt. Einem der ältesten, dem auf dem zentralen Platz der Stadt, droht nun das Aus. Der Grund hierfür ist ein für die letzten Jahre typischer: Der Flohmarkt soll dem Bau eines weiteren Büro- und Einkaufzentrums weichen. Schon jetzt zeichnet sich ab, daß die Bauherren der Flohmarkt stört und sie solch einen Nachbarn neben ihrem neuen schönen Zentrum nicht haben wollen.

Für die Flohmärkte galt lange Zeit das Gewohnheitsrecht. Die Verkäufer boten ihre gebrauchten Gegenstände auf der Straße an, meist legten sie ihre Waren direkt auf dem Bürgersteig aus. Natürlich unterscheiden sie sich dadurch von den geordneten Flohmärkten, wie man sie in Hamburg oder Berlin sieht, aber die Königsberger hatten sich an sie gewöhnt. Schließlich konnte man dort viele notwendige Dinge für den Alltagsgebrauch günstig erstehen.

Der Preis ist aber nicht allein ausschlaggebend für die Beliebtheit der Märkte. Benötigt man zum Beispiel nur einzelne Schrauben oder Muttern, findet man sie in Königsberg nur auf dem Flohmarkt. In Baumärkten oder Supermärkten gibt es sie nicht einzeln. Überhaupt ist es schwierig, im Laden ein Ersatzteil zu erstehen. Man muß, natürlich für einen höheren Preis, komplette Einheiten kaufen. Die Verkäufer auf dem Flohmarkt verfügen häufig über technische Kenntnisse und geben Tipps zur Handhabung des gekauften Gegenstandes, was man im Supermarkt nicht erwarten kann. Die jungen Verkäufer in Baumärkten haben in der Regel nur theoretische Kenntnisse.

Auf einem Flohmarkt kann man dagegen die ungewöhnlichsten Dinge finden: Autoteile, verschiedene Deckel, Schraubenschlüssel, Flaschen, Dosen, alte Nähmaschinen und dergleichen mehr.

Die Flohmarktbetreiber wollen sich nicht verdrängen lassen. Sie sind bereit, Standgebühren für einen festen Standplatz zu zahlen, damit es auf ihrem Markt zivilisierter zugeht. Die Standbetreiber sind nicht selten Menschen mit höherer Bildung, die keine Arbeit finden, oder Rentner, die sich auf diese Weise ihre magere Rente aufbessern wollen. Ihre einzige Möglichkeit etwas dazuzuverdienen ist der Flohmarkt. Wie es aussieht, wird ihnen diese Zuverdienstmöglichkeit bald unmöglich gemacht. Wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage ist damit zu rechnen, daß das neue Einkaufscenter lange leer stehen wird, weil sich keine Mieter finden. Für die Flohmarkthändler sind die Mietpreise zu hoch.

Die Wirtschaftskrise wirkt sich nun auch immer stärker auf die Russische Föderation aus. In der Folge wird es schwieriger, Investoren zu finden. Für das begonnene Bauprojekt im Königsberger Zentrum heißt das, es ist noch nicht klar, ob es fertig gebaut wird. Eigentlich sollte es in diesem Jahr schon zur Nutzung übergeben werden. Vielleicht wird das Haus eine Bauruine bleiben. Wo die Flohmarkthändler, die hier ihre Stände hatten, bleiben sollen, interessiert weder Bauherren noch Bürgermeister.   Jurij Tschernyschew


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren